«Man muss immer da sein»

Wer in der Deutschen Klinik Santiago mit dem Aufzug bis zur 16. Etage des Praxengebäudes herauffährt, ist zunächst über das Panorama, das die großen Fensterscheiben bieten, überrascht. Die riesige Stadt, oft verschmäht wegen dem wüsten Verkehr und den vielen Staus, vermittelt einen geradezu harmonischen Eindruck. Viel grün, soweit das Auge reicht, und in nicht allzu weiter Ferne die Anden in ihrer vollen Pracht.

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Walter Krumbach

Hier oben hat Paula Ithurbisquy ihr Arbeitszimmer. Ein idealer Standort für die Geschäftsleiterin der Deutschen Klinik, möchte man meinen, wenn man 4.500 Mitarbeiter hat und nicht den Überblick verlieren will. «Eine Gesundheitseinrichtung zu verwalten ist etwas ganz anderes, als eine herkömmliche Firma zu leiten», meint sie, «denn hier arbeiten wir mit dem menschlichen Leben und daher mit sehr viel Hoffnungen – mit Leiden, Schmerzen und Bedürfnissen, die von einem multidisziplinären Team in Angriff genommen werden, deren Ziel darin besteht, den Wünschen der Patienten zu entsprechen, die die Klinik aufsuchen».
Daher findet sie, dass die Hauptherausforderung der Klinik darin besteht, einen Service zu bieten, der hochqualitativ ist, dazu zweckentsprechend und menschlich. Dabei wird darauf geachtet, dass die Mittel präzise angewendet werden, sodass der Patient im Endeffekt keinen unnötigen finanziellen Belastungen ausgesetzt wird.
Um diese durchaus nicht einfache Aufgabe zu bewältigen, ist gute Teamarbeit vonnöten, versichert Paula Ithurbisquy. Dazu ist es «äußerst wichtig, mit dem Medizinbereich zusammen zu arbeiten, mit den Krankenschwestern, mit der Verwaltung, denn im Endeffekt sind wir nicht nur um die Genesung unserer Patienten bemüht, denn wir müssen sie ja auch beköstigen».
Eine Klinik wird ebenso wie andere Unternehmen verwaltet, sie muss Rechnungen ausstellen, Ware in Lagerräumen ansammeln, Abkommen mit Partnerfirmen schließen. Die Kranken müssen ernährt, die Zimmer blitzsauber gehalten werden. Es sind zahlreiche Instanzen geschäftlicher Art involviert, «weshalb man die Tätigkeit der Deutschen Klinik nicht darauf beschränken kann, dass sie Gesundheitsleistungen erteilt».
Mit Schwerkranken umzugehen ist heikel und riskant. Daher finden in der Deutschen Klinik wöchentlich Besprechungen der verschiedenen Abteilungsleiter statt. Außerdem kommen ständig Komitees der verschiedenen Sparten wie der Gynäkologie, Kinderheilkunde oder der Notaufnahme zusammen. An diesen Besprechungen beteiligen sich auch Mitarbeiter der Verwaltung, der Krankenbetreuung und die leitenden Ärzte. «Die Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche ist in der Klinik allumfassend», unterstreicht sie, «sie beginnt auf der Manager-Ebene und erstreckt sich auf alle Stufen, wo Patienten betreut werden müssen».

Es war nicht ratsam, von «Produkten» zu sprechen
Paula Ithurbisquy arbeitet seit 1992 an der Deutschen Klinik Santiago. Sie begann als kaufmännische Leiterin, «als die Klinik wesentlich kleiner war». Eine der ersten Aufgaben, die sie damals in Angriff nahm, waren die sogenannten «Schulabkommen», das sind Unfallversicherungen für Kinder und Jugendliche: «Die existierten seit den 70er Jahren, seit dem schweren Unfall der Deutschen Schule. Wir hatten knapp 30.000 Teilhaber. Das sollte verbessert werden, indem wir zum Beispiel alle Schulen unserer Gemeinden zu erreichen versuchten, was uns geglückt ist».
Dazu begann die Deutsche Klinik, «Produkte als Konzept innerhalb der Gesundheitsbetreuung anzubieten, was in jener Zeit nicht gern gesehen war. Es hieß, Produkte seien etwas kaufmännisches und die Gesundheit nicht». Es war nicht ratsam, von «Produkten» zu sprechen, «aber schließlich haben wir alle von Produkten geredet», erinnert sie sich, «denn es handelt sich ja um eine Ansammlung von Dingen, die auf etwas aufgebaut werden, um jemanden für einen bestimmten Preis zu befriedigen». So entstanden zum Beispiel die Geburten-Versicherung «Nacer seguro» sowie das Abkommen «Vivir seguro».
Eine besonders wichtige Aufgabe, die in jenen Jahren in Angriff genommen wurde, war der Team-Aufbau. Als Paula Ithurbisquy an der Klinik mit ihrer Tätigkeit begann, «war Marcelo Magofke der Generalmanager und außerdem gab es eine Verwaltungs- und Finanzen-Leitung. Wir fingen an, indem wir ein Team gestalteten – es war eine langjährige Arbeit, bis wir in den verschiedenen Bereichen taugliche und fähige Mitarbeiter hatten, um dieses Angedeihen durchführen zu können».
Diese Entwicklung ist im Zusammenhang mit dem Wachstum des Landes zu verstehen. Ein «Schlüsselfaktor» dabei war, wie die Geschäftsleiterin meint, «den Personen zu helfen, ihre Gesundheitspflege zu finanzieren. Das konnte mit den Pionierprodukten erreicht werden, wie etwa die Verträge in Bezug auf bestimmte katastrophale und onkologische Krankheiten». Diese Abkommen hatten ein überaus positives Echo: «Zahlreiche Personen unterzeichneten sie, weil sie im Falle eines Problems die Sicherheit hatten, mit dem Rückhalt dieser Abkommen rechnen zu können».
Ferner investierte die Klinik in Fachwissen. Ärzte werden seit vielen Jahren auf den verschiedenen Gebieten weitergebildet und schließlich «zählen wir mit ausgezeichneten, in einigen Fällen den besten Spezialisten».
Über 20 Jahre ist Paula Ithurbisquy nun bei der Deutschen Klinik. Auf die Frage, auf welchem Standpunkt das Krankenhaus in 20 Jahren sein wird, antwortet sie: «Das hängt davon ab, wie sich die Gesundheitsreformen im Land weiter entwickeln werden. Wenn es weiter wächst, dann müsste die Deutsche Klinik im Jahr 2035 – obwohl das schon fast Science-Fiction ist – mehr Konkurrenz haben. Es werden mehr Anbieter auf dem Markt sein, weil die Nachfrage größer sein wird. Die Leute schauen heute öfter ins Schaufenster als früher, weil sie mehr Alternativen haben. In Zukunft wird sich diese Tendenz noch mehr bemerkbar machen, und die Deutsche Klinik wird im Umgang mit ihren Mitteln äußerst effizient sein müssen, um sich der Herausforderung, in der ersten Reihe mitzumachen, stellen zu können». Sie überlegt kurz und meint: «Die Technologie und die Nachrichtenübermittlung ändern sich ständig, vielleicht wird man uns zu jenem Zeitpunkt daheim operieren, wer weiß es».

Keine Angst vor der Konkurrenz
Paula Ithurbisquy ist davon überzeugt, «dass die Medizin sich in den kommenden 20 Jahren verändern wird. Sie wird weniger invasiv sein, die Krankenhausaufenthalte werden sich verringern. Die Bildverarbeitungstechnologien erlauben bereits heute, dass Diagnosen erstellt werden, ohne dass Patienten einen OP-Saal betreten müssen».
Die Konkurrenzsituation, in der sich heute Anbieter von Leistungen auf dem Gesundheitsgebiet befinden, befürchtet sie nicht. Im Gegenteil: «Konkurrenz ist immer gut. Sie hilft, dass Firmen sich bestimmten Herausforderungen stellen, dass innovativ und effizient gearbeitet wird. Sie ist im Firmen-Wachstum ein wichtiger Bestandteil».
Paula Ithurbisquy hat ihr gesamtes Erwachsenenleben intensiv gearbeitet. Das hat sie bisher daran gehindert, ihrer persönlichen Leidenschaft nachzugehen: sie malte in Öl und hofft, dieses Hobby in Zukunft wieder aufgreifen zu können. Zurzeit ist jedoch nicht daran zu denken. Eine Klinik ist 24 Stunden am Tag sieben Tage in der Woche geöffnet: «Wir schließen nicht am Freitagabend, um am Montag wieder zu öffnen, sondern sind ständig im Einsatz und somit verschiedenartigen Problemen ausgesetzt. Man muss immer ‚da‘ sein».
Das macht für sie einen besonderen Reiz aus. Die gelernte Betriebswirtin ließ sich als junge Frau von einem Projekt verlocken, das bis heute nicht seine Zugkraft verloren hat: «Es ist eine Non-Profit-Körperschaft, in der wir für Personen Dinge leisten konnten, die sie auf einem anderen Wege nicht erhalten hätten. Ich glaubte vor 22 Jahren, dass Dienstleistungen auf dem Gesundheitsgebiet ein großes Wachstum erfahren würden, und es ist geglückt.»

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