Mit dem Rasenden Roland auf Fahrt

Badeorte wie Sellin oder Binz gibt es im Südosten Rügens genug. Aber auch abseits der Strände gibt es viel zu entdecken – mit dem Rasenden Roland zum Beispiel, Rügens Kleinbahn unter Dampf. Oder auf dem Rad in den ausgedehnten Wäldern der Granitz.

Sellin/Binz (dpa/tmn) – Wer im Sommer auf Rügen Urlaub macht, könnte die ganze Zeit am Strand liegen. Badeurlaub hat auf Deutschlands größter Insel lange Tradition. Gerade im Südosten zwischen Göhren, Sellin und Binz gibt es etliche Strände, an denen schon zu Kaisers Zeiten geplanscht wurde. Aber auch abseits der Küste gibt es viel zu entdecken. Nur wenige Meter hinter dem Strand ragen oft schon viele Jahrzehnte alte Bäume in den Himmel. Zum Beispiel in der Granitz: Selbst an Tagen, an denen es am Strand richtig heiß wird, bleibt es dort angenehm frisch. Wanderer und Radfahrer sind über weite Strecken im Schatten unterwegs.

Am Waldrand wuchert das Farnkraut, und der Löwenzahn blüht. Grillen zirpen, in der Luft tanzen Schmetterlinge und Libellen. Auf dem Waldboden krabbeln Mistkäfer, manchmal sogar quer über den Weg. Seltener bekommen Touristen Blindschleichen und Ringelnattern, Sperber und Habichte zu sehen, die hier ebenfalls zu Hause sind.

Die Granitz zwischen Binz und Sellin ist eines der größten Waldgebiete der Insel und seit 1990 Teil des Biosphärenreservats Südost-Rügen. Lange davor war es vor allem Jagdrevier. An die Zeiten, als adlige Jagdgesellschaften hier dem Hochwild nachstellten, erinnert das Jagdschloss Granitz, ein ideales Ausflugsziel, wie gemacht für einen Abstecher zwischen zwei Tagen am Strand.

Es stammt aus den Jahren ab 1837 und wirkt mit seinen kleinen Türmchen ein bisschen wie aus Disneyland. Die Idee zu seinem alles überragenden Aussichtsturm hatte der damalige Kronprinz Friedrich, der spätere preußische König Wilhelm IV., der im Sommer oft auf Rügen war. Den Auftrag bekam Karl Friedrich Schinkel, der Stararchitekt seiner Zeit. Klotzen, nicht kleckern, lautete die Vorgabe: Die Aussichtsplattform des Turms liegt in 144 Metern Höhe über dem Meeresspiegel. Der Blick von dort über die Insel lohnt den Aufstieg nach wie vor.

Heute ist das Schloss ein Museum. In den Innenräumen gibt es unter anderem eine Ausstellung über seine Baugeschichte. Im Obergeschoss waren die Zimmer für die Fürstenfamilie samt Stuben fürs Personal und ein Rittersaal. Ihm sieht man den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts mit seinem Mittelalterkult an – heute wirkt der Raum noch disneyhafter als das Schloss von außen. Eine Rüstung ist hier ausgestellt, ein Krummsäbel und ein Radschlossgewehr von 1579. Und dass die einstigen Bewohner Jagdliebhaber mit einem Faible fürs Skurrile waren, zeigen Möbel aus Hirschhorn oder eine zum Tintenfass-Ständer umgearbeitete Geweihschaufel.

Wer nach dem Schlossbesuch eine Pause braucht: Im Schlosshof ist für Essen und Trinken gesorgt. Und danach ist es nicht weit bis zur nächsten Haltestelle des Rasenden Roland. Die Kleinbahn mit Dampflok ist eine der traditionsreichen Inselattraktionen – und ein praktisches Transportmittel: Mit ihr kann man von Putbus bis Göhren fahren und an zahlreichen Stationen zu- oder aussteigen.

Ein lohnender Stopp ist Sellin. Der Ort hat ähnlich schöne Bäderarchitektur zu bieten wie Binz, ist aber nicht ganz so trubelig. Und er hat ein Steilufer, von dem aus man über 89 Stufen Richtung Strand auf die Seebrücke gelangt – mit nicht ganz 400 Metern die längste auf Rügen. Der Blick vom Steilufer auf die Ostsee ist eindrucksvoll und ein Grund dafür, dass das Standesamt auf der Seebrücke so beliebt ist.

Ein ziemlich ungewöhnliches Standesamt hat Binz auch: Es sieht aus wie ein am Strand gelandetes UFO, ist aber eine Rettungsstation aus dem Jahr 1968, die der Binzer Architekt Ulrich Müther entworfen hat. Berühmt ist Rügen allerdings für architektonische Besonderheiten ganz anderer Art – aus der Boomzeit des frühen Tourismus: Mehrstöckige, weiß leuchtende Gebäude mit Loggien, Balkonen und Balustraden aus der Zeit, als man noch komplett angekleidet samt Spazierstock und Hut an den Strand ging. «Um die Jahrhundertwende war eines schöner als, aber keins wie das andere», erzählt Roswitha Sonnabend bei ihrer Führung entlang der schicken Häuser aus der Kaiserzeit.

Heute ist Binz die heimliche Inselhauptstadt und mit rund zwei Millionen Übernachtungen im Jahr ein touristisches Schwergewicht: «Das größte Seebad der Ostsee und für viele auch das schönste», sagt Roswitha Sonnabend. Am Strand wird es in jedem Sommer eng, sobald die Sonne scheint. Seebad ist Binz schon seit 1884. Damals kamen viele Urlauber noch per Schiff. «Die Dampfer ankerten auf der Ostsee, die Fischer holten die Gäste mit ihren Booten ab.» Das Umsteigen über eine Strickleiter war eine ziemlich heikle Sache. Auch deshalb war die 1902 gebaute Seebrücke ein echter Schritt nach vorn.

Auf der Seebrücke ist immer viel Trubel, schon weil hier die Ausflugsschiffe wie die «Mönchgut» ab- und anlegen, die unter anderem die Kreidefelsen ansteuern, für die Rügen berühmt ist. Schon eine halbe Stunde, bevor das Schiff in See stechen soll, warten etliche Passagiere auf der Seebrücke. Zehn Minuten vor dem Ablegen ist auf dem Oberdeck kein Platz mehr frei. Kein Wunder: So viel von Rügens Küste gibt es sonst nie zu sehen.

Das Schiff fährt an Prora vorbei, wo die Nazis das größte Seebad der Welt bauen wollten. Die riesigen, grauen Klötze, in dem die Urlauber wohnen sollten, sind von Bord aus gut zu erkennen. Im Sommer 2011 hat in einem Teil der Anlage Mecklenburg-Vorpommerns größte Jugendherberge eröffnet. Erst seit Ende Mai gibt es in Prora das neue Naturerbe Zentrum Rügen. Dazu gehört ein mehr als einen Kilometer langer Baumwipfelpfad samt Turm in Form eines Adlerhorstes, der als Aussichtsplattform dem von Schloss Granitz Konkurrenz machen kann.

Die «Mönchgut» fährt an dem neuen Hafen von Sassnitz vorbei, von dem aus die Fährschiffe nach Trelleborg in Schweden starten. Die Kameras klicken fast die ganze Zeit, aber die Klickrate steigt noch einmal, als der Königsstuhl ins Sichtfeld kommt. Der Pirat Klaus Störtebecker soll an dem Felsen in einer Höhle seine geraubten Schätze versteckt haben. Als er in Hamburg einen Kopf kürzer gemacht wurde, hat er nicht verraten, wo.

Aber selbst wenn man es wüsste: Bei den Schiffsausflügen mit der «Mönchsgut» kommt man gar nicht dicht genug an den Königsstuhl heran, um solche Schätze bergen zu können. Aber die meisten Passagiere an Bord sind auch mit dem Blick auf den Königsstuhl schon zufrieden.

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