Helfer für Forstwirtschaft auf vier Hufen

Stephan Grünwald transportiert mit seinem Rückepferd Holzstämme aus einem Wald. Aus ökologischen Gründen setzen wieder mehr Waldbesitzer und Forstämter auf die vierbeinigen Helfer. Foto: Thomas Frey/dpa
Stephan Grünwald transportiert mit seinem Rückepferd Holzstämme aus einem Wald. Aus ökologischen Gründen setzen wieder mehr Waldbesitzer und Forstämter auf die vierbeinigen Helfer. Foto: Thomas Frey/dpa

Forstpferde sind selten geworden. Dabei kommen sie in unwegsamem Gelände voran, wo moderne Erntemaschinen versagen, und schonen Böden und Bäume. Setzt die ökologische Waldbewirtschaftung wieder stärker auf die Vierbeiner?

Drehenthalerhof (dpa) – Die Kette spannt sich, Rosi und Vincent laufen los. Im dichten Wald ziehen sie einen Baumstamm bergab zu einem Forstweg. «Brrr», ruft Stephan Grünwald beim pfälzischen Dorf Drehenthalerhof (Kreis Kaiserslautern). Brav stoppen seine beiden Zugpferde. Grünwald löst ihre Kette vom Baumstamm. Rückepferde wie Rosi und Vincent sind heute selten in Deutschland. Längst ziehen starke Spezialfahrzeuge Baumstämme aus dem Wald. «Aber es gibt zunehmend wieder Waldbesitzer und Forstämter, die aus ökologischen Gründen auf Rückepferde setzen», sagt Grünwald.
Laut Interessengemeinschaft Zugpferde bieten bundesweit rund 60 registrierte Rückebetriebe diese Dienste an. Der Dachverband der Waldeigentümer (AGDW) setzt sich für die Erhaltung der traditionsreichen Branche ein. «Die Pferdrücker werden gebraucht: Sie sind auf sensiblen Standorten bestens geeignet, da sie den Waldboden schützen», sagt AGDW-Präsident Philipp zu Guttenberg.
Vollerntemaschinen, sogenannte Harvester, verdichten den Waldboden mehr als Pferde. Das Regenwasser versickert schlechter und die Baumwurzeln bekommen weniger Sauerstoff. Grünwald sagt: «Außerdem können Rückepferde in unwegsamem Gelände arbeiten, wo Harvester nicht mehr weiterkommen.» Auch eine Seilwinde mit gerader Zugrichtung nutze nichts, wenn sich ein Stamm an anderen Bäumen verhake. Die rheinland-pfälzische Forstministerin Ulrike Höfken (Grüne) spricht bei Rückepferden von «etlichen ökologischen Vorteilen wie Schonung des Waldbodens, weniger Emissionen und vor allem weniger Schäden an den Bäumen».
«Harrr», ruft Grünwald, der im Hauptberuf Tierarzt ist. Sein Zwei-PS-Gespann trottet nach links. Mit wenigen Kommandowörtern und einer Arbeitsleine lenkt er seine beiden 800 Kilogramm schweren Kaltblüter. «Die Ausbildung von Rückepferden dauert mindestens ein Jahr», sagt Grünwald. «Es sind Fluchttiere. Eigentlich würden sie abhauen, wenn es hinter ihnen rumpelt und poltert. Aber jetzt stört sie nicht einmal der Lärm einer Motorsäge.»
Meist sind es Forst-, Landwirtschafts- und Gartenbaubetriebe, die Pferderücken als zusätzliche Einkommenquelle anbieten. Oder es ist ein Hobby wie bei Grünwald. AGDW-Präsident zu Guttenberg sagt: «Im Normalfall ist die Pferderückung wirtschaftlich nicht darstellbar.»
Futter, Stall, Hufschmied – die Kosten für ein PS sind hoch. Nur noch bis 2014 ist für die traditionsreiche Branche eine Bundesförderung geflossen. «Seit diesem Jahr fördert Baden-Württemberg direkt die Pferderückebetriebe, in Hessen ist ein entsprechendes Gesetz in der Debatte», teilt der Dachverband der Waldeigentümer mit.
Dieses Rücken mutet romantisch an, ist aber für Tier und Mensch Knochenarbeit. Im zweispännigen sogenannten Wittgenstein-Verfahren schafft es ein Pferde-Duo, an einem Tag 80 Festmeter Holz zu Wegen für den Weitertransport zu rücken, wie Grünwald erklärt.
Förster setzen schwere Harvester gerne im Winter auf gefrorenem Waldböden ein, dann sind die Schäden geringer. Doch Johannes Enssle vom Naturschutzbund NABU in Baden-Württemberg weist auf den Klimawandel hin: «In den milden Wintern der letzten Jahre gab es vermehrt Schäden an Waldböden.» Da könnten Forstpferde helfen. Zudem verbrauchen die Pfade für Rückepferde weniger Platz und damit Produktionsfläche als die Schneisen, auf denen Maschinen unterwegs sind.
Ist der Einsatz von Rückepferden Tierquälerei? «Nein», versichert Tierarzt Grünwald. «Rosi und Vincent haben Spaß dran, die scharren im Stall schon mit den Hufen, wenn sie die Ketten vom Arbeitsgeschirr rasseln hören.» Heute neigt sich der Arbeitstag der beiden Kaltblüter dem Ende zu. Grünwald nimmt ihnen das Arbeitsgeschirr ab. Er tätschelt Rosi den Hals. «Das ist erst mal ihr letzter Einsatz gewesen», erklärt er. «Sie ist tragend. Jetzt geht sie in Mutterschutz.»

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