Orchideen – schöne und aufwendige Betrüger

Etwa 1000 Gattungen mit 15.000 bis 30.000 Orchideen-Arten werden von den Botanikern anerkannt. Ihre Vermehrung läuft auf raffinierte Weise ab.

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Es gab schon früher Naturliebhaber. Allerdings drückte sich ihre Zuneigung auf eine uns heute seltsam erscheinende Art und Weise aus. Sie durcheilten Wald und Feld mit einem Fangnetz für Insekten und einer Botanisiertrommel für Pflanzen. Die ersten sammelte man aufgespießt in Schaukästen, die Letztgenannten kamen ins Herbar. Leider verloren sie dort ihre farbige Schönheit, denn getrocknete Pflanzen hält man gewöhnlich für Heu.

Wie gut haben es da die Sammler unserer Tage. Für Farbfotos aus der Nähe brauchen sie nicht einmal mehr Vorsatzlinsen und Stative. Die moderne digitale Kamera macht auf Knopfdruck alles automatisch.

Beeindruckt schauen sich nach dem Urlaub eingeladene Freunde die Wunder an Formen und Farben an, die man von Blütenpflanzen aus dem Hochgebirge oder aus tropischen Regionen mitgebracht hat. Da gibt es Raritäten für Kenner oder umwerfende Schönheiten zu bestaunen.

Sie dachten es sich schon, dass man nun auf Orchideen zu sprechen kommen würde. Diese sind weltweit verbreitet. Man schenkt die im Handel für teures Geld erworbenen Exemplare nicht geschnitten für die Vase. Nein, sie werden bewurzelt in einem kostbaren Keramiktopf überreicht. Sie sollen den Beschenkten mit ihrer Schönheit Freude bereiten, Dankbarkeit und Zuneigung zum Ausdruck bringen.4100_p8-9_2

Der Name Orchidee, so kann man im Internet erfahren, stammt aus dem Griechischen. Nicht von Wissenschaftlern ausgewählt, wie es seit dem großen Linné in der binären Nomenklatur üblich geworden ist, wo der Gattungsname aus dem klangvollen Griechisch gewählt wird und der Artname dem lateinischen Streben nach Genauigkeit entstammt. Nein, der Name wurde der Pflanze schon im Altertum von guten Beobachtern gegeben, denen die zwei nussgroßen Speicherknollen an den Wurzeln nicht verborgen geblieben waren. Das griechische Wort orchis bedeutet auf Deutsch «Hoden». Und sofort fällt Ihnen ein, dass das auch den alten Deutschen nicht entgangen war, welche eine bodenständige Art «Knabenkraut» nannten.

Da sich nach unserem Geschmack Schönheit und Anmut eher mit der holden Weiblichkeit in Verbindung bringen lässt, heißt die größte und sicher auch auffälligste Orchidee, welche in gewissen Alpenregionen zu finden ist, «Frauenschuh».Eher profan der Name, gäbe es da nicht einen Bezug in die Mythologie. Denn wie «Frauenmantel» und «Frauenflachs», Namen, die sich angeblich auf «unsere liebe Frau» – also Maria beziehen sollen, sagt uns das Alter dieser Bezeichnung, dass es sich bei der angesprochenen Frau um Freia, die Gemahlin des Wotan und Mutter einer Generation von Asen handelt. Sie spann Flachs und war wie Frau Holle den fleißigen Hausfrauen zugetan.

Linné störte sich nicht daran, sondern nannte den «Frauenschuh» Cypripedium calveolus L. Wie poetisch! Kypris ist nämlich der Beiname der Aphrodite, der Göttin der Schönheit und Liebe bei den Griechen. Dass calceolus etwas mit Fußbekleidung zu tun hat, muss man einem Chilenen nicht extra erklären.

 

Ein Schulmeister entdeckt Geheimnisse der Natur4100_p8-9_3

Christian Konrad Sprengel lebte zur Goethe-Zeit und war Rektor einer Schule in Berlin Spandau. Er wollte seinen Schülern nicht nur vortragen, was in Büchern nachzulesen war. Er ging hinaus in die Natur und bereitete seinen Unterricht mit eigenen Beobachtungen vor. Was er fand, das pfeifen heute die Spatzen von den Dächern. Doch damals hatte noch niemand so genau hingesehen.

Dass die Blüten der Pflanzen etwas mit ihrer Fortpflanzung zu tun haben mussten, das war schon im Gespräch. Da in einer Blüte sowohl männliche Staubgefäße als auch weibliche Griffel anzutreffen sind, wurde angenommen, die Pflanzen erledigten das, worüber zu sprechen einem peinlich war, selbst. Doch nun kam dieser Sprengel und behauptete in einem Büchlein, dass für eine Fremdbestäubung Boten in Anspruch genommen würden («Das entdeckte Geheimnis der Natur», Viehweg-Verlag, 1793) Wie er beobachten konnte, tragen Insekten, nämlich Bienen, Hummeln und Falter Pollen von Blüte zu Blüte. Und sie würden für diesen Service sogar belohnt, nämlich mit einem Nektartrunk.

Das ging den Zeitgenossen zu weit. Zunächst einmal würde ein Wissenschaftler seine Erkenntnisse auf Lateinisch publizieren und nicht wie ein Nichtfachmann auf Deutsch. So dann war es eine Zumutung, glauben zu machen, dass die reinen, hehren Blüten sich bei einem «Liebesakt» der Mithilfe von haarigen Krabbeltieren bedienten, was Insekten nun einmal seien.

Doch unser fleißiger Beobachter hatte gut recherchiert. Die Blüte locke mit Farbe und Duft die Insekten an. Ja, sie verhindere sogar durch Härchen, dass Regen den reinen Nektar verwässerte. Und wo es zum Ausschank gehe, zeige die Blüte mit «Saftmalen», nämlich Strichmustern oder Kränzchen, an. Nachtblüher seien dagegen rein weiß.

4100_p8-9_4Goethe kritisierte vor allem, dass Sprengel den Pflanzen einen menschlichen Verstand unterschiebe. Das kränkte den Autor zwar, was ihn aber quälte, war eine Feststellung, die ihm schlaflose Nächte verursachte. Das «Breitblättrige Knabenkraut» lockte wie andere Blumen Insekten an, hielt aber keine Belohnung bereit. Es gab keinen Nektar! Schließlich kam er zu einer Erklärung, welche sich als richtig erweisen sollte: Diese Orchidee betrügt die hilfreichen Insekten. Er nannte sie «Täuschblume». Wir nennen das heute Mimikry.

Kein Geringerer als Charles Darwin hat den verkannten Lehrer rehabilitiert. Er lobte 70 Jahre nach dessen Tod den «guten alten Sprengel» für seine Weitsicht. Doch er konnte nun klarstellen, warum auch Pflanzen auf Fremdbestäubung angewiesen seien. Sonst wäre ihnen nämlich die evolutionäre Anpassung, die uns als wohlüberlegt und sinnvoll erscheinen muss, nicht möglich gewesen. Aber es sollten noch erstaunlichere Dinge ans Tageslicht kommen.

 

Der Ragwurz-Trick

Was folgt, ist eine Anklage des «Spiegelragwurzes» Ophrys speculum wegen raffinierter Betrugsaffären. Die Geprellten wurden nach falschen Sexversprechen ausgebeutet. Bei den Missbrauchten handelt es sich um die Dolchwespen Campsoscolia ciliata.

Zur Spurensicherung und Überprüfung des Anklagematerials haben sich der Spezialist für Naturstoffchemie an der Uni Hamburg, Professor Wittko Francke sowie der Kameramann Karlheinz Baumann und der Wissenschaftsjournalist Volker Arzt nach Mallorca begeben, wo Standorte der Ragwurz-Orchidee bekannt sind und gerade zur Blütezeit Ende März auch die männlichen Dolchwespen schlüpfen.

Es werden Bilder festgehalten, welche die Drohnen beim Anflug auf die Blüte zeigen. Kann eine Attrappe echter wirken? Wespe und Blüte sind von gleicher Größe und ähnlicher Gestalt. Beide sind rötlich behaart. Wie die Flügel des Weibchens der Dolchwespen spiegelt die untere Lippe der Orchidee das Blau des Himmels wider. Schon wird eine Paarungsposition eingenommen. Da erscheint ein zweites Männchen und macht dem zur Kopulation bereiten den Platz streitig. Bei dessen Abgang sind die Pollinien, die angeklebten Staubbeutel an der Stirn deutlich zu erkennen. Sucht das nun in Stimmung geratene Männchen das nächste Imitat auf, treffen die sich inzwischen neigenden Pollenpakete auf die bereite Narbe.4100_p8-9_5

Die Indizien könnten stichhaltiger nicht sein. Statt eigenen Nachwuchs zu zeugen, verhilft das Insekt mit der Befruchtung der Pflanze zur Samenbildung. Aber es muss noch nach einer weiteren Ursache gefahndet werden, die erklärt, was die Drohnen schon aus weiter Entfernung anzieht. Aus der Umgebung der Blüte werden Luftproben gesammelt und später im Labor mit dem Duft der inzwischen schlüpfenden weiblichen Wespen verglichen. Und siehe da: Die Duftmischungen, so zu sagen die chemischen Fingerabdrücke, gleichen sich weitgehend. Ausschlaggebend sind dabei zwei winzige Beigaben von 9-Kedodecansäure und 9-Hydroxydecansäure. Das ist aber auch der Sexuallockstoff der Bienenkönigin.

Über 10.000 Orchideenarten erschleichen sich die Bestäubung durch Täuschung! Sie führen auf allen Sinnesebenen die Insekten hinters Licht. Raffinierter Heiratsschwindel!

Die Frage lautet: Welche kriminelle Energie hat diese Orchideen zu solchen komplexen und originellen Konstruktionen inspiriert? Wie kann eine Pflanze sich so etwas «ausdenken»? Die nächsten Verwandten, also Liliengewächse oder Alstroemeriaceen, verhalten sich doch wie normale Blumen.

Kürzlich wurde an der Uni Jena eine Entdeckung gemacht. Im Unterschied zu anderen Blütenpflanzen besitzen Orchideen statt einem Kontrollgen für die Blütenentwicklung gleich deren vier. – Volker Arzt sagt dazu: «Der Einfallsreichtum, den die Natur bei den Orchideen zur Schau stellt, bleibt atemberaubend und wunderbar.»

 

Alois Schmidt

 

Lesen Sie auf den nächsten Seiten über den Pollenversand und das Bienensterben.

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