Innovation im Erziehungsmodell

Übernächste Woche am 11. August beginnt ein postgraduales Fernstudium zum Thema Erziehung und Neurodidaktik. Initiatoren des Lehrgangs sind die Sociedad Teuto-Chilena de Educación (Schulausschuss) sowie der Deutsch-Chilenische Bund (DCB) in Kooperation mit Universidad del Desarrollo und der Corporación Chileno Alemana de Beneficencia. Der Cóndor sprach mit den Schulausschuss-Vertretern über das Thema Bildung, die deutschen Schulen in Chile und Zweisprachigkeit.

Die Sociedad Teuto-Chilena de Educación: Verónica Tapia von Zerner, Verónica Reichert, Fernando Hunt und Dr. Bettina von Dessauer. Foto: Arne Dettmann
Die Sociedad Teuto-Chilena de Educación: Verónica Tapia von Zerner, Verónica Reichert, Fernando Hunt und Dr. Bettina von Dessauer. Foto: Arne Dettmann

Insgesamt 72 Teilnehmer haben sich für das viermonatige Fernstudium angemeldet. Darunter befinden sich 36 Lehrkräfte von 18 deutschen Schulen, aber auch Erzieher öffentlicher Bildungseinrichtungen. In fünf Lehreinheiten sollen didaktische und pädagogische Ansätze vermittelt werden, die im Wesentlichen auf Erkenntnissen der Neurowissenschaften beruhen. Wie lernen Schüler effektiver? Welche Rolle spielen dabei die soziale Umgebung und konkrete Erfahrungen?

Zu dem Team und Dozenten zählen unter anderem Dr. Héctor Galleguillos, Experte für Neurowissenschaften an der Universidad del Desarrollo, die Kinderärzte und Neurologen Dr. Verónica Burón und Dr. Ximena Carrasco, Dr Luisa Schoenhaut, Dr Sylvia Guardia, Psychologin Sandra Oltra von der Deutschen Klinik sowie die Pädagogin und Psychopädagogin Ricarda von Dessauer, Xenia Le Quesne, Vizerektorin an der Deutschen Schule Sankt Thomas Morus, Kunstdozentin Marlen Thiermann und Dr. Bettina von Dessauer, Kinderärztin und Vorsitzende des DCBs.

Ganze 120 Stunden Online-Fernstudium umfasst das Programm. Dazu ist Ende September bis Anfang Oktober ein Workshop mit Symposium in Santiago als obligatorischer Präsenzteil vorgesehen. Eingeladener Gast aus Deutschland ist dabei Professor Dr. Manfred Spitzer. Aus Chile kommen 20 Persönlichkeiten verschiedener Berufe dazu, unter anderem der ehemalige Bildungsminister Harald Beyer. Wer die abschließende Prüfung besteht, der erhält das Zertifikat «Diplomado en educación basado en ciencias: neurociencias una herramienta para avanzar».

«Dieses Diplomado ist ganz neu in Chile. Hierzulande haben sich Diskussion und Weiterbildung in diesem Thema bisher nur auf Spezialisten beschränkt», erläutert Dr. Bettina von Dessauer. Doch nun würde mit diesem neuen Seminar erstmals Vergleichbares für Lehrer angeboten werden.

«Wir haben heutzutage in Chile das Problem, dass die Lehrerausbildung oftmals nur unbefriedigend abläuft und der Beruf selbst kein hohes Ansehen genießt. Das wollen wir mit diesem Engagement langsam aber sicher ändern», erklärt Fernando Hunt. Der Deutsch-Chilene ist Vorstandsmitglied in der Sociedad Teuto-Chilena de Educación und hat sich in den vergangenen drei Jahren neben anderen Direktoren maßgeblich daran beteiligt, für diese Institution ein neues Konzept zu entwickeln.

Zum Hintergrund: Bereits im Jahr 1917 gründete der DCB den Schulausschuss, dessen Aufgabe es ist, die Deutschen Schulen zu beraten und zu unterstützen. Schon im Ersten, aber besonders während des Zweiten Weltkriegs setzte sich die Teuto-Chilena für, damals, 50 Deutsche Schulen ein, die damals von der Schließung bedroht waren. Die Gründung des einstigen Kindergärtnerinnen- und Lehrerinnenseminars, aus dem später das Wilhelm-von-Humboldt-Seminar und später das heutige LBI wurde, geht auf die Initiative des Schulausschusses sowie des DCBs zurück. Die beiden Institutionen riefen übrigens 1938 auch den Verlag Ediciones Chileno-Alemanas ins Leben, der die «Cóndor»-Zeitung herausgibt.

Eine beachtliche Geschichte also, berücksichtigt man, dass 1977 sogar ein Stipendiumfonds eingerichtet wurde, um Studenten ihre Ausbildung zum Deutschlehrer zu ermöglichen. Doch dann wurde es in der Zwischenzeit etwas still um den Schulausschuss. Bettina von Dessauer: «Es war ein wenig wie der Dornröschenschlaf. Daher wollten wir mit neuem Elan zurück zu unseren Kernaufgaben kehren, die da lauten: Die deutsche Kultur und Sprache in Chile fördern und gleichzeitig einen Beitrag für das Bildungssystem in diesem Land leisten.»

Herausgekommen ist nach vielen Sitzungen, Beratungen und Gesprächen eine Strategieplanung, die auf fünf Säulen aufbaut: Erstens dafür zu sorgen, dass die Deutschen Schulen genügend Nachwuchs an Lehrkräften erhalten; zweitens die Kommunikation zwischen und das Vertrauen unter den beteiligten Akteuren zu fördern; drittens deutsche Kultur und Traditionen – wie zum Beispiel Orchester- und Chormusik, das Skatspiel und andere künstlerischen Beschäftigungen – aufrecht zu erhalten; viertens Synergien und Netzwerke zu etablieren; und schließlich fünftens die Akkreditierung einer Universität voranzutreiben.

Unter dem letzten Punkt ist gemeint, möglichst nicht nur bilinguale Erzieher und Lehrer für den Kindergarten- und Grundschulbereich der deutschen Schulen ausbilden zu lassen, sondern auch Dozenten in Mathematik, Chemie, Deutsch und anderen Fächern für die Sekundarstufe zu haben. Dafür ist ein Studium Voraussetzung. Sprich: eine Hochschule.

Diese Rolle könnte die Universidad de Desarrollo übernehmen, die über eine Fakultät für Erziehungswissenschaft verfügt und die wiederum über die medizinische Fakultät mit der Deutschen Klinik Santiago zusammenarbeitet. «Wir sind derzeit mit vielen Akteuren im Gespräch und knüpfen Kontakte», erklärt Verónica Reichert, Vorsitzende der Sociedad Teuto-Chilena de Educación. Das Rekrutierungspotenzial für ein solch zukünftiges Studium sei groß, versichert sie. Derzeit umfasst der Schulausschuss 18 Deutsche Schulen vom nördlichen La Serena bis ins südliche Punta Arenas, an denen insgesamt 17.500 Schüler eingeschrieben sind. «Ein mehrsprachiges Pädagogikstudium wäre aber bestimmt nicht nur für Abgänger der deutschen Schulen interessant», erläutert Verónica Reichert. «Eine weitere Sprache zu erlernen stellt immer einen Gewinn dar. Und eine gut fundierte Dozentenausbildung ist für das ganze Land wichtig.»

Der Schulausschuss hat die Weichen in diese Richtung gestellt und auch bei sich selbst eine Professionalisierung eingeleitet, wie Verónica Reichert erklärt. Seit März vergangenen Jahres ist Verónica Tapia von Zerner als Geschäftsführerin des Schulaussschusses tätig – ein Posten, der bisher ehrenamtlich war. Tapia studierte Betriebswirtschaftslehre, machte ein postgraduales Studium in Spanien und blickt auf eine neunjährige Erfahrung an der Universidad Finis Terrae zurück.

Der übernächste Woche anlaufende Lehrgang zum Thema Neurodidaktik kann und soll daher nur ein Anfang sein. Verónica Reichert: «Wichtig als Schulausschuss ist uns, mit allen Institutionen der deutsch-chilenischen Gemeinschaft positiv und konstruktiv zusammenzuarbeiten.»

 

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