Der mühsame Weg zurück ins Leben

Seit über 30 Jahren widmet sich die Tagesstätte Dr. Carlos Bresky in Valparaíso der Rehabilitation psychisch Erkrankter. Die finanziellen Mittel sind knapp, und doch kann das Zentrum fortschrittliche Therapieprogramme anbieten, nicht zuletzt dank tatkräftiger Unterstützung aus Deutschland und der Schweiz.

 

Helfen aus Idealismus: María Angélica Arcos, Janne Kraft, Joceline Pérez, Paul Kothé.

«Jetzt, wo ich gerade keine Arbeit habe, ist es so wichtig etwas zu haben, wofür ich montagmorgens früh aufstehe und zu wissen, dass ich eine Verantwortung habe.» Raúl ist 48 Jahre alt und manisch-depressiv, weshalb er seit zwei Jahren die Tagesstätte Bresky besucht.

Im Jahr 1980 ins Leben gerufen, widmet sich die Corporación Dr. Carlos Bresky der Rehabilitation und sozialen Wiedereingliederung psychisch Kranker. Neben Valparaíso gibt es die Tagesstätten in Viña del Mar und Peñablanca, alle mit dem Ziel, psychisch Erkrankten eine bessere Lebensqualität zu ermöglichen, sie auf einen (Wieder-)Einstieg in die Arbeitswelt vorzubereiten und ihre Teilhabe an der Gesellschaft zu fördern.

An diesem Montagmorgen nimmt Raúl am Theater-Kurs von María Angélica Arcos teil. Dort geht es nicht nur darum, Stücke einzuüben. Die erste Stunde ist für Biodanza reserviert, ein therapeutisches Verfahren, das Gesprächsrunde, Bewegung und Tanz vereint. Der chilenische Psychologe Rolando Toro hat das Programm in den 1960er Jahren eingeführt, heute wird es weltweit eingesetzt.

«Biodanza arbeitet mit dem gesunden Teil der Personen und fördert die Kreativität, Aktivität und Vitalität», erklärt Arcos. Toro hatte erkannt, dass Bewegungen zu rhythmischer, lebendiger Musik sich positiv auf psychisch Erkrankte auswirken. In der Sitzrunde zu Beginn der heutigen Stunde meint eine Teilnehmerin, Biodanza entführe sie in eine andere Welt. Raúl geht es ähnlich. «In dem Kurs kann ich meine Probleme vergessen, und wenn wir uns an den Händen nehmen, uns umarmen und in der Runde tanzen, habe ich sehr positive Gefühle, die ich dann auch in die Woche mitnehme.»

Der Theaterkurs ist einer von sieben Therapien, welche die Tagesstätte in Valparaíso anbietet. Weiter im Programm sind beispielsweise Kunst, Illustration und Alltagskompetenz. Die 45 Personen, die hier betreut werden, teilen sich auf zwei Gruppen auf. In der Vormittagsgruppe, zu der Raúl gehört, befinden sich Patienten mit Schizophrenie, zwanghafter Persönlichkeitsstörung und Verhaltensstörung, während sich am Nachmittag Menschen mit Geistesstörungen einfinden.

In die Niederlassung in Valparaíso ist außerdem die Werkstatt «FusionArte» integriert. Hier lernen Besucher der Tagesstätte auf nicht nur, Kunsthandwerksprodukte aus Keramik, Papier und Glas herzustellen, sondern auch Fähigkeiten, die in einer regulären Arbeit vonnöten sind, wie Verantwortungsbewusstsein, Pünktlichkeit und Disziplin.

 

Arbeit aus Idealismus

Die Finanzierung der Corporación geschieht derzeitig fast ausschließlich durch die Gelder der «Servicios de Salud», welche das Zentrum für jeden vom Hospital Salvador entsandten Patienten erhält. Diese Mittel reichen aber nicht aus, um die Kosten zu decken, weshalb man auf Spenden angewiesen ist, die «leider auch immer weniger» werden, so Tagesstättenleiterin Marina Sanzana. Wer bei Bresky arbeitet, tut dies «zum großen Teil aus Idealismus», meint Dr. Hans Brenner, Präsident des Direktoriums der Corporación. Löhne sind niedrig und kommen oft verspätet an, man bewegt sich am finanziellen Limit.

Dank des gebürtigen Stuttgarters wird das «Integrierte Psychologische Therapieprogramm» (IPT) in der Tagesstätte Valparaíso angewandt. Das Programm fördert insbesondere die kognitiven Fähigkeiten schizophrener Erkrankter, wurde in elf Sprachen übersetzt und findet heute in vielen Ländern rund um den Erdball Verwendung. Hans Brenner hat es einst als Professor an der Universität Bern gemeinsam mit einer Forschungsgruppe seiner Klinik mitentwickelt. Über die deutsch-chilenische Mitbegründerin von Bresky, Nelly Günther, kam der Kontakt zustande. Seit 2006 bringt Brenner sein Wissen in die Corporación ein.

Mit der IPT-Therapie sollen Störungen der Erkrankten beseitigt oder zumindest vermindert werden. «Chronisch psychisch Kranke sind aufgrund von Problemen im zentralen Nervensystem einer Reizüberflutung ausgesetzt, so dass sie sich nicht wie Gesunde auf etwas Spezifisches kontrollieren können«, so Brenner. «Die Störungen führen auch zu einer mangelhaften Verwertung früherer Erinnerungen und zu Symptomen wie Wahnanmutungen und Verfolgungsideen. Die Therapie ist dazu da, diese neurologischen Probleme abzubauen.» Sie schaffe darüber hinaus die Grundlage für eine erfolgreiche Durchführung der Kurse. Diese seien ebenfalls wichtig, denn hier werden Arbeitsfähigkeiten und der soziale Kontakt geübt. Doch erst im Zusammenspiel mit dem wissenschaftlich evaluierten Programm könne die Rehabilitation erfolgreich vorangetrieben werden.

Um die Personen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist allerdings noch ein weiterer Schritt nötig. Brenner möchte, dass die Teilnehmer der FusionArte-Werkstatt anschließend in so genannten virtuellen Werkstätten arbeiten. «Wir versuchen Firmen zu rekrutieren, die bereit sind, mitzumachen und möchten für bestimmte Arbeiten ausgewählte Klienten unserer Werkstätten zu ihnen schicken und sie dort weiter betreuen.»

Dafür ist die Begleitung durch einen «Job Coach» nötig, der im Kontakt mit dem Arbeitgeber, den Kollegen und dem Klienten steht. In dem von Brenner in der Schweiz 2004 initiierten «Job Coach»-Projekt konnten so knapp 50 Prozent der Teilnehmer in ein reguläres Arbeitsverhältnis vermittelt werden.

 

Ein starkes Team: Liliana Soto, María Paz Martínez, Marina Sanzana, Nelly Günther, Hans Brenner, Marjorie Cáceres

Gesellschaftliche Akzeptanz fehlt

Paul Kothé ist mit psychisch Behinderten inzwischen gut vertraut. Seit einem halben Jahr leistet der 19-Jährige aus Berlin seinen Freiwilligendienst in der Tagesstätte Valparaíso. Dank eines «weltwärts»-Stipendiums hat er hier die Möglichkeit, für ein Jahr den Arbeitsalltag bei Bresky kennenzulernen.

«Man bekommt so einen ganz anderen Einblick in das Land», erklärt der Abiturient, dem die Arbeit gut gefällt: «Ich mache hier etwas sinnvolles und habe das Gefühl, gebraucht zu werden.» Paul hilft  in der FusionArte-Werkstatt mit, assistiert bei den IPT-Programmen und bietet einen Literatur-Kursus an. Dort liest er den Patienten Tierfabeln vor und bespricht sie mit ihnen. Daraufhin sollen die Teilnehmer Bilder zu der Geschichte malen, was deren Erinnerungsvermögen und die Kreativität fördert.

So sehr ihm die Arbeit Spaß macht, in Deutschland möchte Paul später nicht mehr im gleichen Bereich arbeiten. «Ich habe vorher überlegt, Psychologie zu studieren, aber bin davon abgekommen, weil es schon belastend ist. Die Leute, die das ein Leben lang machen und ihr Herzblut reinstecken, verlangen mir Respekt ab.»

Neben den finanziellen Schwierigkeiten, mit denen Einrichtungen wie die Corporación Bresky zu kämpfen haben, betrübt Paul auch die mangelnde Akzeptanz der chronisch psychisch Kranken in der Gesellschaft. «Schizophrenie ist am meisten stigmatisiert im sozialen Bereich, es ist viel Angst da und es fehlt an Wissen.»

Deshalb wendet sich die Corporación Bresky auch an die Angehörigen der Patienten. «Pro Familie» heißt das Programm, das einen angemessenen Umgang mit dem Verhalten der Erkrankten vermittelt und Familienangehörige von Unsicherheiten und Schuldgefühlen entlastet.

Raúl bekommt von seiner Mutter jede Woche Besuch, doch er wohnt alleine, kocht alleine und wäscht alleine seine Wäsche. «Damit will ich mich aber nicht zufrieden geben. Ich will etwas Verantwortungsvolles und auch Profitables machen.» Raúl möchte als Antiquitätenhändler arbeiten, wenn er die Tagesstätte Valparaíso verlassen hat. Mit der Corporación Bresky gelingt ihm dies hoffentlich eines Tages.

 

Andreas Müller

 

Die Corporación Bresky würde sich über Spenden von Cóndor-Lesern freuen. Sie können so dazu beitragen, dass chronisch psychisch Kranke in der V. Region weiterhin das Angebot der Tagesstätten nutzen können. Corporación Carlos Bresky, Rut 70.876.600-3, Kontonummer 0010-0100032893, Banco BBVA.

 

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