Karl-May-Abenteuer im wilden, wilden Araukanien

Wilde Indianer, gefährliche Räuberbanden, Lagerfeuerromantik: Zehn Jahre lang, von 1889 bis 1899, beteiligte sich der belgische Ingenieur Gustave Verniory nicht nur am Eisenbahnbau in Südchile, sondern führte auch Tagebuch über sein Leben und seine Abenteuer in der Region Araukanien.

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Kein Job und aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise auch keine Aussichten, dass es einmal besser werden könnte: Im Laufe des 19. Jahrhunderts erlebte Europa eine Massenemigration, die wahre Auswandererströme in die Vereinigten Staaten und andere Staaten der Neuen Welt spülte. Einer von ihnen war Gustave Verniory.
Der Belgier wurde 1865 in der Gemeinde Wellin in den Ardennen geboren, ging dort sowie in Luxemburg und in Trier zur Schule, wo er Deutsch erlernte. Nach seinem Studienabschluss 1888 in Brüssel suchte der junge Mann Arbeit – und fand sie in Chile. Das Land suchte Experten für den Aufbau der Eisenbahnverbindungen, und so schiffte sich der Ingenieur am 26. Januar 1889 auf der «Potosí» in Bordeaux ein. Am 6. März lief das Schiff den Hafen von Valparaíso an. Von dort aus ging es für den Belgier weiter über Santiago nach Angol, in die nördliche Provinz Malleco der Región de la Araucanía.

Undurchdringlicher Urwald, sintflutartiger Regen
Der junge Europäer kommt aus dem Staunen nicht heraus. Undurchdringliche Urwälder, reißende Flüsse und sintflutartige Regen in den Wintermonaten, die die rudimentär ausgebauten Straßen in Schlammlawinen verwandeln bilden ein archaisches Kontrastprogramm zu dem organisierten und – wie der Belgier in seinem Tagebuch bald einräumt – überbehüteten Leben in der Heimat.
«Ich frage mich, ob ich träume, ob ich wirklich ich bin, der dieser fabelhaften Vegetation gegenübersteht. Nie hätte ich mir vorgestellt, dass es solche außergewöhnlichen Bäume und Schlingpflanzen gibt.» Der Ruf der Wildnis hat von dem jungen Abenteuerlustigen Besitz ergriffen, auch wenn die ersten Reitausflüge auf dem Pferderücken noch zu einer wahren Tortur werden.
Gustave Verniory betritt im wahrsten Sinne des Wortes «Neuland». Der Konquistador Pedro de Valdivia erreichte zwar die Gegend um Temuco bereits 1552. Doch praktisch drei Jahrhunderte lang lieferten sich die Mapuche mit den Spaniern einen erbitterten Kampf um ihr Stammgebiet. Immer wieder zerstörten die Araukaner die Ansiedlungen, erst 1881 wird der letzte große Widerstand der indigenen Urbevölkerung von General Cornelio Saavedra Rodríguez niedergeschlagen. Mit der sogenannten Pazifizierung der Araukanien beginnt die Anwerbung von europäischen Kolonisten, die das bisher isolierte Gebiet erschließen sollen.
Auch Gustave Verniory leistet seinen Beitrag. Zwischen dem nördlich gelegenen Victoria und dem südlichen Toltén wird eine Bresche in den Urwald geschlagen, Bahnschwellen verlegt und Schienen daraufgesetzt. Der Ingenieur überwacht als Mitglied der staatlichen Kontrollkommission den Bau des Trassenverlaufs. Der Ausbruch des Bürgerkriegs 1891 beendet Verniorys Tätigkeit vorzeitig. Er denkt an Rückkehr nach Belgien, bleibt aber schließlich doch. Als privater Auftragnehmer baut Verniory Brücken, Bewässerungskanäle, Frachträume und ist schließlich ab Juni 1895 für die Konstruktion der Eisenbahnverbindung zwischen Temuco und Pitrufquén zuständig.

Mapuche, Räuber, Kolonisten
Doch der Belgier zieht nicht nur mit Vermessungsgeräten durch das Land, sondern ist auch scharfer Beobachter der Sitten und Gebräuche seiner Einwohner. In dem Buch «Diez años en Araucanía» («Zehn Jahre in der Araukanien») beschreibt er die Kultur der Mapuche bis ins Detail, schilderte Totenrituale und kommt immer wieder mit der indigenen Bevölkerung in Kontakt.
Später kann er sich sogar mit einem jungen Mapuche auf Mapudungun verständigen, wobei sich das Gespräch allerdings um sehr profane Dinge dreht: Der Araukaner will dem Belgier seine junge Schwester anbieten, wenn der ihm dafür im Gegenzug sein funkelndes Schneidemesser aushändigt.
Solche abenteuerlichen Episoden und ähnliche Geschichten gibt es am laufenden Band und machen aus den nüchternen Tagebuchaufzeichnungen einen unterhaltsamen Karl-May-Roman. Straßenräuber und Banditenbanden treiben ihr Unwesen, nie können Gustave Verniory und seine Begleiter sicher sein, nicht doch plötzlich aus einem Hinterhalt überfallen zu werden. Einmal kommt es auch im Urwald zur einer wilden Verfolgungsjagd, die in einer Schießerei mit dem Bandoleros endet.
Selbst in den kleinen Städten der Araukanien ist das Leben nicht immer sicher. Im Zuge des Bürgerkrieges entsteht ein Machtvakuum, die geschwächte Staatsgewalt scheint Gesetzt und Ordnung nicht mehr garantieren zu können, was wiederum eine willkommende Gelegenheit für Diebe und Gesetzlose bietet.
Überhaupt räumt Verniory einer Romantik, wie sie heutzutage dem Leben der ersten Einwanderer nachträglich angedichtet wird, keinen Platz ein: Bei seinem Kontakt mit Deutschen, Basken, Schotten und anderen Europäern schildert er immer wieder das Kolonistendasein als schwer und deren Arbeitsalltag als hart. In einem Fall löscht ein Raubüberfall mit Vergewaltigung und Totschlag sogar das Leben einer ganzen Familie jäh aus.
Mit dem Auftrag zu erkunden, wo und wie belgische Kolonisten am besten anzusiedeln seien, macht sich Verniory selbst auf den Weg und befragt einen Landsmann nach dessen Erfahrungen. Ein Ergebnis der Feldstudie: Arbeitsam und fleißig sollten die Pioniere sein; und zudem Familienväter. Mit unverheirateten Männern so ganz alleine im wilden Araukanien hat man offenbar keine guten Erfahrungen gemacht.

Wilde Stiere, stechende Mücken, Alkohol und Glückspiel
Widrigkeiten und Tücken hat die Region genug zu bieten. Einmal gelingt es Gustave Verniory und anderen Reitern gerade noch sich aus einem verheerenden Waldbrand zu retten. Bei einem anderen Ausflug ertrinkt sein Pferd in einem vermeintlich harmlosen See, der sich als tückischer Sumpf entpuppt. Auch vor einem wilden Stier muss der Belgier Reißaus nehmen. Doch am schlimmsten sind die Mücken am Budi-See, die einen schönen Abend am Lagerfeuer mit einer Horrornacht und tausend Stichen enden lassen.
Doch natürlich gibt es auch komische Momente in den Aufzeichnungen des Belgiers. Der deutsche Franziskanerpater von Cassius aus Valdivia beabsichtigt, möglichst viele heidnische Mapuche zum rechten Glauben zu bekehren und lädt zu einer christlichen Massentaufe ein. Tatsächlich erscheinen auch sage und schreibe 250 Schäfchen – das liegt aber doch wohl hauptsächlich an dem Whiskey und dem Tabak, die Gustave und sein mittlerweile eingetroffener Bruder Alfred kostenlos unter der Menge verteilen. Am Ende fragt Verniory einen Häuptling, wie dieser denn nun die christliche Feier empfunden habe. Der Cacique antwortet, dass es gut gewesen sei – doch bei den vorherigen Taufen habe es mehr Alkohol gegeben.
Im wilden Araukanien werden viele Bäume gefällt, und wo gesägt werden, dann fallen auch Späne. Verniory beschreibt, wie der mitgebrachte Schnaps der Europäer die einst so stolzen indigenen Ureinwohner kaputt macht. Dass der reiche deutsche Grafensohn Karl von Roedern beim Glückspiel in Chillán einen Haufen Geld verliert und auch sonst alles verprasst, ist dagegen noch eine harmlose Anekdote. Immer wieder kommt es beim Eisenbahnbau zu furchtbaren Unfällen, oftmals mit tödlichem Ausgang. Brücken brechen zusammen und begraben Menschen unter sich; Dynamit, das im Steinbruch, zum Tunnelbau oder gar zum Fischen eingesetzt wird, zerreißt ganze Körper. Und an blutigen Schlägereien fehlt es ohnehin nicht.

Der «roto chileno»
Denn die Hilfskräfte bei den Gleisarbeiten sind alles andere als zartbesaitete Intellektuelle. Gustave Verniory charakterisiert den «roto chileno» als einen primitiven und ungehobelten Typus, der zwar bei einer nicht pünktlichen Lohnauszahlung dazu fähig ist, einen gefährlichen Aufstand anzuzetteln. Doch konfrontiert man ihn mit genügend Selbstbewusstsein und setzt ihm eine doppelte Portion Bohnensuppe vor, dann würde der Kulturlose wieder in seine Schranken verwiesen und besänftigt.
Ohne Zweifel spricht aus einer solchen Darstellung eine gewisse europäische Überheblichkeit, die sicherlich für die damalige Zeit im fortdauernden Kolonialismus und des Imperialismus typisch waren. Tatsächlich lesen sich einige Passagen wie die Schilderungen aus dem Leben eines Kolonialherren: Verniory beschäftigt Köchin sowie Diener und geht vielfach wie ein Feudalherr auf Jagd. Nicht jeder Gewehrschuss dürfte aus reiner Notwendigkeit der Nahrungsmittelbeschaffung erfolgt sein.
Dennoch wirkt der Belgier nie arrogant. Seine genauen Ausführungen und zahlreichen Details – zum Beispiel die Wechselkursentwicklung – belegen vielmehr, dass er vieles unmittelbar erlebte und sich dafür auch aufrichtig interessierte. So schildert Verniory den damaligen Grenzkonflikt zwischen Chile und Argentinien, lässt sich über die Bürokratie und die Unzuverlässigkeit der chilenischen Post aus – beides existierte schon zur damaligen Zeit! – und erzählt unterhaltsam, wie schwer der Aufstieg zum Berg Pirigallo beim Chillán-Vulkan war, obwohl der Gipfel doch zum Greifen nah aussah.
Der Protagonist wohnte in Angol, Lautaro, Pitrufquén und Temuco, und es ist klar, dass der Belgier nach einigen Jahren des Aufenthalts auch im Umgang mit den Chilenen bewandert war. Aus seiner Reaktion auf den besagten Arbeiteraufstand spricht mehr Pragmatismus als denn Rassismus: Wie erreiche ich, dass es nicht zu Gewalttaten kommt und alle zufrieden nach Hause gehen können?

Das Vorrücken der Zivilisation
Besonders aufschlussreich ist der letzte Teil des Buches. Verniory beschließt nach Belgien zurückzukehren und fährt auf seinem Weg nach Santiago noch einmal durch die Landstriche zwischen Temuco und Victoria, die er zehn Jahre zuvor auf Pferderücken durchstreift hatte. Was für ein Wandel! «Ich weine innerlich beim Durchqueren des ehemaligen Urwaldes, in dem ich so gelitten und mit dem ich doch eine so schöne Vergangenheit verbinde. Und heute: Was für ein trauriger Anblick! Die Waldrodung ist in alle Teile vorgedrungen.» Die «unheilvolle Verwüstung» – an der Verniory über den Eisenbahnbau selbst mitgewirkt hat – wird bald aus dem einst so grünen Araukanien einen öden, kargen Landstrich machen wie Chiles Zentralzone, prophezeit der Belgier.
Am 27. Januar 1899 kehrte der Belgier endgültig heim. Sein Bruder Alfred blieb in Chile und starb 1908 im Alter von 33 Jahren in Santiago an Typhus. Gustave Verniory beteiligte sich am Metro-Bau in Paris, lebte in Brüssel, heiratete, wurde Familienvater und unternahm viele Geschäftsreisen nach Ägypten. Doch nach Chile, wo er als junger Mann eine so aufregende Zeit verbracht hatte und wohin er immer wieder zurückwollte, kam er nie mehr. Der Belgier starb 1949. Sein Tagebuch wurde 1976 erstmals veröffentlicht. Das Haus, das er von 1890 bis 1895 in Lautaro bewohnt hatte, stürzte in Folge des schweren Erdbebens vom 27. Februar 2010 zusammen.

Arne Dettmann

Info: Diez años en Araucanía 1889-1899, Gustave Verniory, Pehuén Editores, 2001, Santiago

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