Kupfernes Rückgrat der chilenischen Wirtschaft

Kupfer und Chile – das gehört einfach zusammen. Was für Deutschland die Autoindustrie bedeutet und für Japan der Hightechsektor, das ist für Chile das rötlich schimmernde Metall. Das Andenland hat sich im Verlauf des letzten Jahrhunderts zum größten Kupferproduzenten der Welt aufgeschwungen. Fast ein Drittel der Wirtschaftsleistung Chiles stammt heute aus dem Kupferexport. Und Aufschwung in der chilenischen Kupferproduktion ist noch lange nicht an seine Grenzen gestoßen.

Mit etwas mehr als 17 Millionen Einwohnern zählt Chile längst nicht zu den bevölkerungsreichsten Ländern der Region. In einem direkten Vergleich des durchschnittlichen Verdienstniveaus, dem Pro-Kopf-Einkommen, stellt das westlich der Anden gelegene Land jedoch alle anderen südamerikanischen Mitstreiter in den Schatten.

Die chilenische Wirtschaft hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer der wettbewerbfähigsten auf dem gesamten Kontinent entwickelt. Die Hauptstadt Santiago wächst kontinuierlich und zählt heute zu den wichtigsten Handelszentren der Region. Einen Bärenanteil am industriellen und wirtschaftlichen Aufschwung hat ohne Zweifel der Bergbau des Landes, speziell der Kupferbergbau.

 

Im Kupfer eine Macht

Chile ist eines der exportstärksten Länder Südamerikas. Die chilenischen Ausfuhren machen etwa ein Drittel des Brutto-Inland- Produkts (BIP) des Landes aus. Das entspricht in etwa der Exportquote Deutschlands, dem nach China größten Exporteur der Welt. Mehr als die Hälfte der Exporterlöse und beinahe ein Drittel der jährlichen Staatseinnahmen erzielt die chilenische Wirtschaft durch den Verkauf von Kupfer.

Angesichts dieser Zahlen und der daraus hervorgehenden Bedeutung des Kupferbergbaus für die chilenische Wirtschaft wundert es kaum, dass in der Hauptstadt des Landes alle zwei Jahre die weltweit zweitgrößte internationale Bergbaumesse ausgerichtet wird. Zur Expomin werden zwischen dem 9. und 13. April dieses Jahres mehr als 60.000 Besucher erwartet. An der Fachmesse nehmen rund 1.200 Aussteller aus 30 Ländern teil.

Das Interesse ausländischer als auch chilenischer Investoren an der hiesigen Bergbauindustrie ist ungebrochen. Schätzungen der Chilenischen Kupferkommission zufolge wurden im vergangenen Jahr rund sieben Milliarden US-Dollar in dem Sektor investiert. Den Projektionen nach werden die Geldgeber bis 2015 noch rund 30 Prozent mehr Kapital in den Bergbau fließen lassen. Der Mammutanteil der Investitionen entfällt jedoch allein auf den Kupferbergbau. 2011 wurden in diesen Bereich insgesamt etwa 5,7 Milliarden US-Dollar gepumpt.

Warum der Gipfel der Investitionstätigkeit dennoch lange nicht erreicht ist, lässt sich an den gegenwärtigen und zukünftig erwarteten Produktionsziffern ablesen: Wurden im vergangenen Jahr insgesamt noch rund 5,7 Millionen Tonnen Kupfer in Chile gefördert, so steigt die Menge den jetzigen Erkenntnissen zufolge bis zum Jahr 2020 um mehr als 35 Prozent an. Chile verfügt über die größten Kupferreserven der Welt und die Wirtschaft des Landes wird noch über Jahrzehnte hinweg seinen Nutzen daraus ziehen können.

 

Dem Kupfer den Rank abgelaufen

Der Großteil der Kupferförderung des Landes konzentriert sich heute auf die nördlichen Regionen Antofagasta und Atacama. Hier hat der industrielle Abbau des roten Metalls vor mehr als einem Jahrhundert auch begonnen.

Zuvor haben jedoch bereits schon die Ureinwohner Chiles wie die Mapuches Kupfer zur Herstellung von Schmuck- und Werkzeugen genutzt. Sie entwickelten erste handwerkliche Verfahren, um das Metall aus dem Boden zu gewinnen. Zur Verarbeitung erfanden sie sogar bereits einfache Methoden, um Kupferlegierungen herzustellen.

Zur Zeit der Kolonialisierung entwickelten sich schließlich die ersten industriellen Standorte für den professionellen Kupferbergbau im Land, der nun auch – zunächst noch sporadisch – statistisch festgehalten wurde. Um das Jahr 1810 herum, dem Zeitpunkt der chilenischen Unabhängigkeit, wurden in Chile 19.000 Tonnen Kupfer gefördert. Ein Wert der kontinuierlich gesteigert werden konnte und zwischen den Jahren 1820 und 1900 bereits die Zwei-Millionen-Marke überstieg. Chile tauchte Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals unter den weltweit größten Produzenten für das begehrte Mineral auf.

Der ersten Euphorie um das gefragte Mineral folgte jedoch ein Einbruch. In den Statistiken der chilenischen Kupferproduktion ist zum Ende des vorletzten Jahrhunderts eine deutliche Delle zu erkennen. Was war geschehen?

Ein anderer Rohstoff hatte dem Kupfer den Rank abgelaufen: Salpeter. Die ersten Vorkommen dieser vielseitig verwendbaren Salze wurden bereits um 1820 im vegetationsarmen chilenischen Norden entdeckt. Rund 50 Jahre später begann der industrielle Abbau durch die Salpeter- und Eisenbahngesellschaft Antofagasta.

Die Jahrhundertwende war nicht nur in Europa, sondern auch auf dem amerikanischen Kontinent durch die andauernde industrielle Revolution und durch zahlreiche nationalistisch und kolonialistisch motivierte Kriege gekennzeichnet. Nitrate, wie die Salze und chemischen Verbindungen auf Salpeterbasis genannt werden, eigneten sich hervorragend als Dünger und zur Herstellung von Sprengstoff.

So wundert es kaum, dass die Salpeterproduktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 70 Prozent aller chilenischen Exporte ausmachte. Kupfer kam zu diesem Zeitpunkt als zweitwichtigstes Exportgut auf lediglich rund sieben Prozent.

 

Unaufhaltsamer Aufstieg der Produktion

Der Salpeterboom sollte die chilenische Wirtschaft jedoch nicht allzu lang beflügeln. Schon im weiteren frühen Verlauf dieser Epoche wurde das Mineral erneut durch die Kupferproduktion verdrängt. Spätestens mit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts hatten sich die Exportverhältnisse zu Gunsten des roten Metalls verkehrt. Es waren zunächst jedoch ausländische, vor allem US-amerikanische Bergbauunternehmen, die die Kupferproduktion in Chile voranbrachten. El Teniente und Chuqicamata waren erste Zentren der massiven Kupfergewinnung.

Um die daraus resultierenden Gewinne im Land zu halten, drängte die chilenische Regierung zunehmend darauf, den Staat selbst an der prosperierenden Industrie zu beteiligen. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts setzte ein zunächst noch verlangsamter, jedoch zunehmend selbstbewusst vorangetriebener Prozess der Verstaatlichung ein, der als «Chilinización» im kollektiven Gedächtnis blieb.

1951 wurde in der Übereinkunft von Washington ein erster Vertrag geschlossen, der Chile 20 Prozent der Kupferproduktion zur direkten Einkommenssteigerung zusprach. In den nächsten Jahren folgte eine Reihe von Gesetzen zu Gunsten der heimischen Bergbauindustrie und am 5. Mai 1955 die Gründung der Chilenischen Kupferbehörde zur Beaufsichtigung und Förderung der nationalen Kupferindustrie.

Elf Jahre später forcierte Chile den nächsten Schritt in Richtung der Totalverstaatlichung. Per Gesetz wurde zunächst die Teilhaberschaft des Staates an ausländischen Kupferunternehmungen im Land autorisiert. El Teniente, Chuquicamata und Salvador gingen 1967 mehrheitlich in chilenischen Staatsbesitz über.

 

Codelco übernimmt Kupferindustrie

Nur vier Jahre später verloren die ausländischen Betreiber endgültig ihr Eigentümerrecht über die von ihnen angelegten Gruben in Chile. Die sozialistische Regierung von Salvador Allende enteignete und verstaatlichte auch die übrigen prozentualen Anteile nicht-chilenischer Beteiligungen. Die Administration der Anlagen unterlag fortan dem Staat und mündete 1976 per Gesetz unter dem Dach einer einzigen staatlichen Betreibergesellschaft: Codelco.

Das finanzstärkste Unternehmen in Chile ist heute der bei weitem größte Kupferproduzent der Welt. Und die Zukunft Codelcos scheint ebenfalls bestens abgesichert. Das Unternehmen verfügt über die weltweit größten bisher entdeckten Reserven an Kupfererzen, die nur darauf warten, ans Tageslicht gefördert zu werden. Ein Umstand, den sich Codelco im letzten Jahr mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar an Investitionen kosten ließ. Ein enormer Wert, der in diesem Jahr, Schätzungen zufolge, gar noch um rund eine Milliarde übertroffen wird.

Von Florian Strunck

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