«Ikh hob dikh lieb»

Die deutsche Sprache unterlag einer Menge von Einflüssen (siehe Karte). «Schmiere stehen», «Pleite machen», «Schlamassel», «Macke» und «Zoff»: Diese Wörter stammen aus dem Jiddischen und sind in den Wortschatz übergegangen. Wie viele Menschen heutzutage die alte Umgangssprache der Juden noch beherrschen, weiß niemand. Doch Jiddisch hat sich über die Welt verbreitet – bis nach Chile.

«Ij shraib idish» textet Jana Rovner auf einen Notizblock. Wer auf Spanisch diesen Lautschriftsatz ausspricht, sagt auf Jiddisch: «Ich schreibe jiddisch.» Gar nicht so schwer. Deutsche Muttersprachler haben es noch leichter, denn Jiddisch, diese 1.000 Jahre alte Sprache, ging aus dem Mittelhochdeutschen hervor. Die jiddische Grammatik ist somit grundsätzlich deutschbasiert. «Ikh hob dikh lieb» – das ist nun kinderleicht zu verstehen. Doch wenn Jana Rovner den gern gehörten Satz «Ich hab dich lieb» mit hebräischen Schriftzeichen schreibt, dann geht´s ans Eingemachte (und zwar gelesen von rechts nach links): איך האָב דיך ליב.

«Als ich elf Jahre alt war, habe ich Hebräisch gelernt», erzählt Jana Rovner, dessen Vater aus Russland und deren Mutter aus der Ukraine stammt. Ihre Eltern zählen somit zu den Nachfahren der aschkenasischen Juden, die bereits in der Spätantike in Deutschland ansässig waren. Auf nur 20.000 Aschkenas wird ihre Anzahl im 11. Jahrhundert geschätzt. Und im Unterschied zu den sephardischen Juden, deren Kultur auf der Iberischen Halbinsel entstand, verband sie eine gemeinsame Sprache: das Jiddische.

«Hebräisch ist die heilige Sprache, reserviert für die Gottesdienste in der Synagoge. Doch zum Kommunizieren entwickelten die Juden auf Grundlage mittelhochdeutscher Dialekte eine eigene Mischsprache», erläutert Jana Rovner, die hebräische Geschichte und jiddische Literatur studiert hat. Mit der massenhaften Migration von Juden aus dem deutschen Sprachgebiet nach Osteuropa gelangte das Jiddische auch nach Polen und Litauen, nach Ukraine bis hinunter zur Krim. Durch den Kontakt mit slawischen Sprachen entwickelte sich Ostjiddisch. Mit den großen Auswanderungswellen im späten 19. Jahrhundert verbreitete sich Jiddisch schließlich über die ganze Welt.

Auch in Chile wird noch jiddisch gesprochen. Die in Buenos Aires geborene Jana Rovner gibt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Kurse, um die Sprache ihrer Vorfahren zu bewahren. «Ich war überrascht, als mehr als ein Dutzend Personen Interesse zeigte», erzählt die 72-Jährige, die im jüdischen Hogar Beit im santiaguiner Stadtteil La Dehesa wohnt. «Einige verbinden mit Jiddisch auch persönliche Gefühle, weil diese Sprache sie an die eigenen Großeltern erinnert.» Und so bezeichnen denn auch Jiddischsprecher das Jiddisch als mame loschn, als «Muttersprache».

Auch in anderen Erdteilen, zum Beispiel in New York, Paris, Vilnius und Warschau wird Jiddisch gelehrt. So gibt es an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf einen Lehrstuhl für Jiddische Kultur, Sprache und Literatur innerhalb des Instituts für Jüdische Studien. Jiddistik bildet dabei ein eigenes Studienfach, das Lehrangebot umfasst Sprachkurse. An der Universität Tel Aviv finden wiederum Sommerkurse in Jiddisch statt – bemerkenswerterweise in Israel, wo Jiddisch lange Zeit als Ghettosprache verpönt war.

Doch sein goldenes Zeitalter wird Jiddisch wohl leider nie wieder erleben. Jiddisch war zwischen 1917 und 1920 eine der offiziellen Sprachen in der Ukrainischen Volksrepublik. Drei bedeutende jiddische Zeitungen wurden in Moskau, in Weißrussland und der Ukraine herausgegeben. Im Jahr 1932 besuchten 160.000 jüdische Kinder in der Sowjetunion eine jiddischsprachige Schule. Die jiddische Literatur kennt mit Saul Bellow sogar einen Träger des Nobelpreises für Literatur. Große Erfolge feierten auch jiddisches Theater und Film. Mame loschn wurde bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von rund zwölf Millionen Menschen in Wort und Schrift verstanden und aktiv gebraucht. Mit dem Völkermord an sechs Millionen Juden, dem Holocaust durch die Nationalsozialisten, endete diese Blütezeit jäh.

Die Schätzungen, wie viele Menschen heute noch Jiddisch beherrschen, gehen weit auseinander. Manche sagen drei Millionen, andere geben 700.000 oder gar nur 100.000 an. Die Sprecher zählen sicherlich zu den älteren Jahrgängen oder den ultra-orthodoxen Juden. Jana Rovner: «Diese konservativste Richtung im Judentum will erst wieder hebräisch sprechen, wenn der Messias erscheint. Vorerst bleibt man also beim Jiddisch.»

 

Jiddismus – Vom Schlamassel in die Pleite

So wie Jiddisch deutsche, hebräische und slawische Elemente übernahm, genauso hat es Spuren im Deutschen hinterlassen. Zahlreiche Begriffe fanden durch Entlehnungen und Übernahme Eingang in den Wortschatz. Als Transporteur diente dabei unter anderem das «Rotwelsch» (Sprache einer gesellschaftlichen Randgruppe auf Basis des Deutschen) oder auch die «Gaunersprache», die sich aus dem älteren Jiddisch herleitet.

«Schmiere stehen» hat seinen Ursprung aus dem Hebräischen (schmira=Wache stehen); ebenso die «Pleite» (plejta=Flucht). Viel «Moos», also Geld haben, kommt von ma’oth, was «kleine Münzen» bedeutet. Auch «betucht» stammt aus dem Hebräischen (batuah=sicher). Das «Kaff» leitet sich von kfar ab, dem Dorf.

Wer jemanden ironisch «Hals und Beinbruch» wünscht, der benutzt eine hebräische Redewendung: hazlacha=Erfolg und bracha=Segen. Ein Gefängnisinsasse sitzt im «Knast» (knas=Strafe), was sicherlich nicht «dufte» (tow=gut) ist. «Meschugge» (meshugah=verrückt) meint durchgedreht, eine «Mischpoke» oder «Mischpoche» (hebräisch mischpacha) bezeichnet eine Familie. «Maloche» ist auf das hebräische Wort malacha=Arbeit, Werk zurückzuführen, «eine Macke haben» auf maka=Schlag.

Weitere Beispiele: Bammel (Angst), Zoff (Ärger, Streit), Reibach (Verdienst, Gewinn), Ganove (Gauner, Betrüger), Schickse (leichtlebige Frau), Schmonzette (albernes Machwerk), Tacheles reden (offen die Meinung sagen), Stuss (Unsinn, Dummheit), Tinnef (Schund, dummes Zeug), Chuzpe (Dreistigkeit) sowie kess (schneidig, flott). Und natürlich auch «Schlamassel», was das «Unglück» oder die «verfahrene Situation» meint. Das Gegenteil ist folglich «Massel», also «Glück».

Insgesamt sind in der Umgangssprache mehr als 100 solcher Jiddismen nachweisbar, 50 werden aktiv im Alltag verwendet und sind meist hebräischen Ursprungs.

Ein «Techtelmechtel» meint einen Flirt, eine Liebelei, wobei es sich um ein Reimwort handelt, indem das Wort tachti (heimlich) um ein l erweitert (techtel) und dann in leichter Variation (mechtl) wiederholt wird. Dabei kann das Paar «schmusen» (jiddisch schmuo, Plural schmuoss=Geschwätz, im Rotwelsch=zärtlich sein, schmeicheln). Oder auch «mauscheln» (moischele=Moses, sowie maschal=Gleichnisrede), also hinter vorgehaltener Hand flüstern.

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