Es ruckelt in Richtung Moderne

Am 21. November hat das Theater auf dem Berg Premiere. Die Freilichtbühne der Familie von Kiesling bringt Heinrich von Kleists «Prinz von Homburg». Der Cóndor traf sich mit Christiane Siemens-Trummler von Kiesling zum Gespräch, um ihre Aufgabe als Regisseurin des Klassikers näher zu betrachten. Die Fragen stellte Walter Krumbach.

Christiane Siemens-Trummler von Kiesling «Es geht um Liebe, um Befehlsverweigerung, um Ehre, um ein Todesurteil.»
Christiane Siemens-Trummler von Kiesling «Es geht um Liebe, um Befehlsverweigerung, um Ehre, um ein Todesurteil.»

Cóndor: Weshalb habt ihr Kleists «Prinz von Homburg» ausgesucht? Was habt ihr an diesem Stück gefunden?
Siemens-Trummler von Kiesling: Das kann ich ganz genau sagen. Ich suchte vor zweieinhalb Jahren ein Stück aus, und fand dabei «Prinz von Homburg». Ich erinnerte mich, wie ich es als kleines Mädchen in Hamburg mit meinen Eltern gesehen hatte. Ich war von der Story begeistert. Das zweite Mal sah ich es mit Bruno Ganz. Da war ich Anfang 20 und es hat mich fasziniert.
In einem Sommer habe ich mir das Buch vorgenommen und den Text gekürzt. Dabei dachte ich mir, wir haben die perfekte Atmosphäre: einen Garten, Schlachtgetümmel über unsere neue Lautsprecheranlage mit Surround-Effekt, also können wir es machen.
In der ersten Zeit hatte ich Probleme, um Schauspieler zu finden. Als Prinz hatten wir ganz fest Gerardo Ebert und nun klappt es auch mit Michael Hagen als Feldmarschall, der für sechs Wochen mit gelernter Rolle nach Chile kommt. Die Belegschaft ist inzwischen komplett und lernt ihre Texte mit dem etwas alten Deutsch, das ich ein bisschen modernisiert habe.

Kann man das?
Ja, ich habe zum Beispiel immer «Sie» statt «ihr» geschrieben, und manche Sätze ein bisschen umgebaut, aber ich habe immer versucht, den Jambus zu erhalten. Wir sprechen langsam, wir haben Untertitel, ich glaube, das Stück kommt rüber. Es ist ein Wagnis, weil es ein Klassiker ist, aber es ist ja sehr aufregend. Es geht um Liebe, um Befehlsverweigerung, um Ehre, um ein Todesurteil mit eventueller Vollstreckung…

afiche con subtitulos copiaWas für eine Botschaft vermittelt so ein Stück dem heutigen Menschen oder ist das nicht relevant?
Relevant ist es im Sinne des normalen gesellschaftlichen Lebens, das wir führen, nicht mehr so. Es geht um die Ehre des Militärs. Aber ich kann mir vorstellen, wenn heute eine Befehlsverweigerung stattfinden würde, dann kommt der Schuldige vor ein Kriegsgericht. Es gibt auch noch Erschießungen. Ich dachte mir aber, ich versuche das einfach mal.
Interessant ist der Konflikt des jungen Mannes, der eigentlich kein militärischer Typ ist – er hat das Wesen von Kleist selber, der ja auch ins Militär musste, obwohl er es nicht wollte. Er ist dann wieder raus und ist dann in eine ganz andere Laufbahn eingestiegen. Der Prinz personifiziert ihn mit seinen Gefühlen. Er hat im Grunde keinen richtigen Sinn für die Ausführung von Befehlen. Der Konflikt dieses jungen Romantikers mit der Realität, in die er hineinkommt, erhält die Spannung bis zum letzten Moment aufrecht.
Auch heute haben junge Leute diese Konflikte. Wie kommen diese verträumten Menschen mit unserem reglementierten System zurecht. Jeder weiß, wo man ist. Diese Dinge wie Whatsapp sind eine Kontrolle, der wir unterlegen sind, die wir gar nicht so merken, wenn wir nicht ein bisschen nachdenken. So was soll nun ein Mensch, der etwas verträumt ist, einordnen.
Es gibt Parallelen, und ich könnte mir denken, dass junge Leute mit Interesse verfolgen werden, wie dieser junge Mann reagiert, der in eine junge Frau verliebt ist, die auch aus einem Königshaus kommt.

Es gibt nicht mehr viele Deutsch-Chilenen, die die deutsche Sprache richtig beherrschen. Es dürfte nicht einfach gewesen sein, das Ensemble zusammenzustellen. Wie habt ihr das Casting durchgeführt?
Es sind Leute dabei, die schon lange dabei waren. Wir haben Manfred Bräuchle, der den Kurfürsten spielt, dann Gerardo Ebert, der auch ein sehr, sehr gutes Deutsch spricht. Uschi Barentin spricht ein einwandfreies Deutsch. Dann haben wir Marie Luise von Frey. Sie ist eine sehr schöne, attraktive Frau und hat eine wichtige Rolle. Matthias von Kiesling spielt den Hauptmann Kottwitz, der diese militärische Sprache führt, da passt er super rein. Luis Orellana hat auch eine Rolle, wo er militärische Sätze formuliert, die kurz, knapp und prägnant sind. Er hat einen leichten französischen Akzent, der ganz gut passt.
Ich habe das Gefühl gehabt, die kannst du nehmen, dass sie die Sprache hinüberbringen und dass der Chilene – jetzt kommen ja mehr, durch die Untertitel – sie verstehen kann. Udo Hilterhaus ist importiert, er spricht ein wunderbares Deutsch und Michael Hagen, der hier bereits sechsmal mitgespielt hat, spricht auch einwandfreies Deutsch.

Die Untertitel öffnen das Theater einem ganz neuen Publikum. Habt ihr dafür auch Werbung gemacht?
Ja, auf dem Plakat, das jetzt überall hängt, da ist ganz groß «subtitulado electrónico español» angegeben. Viele wissen es bereits, und ich habe per Mail-Box jetzt schon mehrere Anmeldungen von spanischsprechenden Leuten erhalten, die Plätze reservieren wollen. Es hat sich herumgesprochen – das ist schon ein Ergebnis.

Das Theater hat vor vielen, vielen Jahren unten im Haus von Peter von Kieslings Mutter, Frau Elfi, in kleinem Kreis begonnen; dann hat es Peter auf seiner griechischen Freilichtbühne ganz groß herausgebracht, auf der ihr heute noch spielt. Und nun kommt die dritte Generation, das seid ihr, mit modernisierter Technik und Web-Seite. Wie gedenkt ihr, in Zukunft das Theater weiter zu entwickeln?
Wir wollen in dieser Richtung weitergehen, es zu verbessern. Im Moment sind wir finanziell noch nicht so stabil, dass wir zum Beispiel zwei Bildschirme für die Untertitel einrichten könnten, aber das wird mit der Zeit noch kommen. Wir haben mehrere Ton-Effekte. Später werden wir auch mehr Beleuchtungseffekte haben.
Ich möchte außerdem etwas mehr in die Richtung des moderneren Theaters gehen. Schon in unserer jetzigen Produktion machen wir es ein bisschen anders: Die Frauen sehen genauso aus wie zu der Zeit, in der das Stück spielt, während die Männer alle einheitlich gekleidet sind mit ihren schwarzen Anzügen, wie auf dem Plakat. Auch die Utensilien haben wir völlig minimiert.
Der andere Punkt ist, wir möchten auch ganz moderne Stücke aufführen. Ich denke dabei an «Der Gott des Gemetzels» von Yasmina Reza. Es handelt von zwei Ehepaaren – also nur vier Rollen – die sich treffen, weil ihre Kinder in einer Privatschule Mist gebaut haben. Das wollen diese beiden Ehepaare zuhause ausdiskutieren. Es ist von Roman Polanski mit Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz und John C. Reilly wunderbar verfilmt worden. Das ist von heute. Würde ich sehr gern machen.
Und dann würde ich auch gerne noch einmal Peter zuliebe «Das Geld liegt auf der Bank» von Curth Flatow in einer neueren Version bringen. Wir wollen also modernere Sachen bringen, aber dann immer wieder auf einen Klassiker zurückgreifen. Wir machen es weiterhin unter dem Motto «Spiel unter Freunden», zur Pflege der deutschen Sprache.

Dabei wünschen wir Euch viel Freude und Erfolg. Besten Dank auch für das anregende Gespräch.

Info: Aufführungen am 21., 22., 28. und 29.11., sowie am 5., 6. und 8.12., jeweils um 20 Uhr. Eintrittserlös zugunsten der SOS-Kinderdörfer. Zusätzliche Information über www.theateraufdemberg.cl.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*