Flucht um jeden Preis

Fünfzig Jahre sind vergangen, seitdem ostdeutsche Bauarbeiter unter Aufsicht der Staatsführung der DDR eine Mauer quer durch Berlin errichteten. Der Eiserner Vorhang, Bollwerk an vorderster Front des Kalten Krieges, manifestierte für rund 28 Jahre die Teilung Deutschlands. Die hochgerüstete Grenze sollte den Exodus der Ostdeutschen in Richtung Westen aufhalten. Ganz und gar verhindern konnte sie die teils atemberaubenden Fluchtversuche jedoch nicht.

 

Als Ditmar Raffel beschloss, sein Leben für eine waghalsige Flucht aus der DDR aufs Spiel zu setzen, war er gerade 18 Jahre alt. Nur elf Jahre zuvor hatte die sozialistische Staatsführung seines Heimatlandes mit Unterstützung Moskaus die innerdeutsche Grenze schließen lassen. Raffel und seine Familie erleben die Turbulenzen auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges aus nächster Nähe. Der antifaschistische Schutzwall – wie die DDR-Propaganda die innerdeutsche Grenze betitelte – führte direkt durch ihr Dorf, der ostdeutschen Gemeinde Rüterberg an der Elbe.

Die Dorfgemeinschaft lag innerhalb der streng kontrollierten Sperrzone, die sich auf bis zu 500 Meter Breite auf ostdeutschem Gebiet entlang der Grenze zog. Für die Bewohner dieser Siedlungen galten besonders strenge Vorschriften und Verhaltensregeln. Zu- und Ausfahrt zum Ort wurden von Uniformierten kontrolliert, willkürliche Ausgangssperren bestimmten ihren Tagesrhythmus. Wer vom Staat als Republikfeind oder politisch fragwürdig eingestuft wurde, musste mit Zwangsumsiedlung rechnen.

Unzählige Male hatte Ditmar Raffel in seiner Kindheit auf den Elbwiesen vor Rüterberg mit seinen Freunden gespielt und im Fluss gebadet. Doch als Grenzsoldaten das Dorf eines Tages mit Stacheldrahtzaun umzogen, endete das beschauliche Jugendidyll. «Meine Kindheit in der DDR war bis dahin eigentlich sehr sorglos», sagte er in einem Interview dem Cóndor gegenüber und bekannte, dass er vor seinem 18. Geburtstag nie an eine Flucht aus der DDR gedacht hatte. Sein Vater war Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee, Kritik an der Führung und den Lebensumständen in der DDR waren innerhalb der Familie ein Tabu.

Raffels Haltung gegenüber Heimat und Familie änderte sich jedoch radikal, als sein Berufswunsch, als Schiffskapitän die Weltmeere zu befahren, zerschlagen wurde. Ohne nähere Begründung wiesen die staatseigenen Reedereien die Bewerbungen des jungen Ausbildungssuchenden ab. Frustriert und tief enttäuscht beschloss er daraufhin, mit Freunden und Familie zu brechen und die Flucht über die Elbe zu wagen.

 

Massiver Exodus aus der DDR

Wie Ditmar Raffel haben tausende Menschen während des Bestehens der DDR den Entschluss gefasst, aus dem sozialistischen Land in Richtung Westen zu fliehen. Von der Staatsgründung der DDR am 7. Oktober 1949 bis zu ihrem offiziellen Ende im Juni 1990 verließen über 3,8 Millionen Menschen über verschiedenste Wege dauerhaft die DDR.

Bis zur Schließung der Grenzen nach West-Berlin im Sommer 1961 war die Ausreise relativ unkompliziert. Obwohl der «ungesetzliche Grenzübertritt» auch damals schon unter Strafe stand, war der Transit zwischen beiden Seiten dennoch auch weiterhin legal möglich. Viele nutzten diese Gesetzeslücke als Brücke zur Flucht aus der DDR.

Den politisch repressiven Umständen in der DDR zu entfliehen sowie familiäre Gründe und bessere berufliche Perspektiven gaben die meisten Flüchtlinge als Motivation für ihre Entscheidung an.

Für die DDR blieb der massive Exodus ihrer Bürger nicht ohne Folgen. Wirtschaftliche Konsequenzen durch die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte trieben den Verantwortlichen die Sorgenfalten ins Gesicht. Hinzu kam ein ideologischer Schaden. Die Erfahrungsberichte der ehemaligen DDR-Bürger, die nach ihrer erfolgreichen Flucht häufig in der westdeutschen Presse kursierten, warfen kein gutes Licht auf die vom Regime beschönigte wirtschaftliche und bürgerrechtliche Situation im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat.

 

Schießbefehl als letztes Mittel

Da auch der Bau der Mauer und die totale Grenzschließung die massive Abwanderung der ostdeutschen Bevölkerung in Richtung Westen zunächst nicht aufhalten konnte, lag die Verhinderung der Republikflucht ab Beginn der 70er-Jahre in der Verantwortung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Unter der Führung von Stasichef Erich Mielke wurde im Frühjahr 1975 die «Zentrale Koordinierungsgruppe Bekämpfung von Flucht und Übersiedlung» (ZKG) geschaffen.

Den ostdeutschen Grenzsoldaten wurde befohlen, die Flüchtenden in jedem Fall aufzuhalten. Schon ab 1960 wurde ihnen von der Staatsführung der Schießbefehl als äußerstes Mittel zur Fluchtverhinderung erteilt. In einer verschärften Version aus dem Jahr 1973 heißt es, die Grenzer müssten «bei Notwendigkeit die Schusswaffe konsequent anwenden, um den Verräter zu stellen oder zu liquidieren».

Die Angaben über Opferzahlen an der innerdeutschen Grenze gehen heute zum Teil stark auseinander, da die erfassenden Organisationen unterschiedliche Definitionen für ihre Statistiken anwandten. Den Angaben zufolge starben zwischen 1949 und 1989 jedoch mehr als 1.100 Menschen bei dem Versuch die Grenze zu überqueren. Darunter sind auch mehrere hundert Grenzsoldaten, die durch Unfälle mit Schusswaffen ums Leben kamen oder von Flüchtenden oder deren Helfern erschossen wurden.

Rund 75.000 Menschen wurden während des Bestehens der DDR unter der Anschuldigung der Republikflucht verurteilt. Sie mussten mit Freiheitsstrafen von bis zu acht Jahren rechnen und wurden auch nach ihrer Freilassung häufig noch vom MfS schikaniert.

 

Flucht im Heißluftballon

Mittel und Wege, über die die Fluchtwilligen ihre Ausreise aus der DDR anstrebten, waren sehr unterschiedlich. Zu den spektakulärsten Szenarien gehörten die Grabungen von Fluchttunneln, meist unterhalb Berlins. Mindestens 39 dieser Tunnelanlagen sind im Laufe der Teilung beider deutscher Staaten bekannt geworden. Obwohl Stasi und ostdeutsche Grenzschützer zahlreiche unterirdische Röhren vor Erfüllung ihres Zwecks entdeckten, konnten über die erfolgreichsten Grabungen 1962 und 1964 mehr als 110 Menschen nach West-Berlin entkommen. Atemberaubend war auch die Flucht zweier Familien in einem selbstgebauten Heißluftballon im September 1979.

Der Großteil der erfolgreichen Fluchten verlief jedoch weniger spektakulär und meist über die legale Ausreise in einen Drittstaat. Ab 1989 war die massive Ausreise von Bürgern der DDR über die zunehmend durchlässigen Grenzen Ungarns, Polens und der ehemaligen Tschechoslowakei einer der Gründe für den endgültigen Zusammenbruch der innerdeutschen Grenze.

 

Keinen Moment bereut

Lange zuvor, im Jahr 1972, wagte Ditmar Raffel an einem heißen Julimorgen den Sprung in die Elbe und seine ganz persönliche Flucht in die Freiheit. Obwohl strengstens bewacht, gelang es ihm den Grenzzaun nahe Rüterberg zu überwinden. Einmal in der Elbe gab es für ihn – und seine Familie – kein Zurück mehr.

Denn während für Ditmar Raffel nach seiner kühnen Flucht ein neues Leben begann, rückte seine Familie in den Fokus der Staatssicherheit. «Ich wusste damals natürlich schon, was mit meiner Familie passiert, wenn ich in den Westen gehe. Sie würden sofort aus Rüterberg ausgewiesen und mein Vater konnte natürlich seine Uniform an den Nagel hängen.»

 

Dennoch bereut er seine Entscheidung bis heute nicht. «Wenn ich mich in die damalige Zeit und in die damaligen Umstände zurückversetze, dann kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass ich es auf jeden Fall wieder machen würde.»

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