«Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden»

Vor etwa 200 Jahren schlug im Leipziger Vorort Stötteritz die Geburtsstunde einer revolutionären Theorie in der Medizingeschichte. Es war der medizinische Schriftsteller, Übersetzer und deutsche Arzt Christian Friedrich Samuel Hahnemann, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts für Empörung unter den Heilkundigen sorgte. Durch eine kleine Fußnote in Cullens weltbekanntem Werk «Materia Medica» begründete er die Anfänge der Homöopathie.

Dabei war der gebürtige Meißner, geboren am 10. April 1755, in seinen jungen Jahren ein eher zartes und physisch schwaches Kind. Doch Hahnemanns Vater, als hätte er den zukünftigen Erfolg seines Sohnes erahnt, ließ nichts unversucht, um die Begabungen Samuels zu fördern sowie dessen Charakter zu formen. Laut Zeitzeugen solle ihm der Vater Denkaufgaben gegeben haben, die er gelöst haben musste, um das Zimmer zu verlassen.

An innerlicher Konsequenz sowie Durchsetzungsvermögen, Charaktereigenschaften, die er später brauchte um seiner einmal eingeschlagenen Richtung standzuhalten, mangelte es dem jungen Samuel bald nicht mehr. Schon in frühen Jahren war der aus einem bürgerlichen Elternhaus angehende Mediziner ein äußerst fleißiges und lernbegieriges Kind. Zu dieser Arbeitshaltung hatten die Eltern einen gro0en Teil beigetragen. Hohe moralische Ansprüche, Fleiß, Einfachheit, Nüchternheit, Ordnung und Frömmigkeit standen an oberster Stelle.

Unter seinen Mitschülern fiel er schnell durch seine außergewöhnlichen Fähigkeiten und Begabungen auf und weil die Lehrer das Talent Hahnemanns nicht vergeuden wollten, erließen sie ihm jegliche Form von Schulgeld. Zu oft hatte er in der Vergangenheit durch Abwesenheit aufgrund der schlechten finanziellen Situation seines Elternhauses Aufmerksamkeit erregt.

 

Medizinstudium

Mit 20 Jahren begann Hahnemann sein Medizinstudium an der Leipziger Universität. Seine finanzielle Situation hatte sich bis dahin nicht verbessert. Doch auch hier legte das Schicksal ihm keinen Stein in den Weg. Die Universität ermöglichte es ihm alle Vorlesungen kostenlos zu besuchen. Zu dieser Zeit hielt er sich finanziell mit Sprachunterricht und Übersetzungen psychologischer und medizinischer Werke ins Deutsche über Wasser.

Doch Hahnemann wollte mehr. Sein Ehrgeiz auch in der Praxis hervorragend zu praktizieren trieb ihn schließlich für ein dreiviertel Jahr nach Wien zum Medizinprofessor Joseph Freiherr von Quarin. Er lehrte an der Wiener Universität und war zudem ärztlicher Direktor des Spitals der Barmherzigen Brüder. Dort erhielt Hahnemann Unterricht am Krankenbett und bei Visiten. Bis ins hohe Alter war der Homöopath davon überzeugt, dass Quarin es war, der ihm zu dem Arzt gemacht hatte, der er gewesen sei.

Wie nicht anders zu erwarten, waren es Geldsorgen, die Hahnemann einen Strich durch die Rechnung machten. Er konnte Quarin die Lehrstunden bald nicht mehr bezahlen. Doch dies sollte nicht lange andauern. Quarin vermittelte ihn zum Freiherr Samuel von Brukenthal nach Hermannstadt. Dort bekam er eine Stelle als Bibliothekar und Leibarzt.

Während des zweijährigen Aufenthalts versäumte er es nicht sich weiterzubilden. Er hatte das Glück frei praktizieren zu dürfen. Während dieser Zeit widmete er sich dem Studium der Malaria. Er hatte an «Wechselfieber» Leidende nicht nur behandelt, sondern war sogar selbst daran erkrankt. Experimente mit der Chinarinde an sich selbst sowie die an seinen Patienten zur Heilung der Krankheit dienten ihm später als stützende Pfeiler bei der Entdeckung der Homöopathie.

Als Hahnemann 1779 schließlich genug Geld zusammen hatte, entschied er sich nach Erlangen überzusiedeln und zu promovieren. Seine ersten Jahre als Arzt glichen dem Leben eines Vagabunden. Gerade in einer Stadt angekommen, verspürte er erneut den Drang in eine andere zu ziehen.

Es war zum einen seine unstillbare Neugier und sein Ehrgeiz Neues zu erfahren und sich in der Medizin weiterzubilden; und andererseits musste er um seinen Lebensunterhalt kämpfen. Mal beklagte er sich über die Menge von Patienten. Dann,  in schlechten Zeiten, war er gezwungen, die Praxis zu schließen, weil sie von niemandem aufgesucht wurde.

Seine Stationen waren zunächst Hettstedt, Dessau, Gommern bei Magdeburg und Dresden. In Gommern lernte er Johanna Leopoldine Henriette Küchler kennen, eine Apothekerstochter, die er 1782 heiratete und mit der er elf Kinder hatte.

 

Kritik an der gängigen Medizin

Während dieser Zeit arbeitete Hahnemann weiter als Übersetzer. Doch beim bloßen Übersetzen blieb es nicht. Immer öfters fügte er kritische Bemerkungen, Stellungnahmen und Anmerkungen hinzu, die oftmals viel länger als der eigentliche Text waren. Schon lange vertrat er nicht mehr die gängige medizinische Praxis. Er war frustriert und enttäuscht von der Unfähigkeit der Mediziner, die ihren Patienten mit Brechmitteln und Quecksilber mehr Schaden zufügten, als dass sie ihnen halfen. Aus diesem Grund distanzierte er sich immer mehr von seiner Berufung als Arzt.

Und dennoch gelang ihm in dieser Zeit der entscheidende Durchbruch. Vorurteilsfrei und keiner medizinischen Schule und deren Denkstrukturen verpflichtet, widmete er sich 1790 der Übersetzung des Werkes «Materia Medica» des bekannten schottischen Mediziners William Cullen. Bei seiner Übersetzung ließ er kritische Anmerkungen und Stellungnahmen nicht aus und so kam es auch, dass er einer seiner Fußnoten seine Überlegungen und Gedanken zur Behandlung der Malaria hinzufügte.

Darin bemängelte er die Behauptung Cullens, dass Chinarinde nur helfen würde, weil sie magenstärkende Eigenschaften habe. Auf Basis eigener Erfahrungen berichtete er infolge dessen in derselben Fußnote, dass die Chinarinde zwar wie die Malaria auch Fieberschübe auslöse. Da aber das südamerikanische Strauchgewächs zur Behandlung gegen Malaria eingesetzt wird, schlussfolgerte er, dass die Chinarinde wirke, weil sie malariaähnliche Symptome hervorrufe. Die Ähnlichkeitsregel war entdeckt und damit zugleich das Grundprinzip der Homöopathie.

 

Neues Heilungsprinzip

Natürlich stieß die Theorie Hahnemanns nicht überall auf offene Ohren. Viele Naturwissenschaftler taten die Ähnlichkeitsregel als Scharlatanerie ab, weil sie der herkömmlichen medizinischen Praxis nicht entsprach. Doch Hahnemann ließ sich nicht von seiner bahnbrechenden Theorie abbringen. Sechs Jahre später wurde sein erster Aufsatz über das Heilprinzip «Ähnliches mit Ähnlichem» (similia similibus) in einer Fachzeitschrift unter dem Titel «Versuch über ein neues Princip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneysubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen» veröffentlicht.

Die folgenden Jahre standen ganz im Zeichen der Erforschung seiner neuen Theorie. Er führte erste homöopathische Behandlungen an Patienten durch und verwendete kleinere Dosen, die der heutigen homöopathischen Behandlung immer näher kamen. 1810 veröffentlichte Hahnemann schließlich das für die Homöopathie grundlegende theoretische Werk «Organon der rationellen Heilkunde». Bis heute dient das Werk als theoretische Grundlage für die Homöopathie.

Die Universität Erlangen erteilte ihm kurz darauf sogar eine Lehrbefugnis, damit sein neues Heilprinzip Verbreitung fand. Für die meisten Mediziner war die neue Theorie Hahnemanns, eine Besserung auch ohne gewaltsame Eingriffe hervorzurufen, jedoch zu weit von naturwissenschaftlicher Logik entfernt. Zudem vermissten viele Fachkundige des 19. Jahrhunderts Beweise dafür, dass die Theorie Hahnemanns auch wirklich Erfolg hatte. Es fehlte an Befürwortung und Akzeptanz. Viele Universitäten und Lehrstühle wehrten sich gegen das Konzept der Homöopathie. Für die Medizin des 19. und 20. Jahrhunderts hatte sie deshalb keine besondere Relevanz.

 

Nischenmarkt Homöopathie

Heutzutage ist die Homöopathie weltweit bekannt. Am meisten Akzeptanz findet die medizinische Lehre in Frankreich, den USA, Deutschland und Indien, wobei fast die Hälfte der homöopathischen Mittel in Europa vertrieben wird. In Relation zum gesamten Arzneimittelmarkt machen homöopathische Mittel davon jedoch nur ein Prozent aus.

Zur Homöopathie gibt es heutzutage sehr verschiedene Meinungen. Viele Wissenschaftler verurteilen diese medizinische Richtung Hahnemanns als wirkungslose Behandlung. Heilerfolge seinen demnach nur Placebo-Effekte, da bisher keine Nachweise auf Basis naturwissenschaftlicher Untersuchungen erbracht wurden. Befürworter halten sich an Einzelerfolgen fest, bei denen die Schulmedizin versagt habe.

Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Bevölkerung der Homöopathie immer mehr Sympathie entgegenbringt. Laut einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, das sich auf die Umfrageforschung in Deutschland spezialisiert hat, haben heute 57 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland wenigstens einmal ein homöopathisches Mittel eingenommen. Vor circa 30 Jahren sei es nur jeder vierte Westdeutsche gewesen, der zu homöopathischen Mitteln gegriffen habe.

 

Von Sabrina Greifzu

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