Hilfe verdient Öffentlichkeit

Altersarmut  in Chile: Trotz staatlicher Unterstützung sind private Institutionen wie der Deutsche Hilfsverein unentbehrlich.
Altersarmut in Chile: Trotz staatlicher Unterstützung sind private Institutionen wie der Deutsche Hilfsverein unentbehrlich.

Von Dietrich Angerstein

Wir erleben heute eine noch vor wenigen Jahren ungeahnte Finanz- und Wirtschaftsentwicklung, die uns den Blick auf eine unterschwellige trotz allem vorhandene Notlage vieler Mitbürger getrübt hat. So mancher ist der Meinung, dass AFPs, Isapres und Fonasa nicht nur dafür geschaffen, sondern geradezu verpflichtet seien menschliches Leid flächendeckend zu mindern oder gar ganz zu übernehmen. Wird man alt oder macht die Gesundheit Sorgen, so glaubt man doch, sind Institutionen genug vorhanden, die gefälligst die Kosten zu tragen haben, dafür hat man ja jahrelang gezahlt.
Eine organisierte Unverantwortlichkeit nannte das einmal der deutsche Politiker Wolfgang Clemens, zwar in einem anderen Zusammenhang, passt aber auch in unsere Tage. Es ist doch sicher so, dass nur eine verschwindende Minderheit von Bürgern in der Lage ist, den Wust der Bestimmungen und Voraussetzungen zu durchschauen, die es einem minderbemittelten Notleidenden gestatten, von einer oder allen Maßnahmen Gebrauch zu machen, die uns tagtäglich von der Politik angepriesen werden, wenn das überhaupt möglich und es die eigene Gesundheit ermöglicht, den Weg dahin zu finden.
Unsere heutige Problematik – so trügt es – scheint also eine andere zu sein als die des Jahres 1864, als der erste Deutsche Hilfsverein in Santiago gegründet wurde. Dieser erste Schritt muss um die Jahrhundertwende 1900 in den Deutschen Hospitalverein eingegangen sein, so jedenfalls lässt der Umstand schließen, dass in beiden Vereinen ein Herr Bernardo Timmermann im Vorstand anzutreffen war.
In jenen Jahren erlebte Chile ebenfalls eine Wirtschaftsentwicklung, die keinen Anlass zu Besorgnis sah. Salpeter brachte bis dahin unvorhergesehene Einnahmen, Industrie und Handel blühten – natürlich im Rahmen der damals vorhandenen Grenzen. Man machte sich keine Sorgen, und da es überhaupt keine chilenischen staatliche Fürsorge gab, schuf sich die deutsch-chilenische Gemeinschaft ihre eigene: die Deutsche Krankenkasse (sie existierte noch um 1960), die Deutsche Witwen- und Sterbekasse gegründet 1870.
Aber ganz schnell wurde es anders im Jahre 1929. Der Salpeterboom brach zusammen, nicht nur aus dem Norden strömten deutschstämmige Arbeitslose nach Santiago, auch hier brachen in der Folge viele Handwerks- und Handelsbetriebe zusammen. So kam es im gleichen Jahr zur Neugründung des Deutschen Hilfsvereins unter der Führung des damaligen Konsuls Guillermo Schacht.
Rasch stieg die Zahl von anfangs 28 Mitgliedern auf 150 und mehr, man half, wo immer und so gut es ging. Im Jahr 1968 wurde ein Wohnheim unter dem Namen des langjährigen Herausgebers des «Cóndors» Claus von Plate bezogen, in die neue Wohnstätte konnten die Bewohner des ursprünglichen Altersheims Barrancas einziehen. Heute wurde die Anlage des Claus von Plate-Heims in das moderne Wohnheim der Hogares Alemanes einbezogen.
Nun haben wir wieder eine Finanz- und Wirtschaftsentwicklung, die uns die Notlage so mancher Mitbürger vergessen lässt. Waren es damals private Einrichtungen, so sind heute staatliche oder halbstaatliche Stellen da, sie sich im jene kümmern sollten, die es nicht mehr können – und gerade da liegt der Fehler: Es gibt immer noch sehr viele Menschen, die es nicht aus eigener Kraft schaffen oder deren Mindestrenten einfach nicht ausreichen. Für sie ist der Deutsche Hilfsverein da, eine vom chilenischen Staat anerkannte Einrichtung.
Vor Kurzem legte der Vorsitzende, Rechtsanwalt Gerardo Scheffelt, auf der Hauptversammlung des Vereins Rechenschaft ab. Nur bescheidene Summen konnten an Hilfsbedürftige ausgegeben werden, aber der Gedanke, dass hier jemand geholfen werden konnte, sollte Genugtuung für ihn und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sein. Ihnen allen ein herzliches Dankeschön von denen, die wieder hoffen können.

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