Jede Spende hilft Valparaíso

Mehr als vier Monate nach dem verheerenden Brand von Valparaíso und angesichts der langsamen Fortschritte im Wiederaufbau der zerstörten Gebiete wird es Zeit die Situation der betroffenen Personen wieder zum Thema zu machen. Im Folgenden ein Bericht von Julia Koppetsch.

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Weltweit haben sich die Medien mit Berichten und Reportagen zur Lage in Valparaíso überschlagen. Doch wie so oft, war wenige Wochen später nichts mehr davon zu vernehmen. Der Brand vom 12. und 13. April 2014 auf acht Hügeln in Valparaíso zerstörte 3.000 Häuser – vom schlimmsten Brand in der Geschichte der Stadt waren 12.000 Menschen betroffen. Aktuell hat sich die Lage in vielen Gebieten dank staatlicher Hilfe entspannt. In anderen Vierteln haben die notdürftig errichteten Unterkünfte weder Wasser- und Strom- noch Gasanschluss.

 

«Was können wir tun?»

Viele deutsche Freunde, Bekannte und Familienmitglieder waren besorgt. Beim Anblick der Bilder der verheerenden Ausmaße des Brandes blieb der Vergleich zu kriegsähnlichen Zuständen nicht aus. Sofort wurde ich von verschieden Seiten gefragt, für welche Organisation man am besten spenden sollte, um auf diese Weise etwas aus der Ferne beitragen zu können. Geld war in jedem Fall nötig, doch welche Institution vertrauenswürdig und empfehlenswert?

Auch andere Freunde in Chile mit einem aktiven deutschen Freundes- und Bekanntenkreis standen vor derselben Situation. Somit beschlossen wir kurzerhand unsere eigene Spendenaktion ins Leben zu rufen. Paulina Infante, Dagmar Loos, das Lehrerbildungsinstitut Santiago (LBI) und ich baten um Hilfe für drei konkrete Fälle von Bekannten, die durch den Brand alles verloren haben. Nach wenigen Wochen kam so viel Geld zusammen, dass wir inzwischen über 20 Personen, Familien und Organisationen helfen konnten: insgesamt 10.000 Euro an Spendengeldern aus Deutschland!

4102_p12bWem konnte bereits geholfen werden? Uns interessiert es besonders, Kleinunternehmer zu unterstützen, um verlorene Arbeitsutensilien zu beschaffen und somit die Sicherung ihres Lebensunterhalts zu ermöglichen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt konnten wir bereits zwei Drittel des eingegangenen Spendenbetrages direkt in bar übergeben oder in Form von Sachspenden gezielt kaufen. Um abzusichern, dass die Spenden aus Deutschland richtig eingesetzt werden, haben wir uns in den meisten Fällen dazu entschieden, nach Absprache mit den betroffenen Personen, die benötigten Materialen einzukaufen und als Sachspende zu übergeben.

Die Brüder Retamales, zwei Handwerker vom Cerro La Cruz, haben von uns eine komplett neue Ausstattung von Werkzeugen und Maschinen erhalten. Ebenfalls auf dem Cerro La Cruz konnten wir acht Familien vor dem ersten Regen mit Gasheizern, Tischen, Stühlen, Kommoden und Spülen helfen. Sie haben ihre Notbehausungen von der chilenischen Regierung bekommen, jedoch ohne ausreichenden Schutz vor Wind und Wetter und ohne Möbel. Die Sachspenden erreichten die Familien kurz vor einem kräftigen Regenschauer. Dankbar wurden die Gasheizer in Betrieb gesetzt. Später berichtete uns eine Familie, dass sämtliche Nachbarn sich in den warmen Häusern versammelten, um der feuchten Kälte zu entgehen.

Im Cerro Mariposas haben wir das Schicksal von Isabel Díaz kennengelernt. Ihre Mutter hat ihr Haus durch die zerstörerische Kraft der Flammen verloren. Sie selbst hat auch ihr Haus verloren, doch bereits im Brand vom vergangenen Jahr, der durch Schweißarbeiten an einem heißen, trockenen Tag verursacht wurde und bei dem ebenfalls mehrere Hügel betroffen waren. Dank der deutschen Spendengelder konnten wir eine Spezialmatratze für ihre bettlägerige Mutter kaufen. Isabel ist Schneiderin. Seit letztem Jahr versucht sie sich mit anderen Jobs über Wasser zu halten, da ihre Nähmaschine verbrannt ist. Wir haben ihr eine neue Industrienähmaschine gekauft, die sie bereits tatkräftig nutzt, vor allem um ihr im Aufbau befindliches Haus auszustatten und wohnlich zu machen.

 

Hilfe durch Freiwilligenorganisationen4102_p12c

Dies sind nur einige wenige Schicksale von Bewohnern Valparaísos, die nichts anderes wollen, als wieder zur Normalität zurückzukehren. Dabei helfen unzählige Freiwillige.

So im Cerro La Cruz, wo engagierte Leute eine Volksküche – la caseta – eingerichtet haben. Nur durch Spenden können die täglichen Lebensmittelrationen erworben werden. Unter den engagierten Mitbegründern befindet sich auch Sebastian Bayer, ein Volkswirt aus Leipzig. Er ist seit zweieinhalb Jahren in Chile und hat sich nach einigen Monaten in Santiago letztendlich in Valparaíso niedergelassen. Nach dem Brand hat er sich sofort als freiwilliger Helfer angeboten. Den Aufbau der Volksküche hat er durch Gelder, die von seiner Familie und Freunden zusammengetragen wurden, überhaupt erst möglich gemacht. Nun koordiniert er gemeinsam mit vier weiteren Personen die Versorgung der Nachbarn.

Nach den Monaten der Freiwilligenarbeit im Cerro La Cruz hat Sebastian einen Rückgang der Unterstützung beobachtet: «Anfangs haben uns vor allem die Händler des Marktes mit Lebensmittelspenden geholfen. Doch von Mal zu Mal wird es schwieriger genügend Essen zu bekommen. Seit einiger Zeit kochen wir nicht mehr in der caseta. Jetzt konzentrieren wir uns eher auf Workshops, die wir den Nachbarn anbieten.»

4102_p12dVor Kurzem war zum Beispiel Weben das Thema. Eine Gruppe von Frauen aus Santiago hat alle Materialien und viel Zeit mitgebracht, um den Nachbarn das Thema näher zu bringen. Ein anderer Workshop lud die Nachbarn dazu ein, aktiv am Aufbau eines Gemüsegartens mitzuwirken und ein Kompostsystem im Viertel aufzubauen. Die caseta wurde bereits zweimal von Andrés Silva, dem von der Präsidentin Michelle Bachelet Beauftragten für die Bewältigung der Folgen des Brandes, mit hohem Interesse der Nachbarschaft besucht. Nun gibt es auch einen Container neben der caseta, der zum Durchführen von Therapien dient, zum Beispiel Reiki oder Bachblütenbehandlung. In Zukunft sollen hier auch Ärzte ihre Dienste anbieten können.

Auch die mentale Gesundheit der betroffenen Familien darf nicht zu kurz kommen, denn die Folgen des Brandes sind nicht nur auf materieller Ebene zu beobachten, sondern zeigen sich auch im nachbarschaftlichen und familiären Zusammenleben, das seit dem Brand vermehrt von Konflikten und verbaler Gewalt geprägt ist. Im Cerro Ramaditas wurde die Organisation Alimapu Psicoambiente gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, anhand von gemeinschaftlicher Arbeit in den Bereichen der Psychologie, der Umwelt und der Bürgerbeteiligung innerhalb von sechs Monaten einen nachweisbaren Fortschritt zu erreichen. Dank unserer Unterstützung werden wöchentliche Workshops für Kinder und Erwachsene durchgeführt, die von erfahrenen Fachleuten angeleitet werden.

Auch vor dem Brand war Valparaíso eine Stadt voller Herausforderungen. Nun wird der Wiederaufbau für lange Zeit eine weitere Kernaufgabe Stadtverwaltung und der chilenischen Regierung sein. Dank der wertvollen Hilfe aus Deutschland können auch wir unseren Teil dazu beitragen. Unsere Aktion geht weiter, denn jede Spende hilft Valparaíso!

 

Julia Koppetsch

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