«Man muss zu den Menschen gehen»

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Nach fast drei Jahren beendet Hans-Henning Blomeyer-Bartenstein seine Tätigkeit als deutscher Botschafter in Chile und geht in den Ruhestand. Cóndor-Redaktionsleiter Arne Dettmann sprach mit ihm über die bilateralen Beziehungen zwischen Chile und Deutschland sowie seine Rückkehr nach Berlin.

Cóndor: Herr Botschafter, sind Sie froh oder traurig, dass Sie Chile verlassen und nach Deutschland zurückkehren?
Hans-Henning Blomeyer-Barteinstein: Beides. Ich bedaure natürlich, dass ich nun aus Chile weggehe, denn ich habe hier gerne gearbeitet, viele neue Freunde gewonnen und viel dazu gelernt. Es war eine sehr positive Erfahrung, für die ich dankbar bin. Auf der anderen Seite wartet in Berlin ein Bezugskreis aus Familie und engen Freunden, worauf ich mich freue. Ein zusätzlicher Wermutstropfen ist, dass ich genau 40 Jahre meinen Beruf ausgeübt habe und jetzt in den Ruhestand gehe.

Was waren herausragende Ereignisse in Ihrer Zeit als Botschafter in Chile?
Ich möchte zunächst einige wichtige Besuche nennen: Der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Januar 2013 – der erste Besuch eines deutschen Bundeskanzlers in Chile seit 22 Jahren – war sicherlich ein Höhepunkt. Ein Jahr später reiste Staatspräsidentin Michelle Bachelet nach Deutschland. Zwei Besuche auf höchster politischer Ebene in so kurzer Zeit und trotz der geographischen Distanz bilden eine außergewöhnliche Bilanz und sind Beweis dafür, dass Chile und Deutschland eng miteinander in Verbindung stehen.

Ein zweiter Besuch, den ich hervorheben möchte, war gleich zu Beginn meiner Amtszeit 2012 der von Annette Schavan, damals Bundesministerin für Bildung und Forschung, die mit Chile einen wissenschaftlich-technischen Kooperationsvertrag unterzeichnete. Dies ist ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt. Bei ihrem Aufenthalt besuchte sie auch die eindrucksvolle Sternwarte Paranal, die für uns eine besondere Bedeutung hat, denn die Europäische Südsternwarte Eso wird zu 23 Prozent aus deutschen Mitteln finanziert, die mit 25 Millionen Euro jährlich einen erheblichen Teil des Haushalts ausmachen.

Bedeutsam war ferner der Besuch von General Bruno Kasdorf als Inspekteur des Heeres in diesem Jahr, denn auch auf dem militärischen Gebiet pflegen Deutschland und Chile lange traditionelle Beziehungen und sind durch eine tiefe Zusammenarbeit miteinander verbunden.

Auf wirtschaftlichem Gebiet möchte ich besonders die Gründung des deutsch-chilenischen Rohstoffforums im Jahre 2013 hervorheben. Mittlerweile gab es schon die vierte Gesprächsrunde, um die Kooperation zwischen deutschem Know-how und chilenischem Rohstoffangebot zu fördern. Das ist Grund zu großer Genugtuung. Bei der Gründung des Forums ist besonders der Einsatz des seinerzeitigen chilenischen Botschafters in Berlin, Jorge O´Ryan Schütz, zu erwähnen und natürlich die CAMCHAL, deren Arbeit ich außerordentlich schätze. Erwähnen möchte ich auch die Besuche von zahlreichen Wirtschaftsdelegationen, die das Interesse von deutschen Firmen am chilenischen Markt verdeutlicht haben. Moderne Technologien, erneuerbare Energien, Umweltprojekte und Klimaschutz sind zentrale Themen unserer Beziehungen.

Auf kulturellem Gebiet konnten wir mit vielen Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerten den regen Austausch fortführen. Hervorzuheben ist auch der Besuch von Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und dessen Vortrag über die Berliner Museumsinsel. Ein besonderer Höhepunkt in diesem Jahr war die Gedenkveranstaltung zur Selbstversenkung der «Dresden» vor 100 Jahren, die in der deutsch-chilenischen Gemeinschaft große Aufmerksamkeit erfuhr. Und dass kurz vor meiner Rückkehr nach Berlin mit der viel beachteten Buddy-Bear-Aktion zur Förderung von Toleranz und Respekt unter den Menschen ein Schlaglicht auf die deutsche Hauptstadt geworfen wird, freut mich sehr.

Hervorheben möchte ich aber auch die positive Entwicklung bei den deutschen Schulen, deren Engagement gar nicht hoch genug bewertet werden kann. Dass der Deutschunterricht zunehmenden Zuspruch erfährt, ist überaus begrüßenswert. Die kürzlich geschlossene Übereinkunft zwischen dem Lehrerbildungsinstitut LBI und der Universität Talca zur Förderung der Deutschlehrerausbildung unterstützt dies in bedeutender Weise.

Es hat sich also eine Menge getan in diesen drei Jahren. Alle von mir geschilderten Aktivitäten unterstreichen die sehr lebendigen bilateralen Beziehungen, die von gegenseitigem Vertrauen und gemeinsamen Interessen geprägt sind. Diese intensive Bilanz lässt sich sehen, und ich scheide äußerst zufrieden aus meinem Amt.

Hat sich die Diplomatie in diesen 40 Jahren gewandelt?
Natürlich hat sich auch die Diplomatie mit der Zeit weiter entwickelt. Das deutsche Auswärtige Amt wurde in mehreren Reformen nach und nach modernisiert, um den neuen Herausforderungen gerecht zu werden. In früheren Zeiten handelten Botschafter Verträge mit entfernten Staaten aus, davon ist heute nur noch wenig übrig geblieben. Durch Telekommunikation, gegenseitige Besuche und Konferenzen auf hoher Ebene sind die Beziehungen direkter geworden. Doch geht damit der Wert des diplomatischen Tagesgeschäfts verloren? Ich denke nicht. Denn die Welt ist komplizierter geworden, manchmal sogar verwirrender. Daher braucht man Diplomaten als Netzwerkexperten, die in der Lage sind, mit ihren vielfältigen Kontakten die richtigen Ansprechpartner der Staaten zusammenzubringen, um Probleme zu lösen.

Natürlich bedeutet das viel Schreibtischarbeit, aber auch unterwegs im Land zu sein und eben diese Kontakte zu pflegen. Zudem müssen sich Diplomaten heutzutage sicher in den modernen Kommunikationsmitteln wie Internet, Facebook und Twitter bewegen. Die Beziehungen zwischen den Staaten sind unmittelbarer geworden, es ist eine Beschleunigung des Kontaktaustausches und der Informationsflusses zu beobachten. Ich sehe die Gefahr, dass dies zu Kurzatmigkeit führt und bisweilen die erforderliche Zeit zur Reflexion fehlt.

Sie sind als Botschafter viel in Chile gereist – aus Überzeugung?
Absolut. Meine Vorstellung ist, dass ein Botschafter nicht nur in der Hauptstadt Santiago weilt, sondern auch die Regionen besucht, um dort Kontakte und Netzwerke zu pflegen. Man muss als Botschafter zu den Menschen gehen, das ist gerade in einem Land wie Chile mit seinen großen Entfernungen sehr wichtig. Ich habe bei meinen Reisen immer sehr gerne auch deutsche Vereine, deutsche Schulen und andere Institutionen besucht. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zu unseren gegenseitigen Beziehungen.

Was hat Ihnen an Chile gefallen, was weniger?
Beeindruckt haben mich die Freundlichkeit der Menschen, die großartige Vielfalt der Natur und die Fähigkeit sowie Widerstandskraft der Chilenen mit großen Herausforderungen zurecht zu kommen. Ausgesprochen positiv fand ich auch auf meinen Reisen zu sehen, wie junge Menschen die Natur ihres Landes schätzen und sich darin wohl fühlen. Zudem musste ich staunen, wie rasant die wirtschaftliche Entwicklung des Landes gewesen ist, in der sich auch die deutsch-chilenische Zusammenarbeit erfolgreich entfaltet hat.
Nachdenklich hat mich dagegen der große Unterschied in der Verteilung des Wohlstandes gemacht; das stellt sicherlich eine Herausforderung für jede Regierung dar. Wir haben aufmerksam zur Kenntnis genommen, dass Präsidentin Bachelet und ihre Regierung die Absicht haben, diese Kluft langfristig zu verringern. Die bisherigen Reformen deuten in diese Richtung.
Ein anderes Thema ist die administrative Schwerfälligkeit, die auch viele Chilenen beschäftigt. Ich bin davon überzeugt: Chile könnte noch schneller voran kommen, wenn gewisse Verwaltungsprozesse erleichtert würden.

Was werden Sie im Ruhestand unternehmen?
Die langen Berufsjahre haben mich zwar um viele Erfahrungen bereichert, allerdings ist bei dem Zeitaufwand auch manches zu kurz gekommen. Ich sehe daher den Ruhestand als eine neue Lebensphase, die viele neue Möglichkeiten eröffnet. Zum Beispiel die Teilnahme am kulturellen Leben in Deutschland, die Muße zur Lektüre von Büchern und Reisen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die immer neue Aufgaben brauchen und Entzugserscheinungen spüren, wenn sie morgens nicht ins Büro fahren können. Das Leben hat viele andere Aspekte, die ebenfalls schön sind. Darunter fällt auch eine gemeinnützige Aktivität, um etwas an die Gesellschaft zurückgeben zu können.

Zuletzt bitte eine Anekdote aus Ihrer Chile-Zeit.
Nachbarn unserer gegenwärtigen Residenz haben öfter für ihre heranwachsenden Kinder offenbar sehr fröhliche Feste veranstaltet, die teilweise lautstark bis in die frühen Morgenstunden gefeiert wurden. Da sich mein Amtsvorgänger offenbar hierüber einmal etwas ungehalten geäußert und das Sicherheitspersonal gebeten hatte, die Nachbarn anzusprechen, fragte das Personal mich, ob es erneut in diesem Sinne tätig werden sollte. Ich habe gebeten, davon Abstand zu nehmen, und anstatt dessen ausrichten zu lassen, die Nachbarn mögen mir doch bitte künftig auch Einladungen zu diesen netten Festen zukommen lassen. Das Verhältnis zu den Nachbarn hat davon profitiert.

Herr Botschafter, wir bedanken uns für das Gespräch.

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