Wie die Deutsch-Chilenische Gemeinschaft mit dem Nationalsozialismus umging

Dr. Carlos Eggers stellte Geschichtsbuch im Club Manquehue vor

Dr. Carlos Eggers erstellte die bisher umfangreichste Arbeit zur Gegenüberstellung der deutsch-chilenischen Gemeinschaft mit dem Nationalsozialismus. Foto: Walter Krumbach
Dr. Carlos Eggers erstellte die bisher umfangreichste Arbeit zur Gegenüberstellung der deutsch-chilenischen Gemeinschaft mit dem Nationalsozialismus. Foto: Walter Krumbach

Der Nationalsozialismus und die deutsch-chilenische Gemeinschaft ist eine Thematik, die heute noch, 72 Jahre nachdem die letzten Granaten auf den Schlachtfeldern Europas verraucht sind, mit einer gewissen Häufigkeit innerhalb von deutsch-chilenischen Familien beziehungsweise Freundeskreisen ins Gespräch kommt.

 

Von Walter Krumbach

Carlos Eggers hat sich 17 Jahre mit dem Stoff intensiv befasst. Nun legt er das Ergebnis seiner Forschungen vor. Das großformatige, 560 Seiten starke Buch, ist eine Erweiterung seiner kurz nach der Jahrtausendwende an der Universidad Adolfo Ibáñez vorgelegten Magisterarbeit mit dem gleichen Titel.

Der Autor holt weit aus, beginnt mit der Emigration aus Europa im 19. Jahrhundert, weist auf die deutsche Einwanderung in Chile hin, wobei er interessanterweise nicht nur die allgemein bekannten Ziele der ersten Immigranten berücksichtigt (Valdivia, Llanquihue-See-Gegend), sondern auch spätere Ströme untersucht, die sich in Comuy, Peñaflor oder Puyuhuapi niederließen.

Das Verhalten innerhalb der deutsch-chilenischen Gemeinschaft nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und die darauffolgenden Konsequenzen im Inland bilden den Mittelpunkt des Bandes. Eggers durchleuchtet verschiedene Einrichtungen, wie den Deutsch-Chilenischen Bund, den Jugendbund und die Burschenschaften. Hierbei zeichnet er lebendige Porträts einiger Schlüsselfiguren, wie jene des DCB-Vorsitzenden Fernando Fonck und des Jugendbund-Leiters Adolf Schwarzenberg.

Bei den Recherchen ließ der Autor nichts unversucht, um dem Gegenstand auf den Grund zu kommen. So reiste er sogar ins Ausland, um in Deutschland Archive durchzukämmen oder mit dem mittlerweile 93-jährigen Schwarzenberg Gespräche zu führen, womit er wertvolle Information aus erster Hand gewinnen konnte. Freilich ist der Jugendbund-Führer nur eine der zahlreichen Persönlichkeiten und Zeitzeugen, die Eggers interviewte, um sein Werk ausgewogen und wahrheitsgetreu gestalten zu können. Hinzu bediente er sich einer umfangreichen Bibliographie, wobei er von den bekannten Hitler-Biographen wie Joachim C. Fest, Ian Kershaw und Brigitte Hamann bis zu chilenischen Forschern wie Víctor Farías, María Soledad de la Cerda und Gonzalo Vial Zitate wiedergibt und in einigen Fällen diese auch kritisch aufs Korn nimmt.

Eine einzigartige Fundgrube bedeutete ihm zusätzlich das Emil-Held-Archiv, in dem Unmengen deutschsprachiger Periodika lagern, die zwischen 1933 und 1945 in Chile herauskamen. Carlos Eggers nahm die Gelegenheit wahr, die vergilbten Schriftstücke geduldig einzusehen. Die Fülle an Information, die dabei ans Licht kam, gestattete ihm, über das Wirken und Walten weiterer Einrichtungen der deutsch-chilenischen Gemeinschaft zu berichten, wie zum Beispiel der Freimaurerlogen, der Kirchengemeinden und der Schulen.

Die Wesenszüge der damaligen deutschsprachigen Presse nehmen über 40 Seiten ein. Vom parteitreuen «Westküstenbeobachter» bis zum neutralen «Cóndor» reichte die Palette. Ein außerordentlicher Fall war die nachmittags erscheinende «Deutsche Zeitung für Chile», welche täglich vom Geschehen des gleichen Vormittags auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen berichtete. Diese Blätter fielen ihrer ideologischen Ergebenheit zum Dritten Reich zum Opfer. Einzig unser apolitischer «Cóndor» überlebte den Zweiten Weltkrieg.    

Carlos Eggers beschränkt sich nicht auf die Analyse inländischer Begebenheiten. Lesenswert ist zum Beispiel das Kapitel «La personalidad de Hitler», in dem nicht nur Historiker, sondern vor allem Zeitzeugen, die den Staatsmann persönlich gekannt haben, ihre Eindrücke wiedergeben. Der Autor fügt die Aussagen von Figuren wie Anthony Eden, Arnold Toynbee, André-François Poincet und Ramón Serrano y Suñer geschickt aneinander, sodass eine Art Psychogramm Hitlers entsteht.

Die Unterbrechung der diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächten wird ausführlich behandelt. Eggers schildert sogar die Abstimmung im Kongress im Januar 1943, die den Abbruch Chiles mit dem Deutschen Reich besiegelte. Der Autor weist darauf hin, dass tags darauf «der Vizeaußenminister Marcelo Ruiz Solar dem deutschen Botschafter von Schoen offiziell den Abbruch, der als „suspensión“ (Unterbrechung, Suspendierung) angegeben wurde, sowohl schriftlich als auch persönlich bekanntgab». Wie Eggers unterstreicht, existierte diese euphemistische Formulierung gar nicht in der damaligen diplomatischen Fachsprache Chiles. Es war der chilenische Botschafter in Berlin, Tobías Barros Ortiz, der sie durchgesetzt hatte.

Übrigens nahm im «Cóndor»-Interview anlässlich seines 100. Geburtstags der greise Diplomat dazu Stellung. Frage: «Es heißt, als Chile die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abbrach, seien Sie vor die vollendete Tatsache gestellt worden?» Antwort: «Klar! Die Vereinigten Staaten übten einen furchtbar starken Druck auf Chile aus, damit unser Land die Beziehungen abbrechen sollte. Ich habe, glaube ich, lediglich erreicht, dass von einer ‚Suspendierung‘ und nicht von einem ‚Bruch‘ der Beziehungen beider Länder die Rede war» («Cóndor» vom 25. Januar 2001). Barros vollführte diesen Schachzug in der Hoffnung auf eine baldige harmonische Wiederaufnahme der Beziehungen mit einer von ihm hochverehrten Kulturnation.

Carlos Eggers Buch stellt eine akribische Auseinandersetzung mit unserer deutsch-chilenischen Gemeinschaft und dem Dritten Reich dar. Ein umfangreiches Personenverzeichnis, das dem Leser gestattet, bestimmte Inhalte beziehungsweise Vorkommnisse zu finden, ist dazu eine treffliche Ergänzung. Eggers Stil ist so gehalten – und das ist ein besonderer Verdienst – dass nicht nur Fachleute und Akademiker angesprochen werden, sondern auch Laien die Lektüre genießen können. Diese bisher umfangreichste Abhandlung des Themas stellt zweifellos ein Referenzwerk dar, das Jahrzehnte überdauern wird.

Dr. Carlos Eggers

«La colectividad chileno-alemana ante el nazismo y la Segunda Guerra Mundial: Un problema de identidad»

560 Seiten, 1. Auflage, August 2017
Verkauf: Geschäftsstelle des Deutsch-Chilenischen Bundes
Av. Vitacura 5875, Telefon 22 44 91 570.

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