«Es knisterte vor Spannung»

Das jüngst gespielte Theaterstück «Der Speer/ Das Herz/ Mechanische Tiere» bewog den Cóndor, ein Gespräch mit den jungen Schauspielern und der Leiterin der Theatergruppe der DS Santiago (Theater an.MUT), Monika von Moldoványi, zu führen. Teil nahmen Thomas Akel, Marco Briosa, Rahel Gysel, Caroline Sielfeld, Fernanda Wammes und Christine Zwanzger.

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Cóndor: Das Theaterstück ist aus der Kurzgeschichte «Wie ich endlich mein Herz verlor» von Doris Lessing und Szenen aus «Mechanische Tiere» von Rebekka Kricheldorf zusammengefügt worden. Wie seid ihr an das Werk herangetreten?

Marco: Es ist ein hinter- und tiefgründiges Theaterstück. Sehr subjektiv und kann auf viele Arten interpretiert werden. Verschiedene Personen tauchen auf, in die man sich hineindenken muss. In dem man das Herz in der Hand hält, ist man gezwungen, dass zu zeigen, was sonst nicht an die Oberfläche gelangt.

Rahel: Eine Motivation des Stückes ist, dass eine Frau ihr Herz verliert. Das soll zeigen, dass man von anderen geliebt werden möchte. Wenn man das Herz verliert, ist das nun gut oder schlecht? Die Art wie man dieses dem Publikum vorbringt, wie man diese komplizierte Frau auf ihrer Suche darstellt und was man nach dem Herzverlust sagen kann; trifft es auf alle Menschen zu?

Fernanda: Das Gemisch beider Stücke ist sehr geschickt gestaltet. Beide ergeben sehr gut ein drittes, Einzigartiges. Hierbei geht es um viele Situationen und Arten von Mitmenschen.

Caroline: Es ist ein nicht sehr strukturiertes Stück. Man kann eher von Situationen als von Rollen sprechen. Darin besteht die Herausforderung, kreativ heranzugehen.

Christine: Um was geht es im Stück? Um normale Situationen. Dinge, die im Alltag geschehen. Es werden unsichere Menschen gezeigt und Negatives von ihnen.

Thomas: Ich musste mich tief in die Rolle versetzen, aber auch spontan viel improvisieren.

Monika: Die Spieler entscheiden unter den verschiedenen Stücken, was am besten gespielt werden kann. Es ist ein gemeinsamer Prozess aller.

 

Was hat euch am Stück besonders begeistert?

Rahel: Die selbstgemachte Musik und die andauernde Bewegung entspannte. Damit bringt man viel herüber.

Fernanda: Das Drehbuch ist geschickt auf Deutsch zusammengestellt worden. Für meinen Geschmack unser bestes Stück überhaupt.

Caroline: Probleme der heutigen Gesellschaft werden in komischer Art dargestellt, und so etwas gefällt doch vielen.

Marco: Die Zuschauer waren uns im Theaterraum der Schule eindeutig näher. Ich sah den Ausdruck der Gesichter, ihrer Gefühle. Man merkte, ob sie sich im Stück widerspiegelten.

Rahel: Sehr wichtig war es mir, was ich dem Publikum in meiner Rolle erzählte. Die Körpersprache war intensiv. In der Aufführung im Club Manquehue saß das Publikum unten weiter ab. Wir hatten weniger Tuchfühlung.

Christine: Die Beleuchtung im Club war viel stärker als in der Schule. Hier konnte man besser die Reaktionen erkennen. Es knisterte vor Spannung.

 

War es seltsam, dass von zwei Autorinnen ein einziges Stück entstand?

Monika: Die Sprache beider Autorinnen ist anders. Doris Lessing ist introspektiver, Rebekka Kricheldorf im Allgemeinen sehr hart und ausdrucksschwer. Das Stück hat keinen Ort, keine Anleitung, nur Texte. Jeder Schauspieler gab sehr viel von sich, um es glaubwürdig zu gestalten.

 

Wie kamt ihr zur Schauspielerei?

Christine: In der 8. Klasse sprach uns Monika auf die Theatergruppe an. Viele waren begeistert. Inzwischen liebe ich es ungemein.

Fernanda: Ich war im 3° Medio. Freunde waren dabei, und ich sagte mir: Versuche es doch mal. Inzwischen arbeite und studiere ich und bin nun schon zehn Jahre dabei. Es ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden. Durch das Spiel kann ich viel Stress abbauen. Oft komme ich mit einer Last im «Rucksack» an und lasse diesen vor der Tür und nach der Probe schleppe ich die Last nicht wieder nach Hause, weil sie nicht mehr vorhanden ist. Es handelt sich um ein festes Hobby, das uns ermöglicht aus dem Alltäglichen auszubrechen.

Caroline: Von einer Freundin in der 7. Klasse kam die Initiative zu schauspielern. Es hat mich so gepackt, dass ich mit Begeisterung dabei blieb.

Rahel: Bei Aufführungen sagte ich mir: `So etwas möchte ich auch mal probieren.´ Aber ich traute mich nicht. Nach dem Start kann ich sagen, dass man sich dabei selber besser kennenlernt, die Persönlichkeit und die Körpersprache entwickelt, Phantasie und Kreativität anspornt und versteht besser mit anderen umzugehen.

Thomas: In der 10. Klasse machte ich im Musical «Grease» mit. Danach trat ich in die Theatergruppe ein, war aber beschämt über meine Leistung. Zu Beginn des Uni-Studiums musste ich aufhören. Monika gab mir Anfang dieses Jahres den nötigen Ruck, um wieder anzufangen.

Marco: Elf Jahre lang bin ich dabei, seit dem 2° Medio. Das Theaterspielen war sehr verrückt, und ich wurde ein Teil dieser Verrücktheit.

 

Was macht ihr beruflich?

Marco: Ich arbeite von 9 bis 18 Uhr in der Woche. Am Wochenende haben wir lange Proben. Man ist recht erschöpft nach so einer Woche und glaubt nicht weiter machen zu können. Aber dann geht es doch wieder, und es macht viel Spaß.

Thomas: Bin im zweiten Jahr des Medizinstudiums.

Rahel: Ich bin Physiotherapeutin. Zurzeit arbeite ich in einem Kinderheim, was doch sehr anstrengt, aber viel Spaß bringt.

Fernanda: Ich bin Soziologin und arbeite an meinem Abschluss. Meine Tätigkeit übe ich im GIZ aus.

Caroline: Ich bin am Ende meines Studiums der chemisch-industriellen Ingenieurwissenschaften.

Christine: Ich bin jetzt im sechsten Jahr der Elektrotechnik und Wirtschaft.

 

Habt ihr Lampenfieber?

Christine: Das muss so sein. Am Montag vor der Aufführung werden alle schon nervös und eine Menge Adrenalin wallt auf. Wir trimmen unsere Stimmen und alle essen vorweg Schokolade.

Marco: Die Kabale ist: `Toi, toi, toi!´ Man beginnt sich zu rubbeln, man pustet, man bewegt sich viel, um lockerer zu werden.

 

Würdet ihr Freunden anraten bei euch mitzumachen?

Rahel: Man ist jetzt so gut eingespielt, dass ich mir schwer vorstellen kann, dass Neue eingegliedert werden könnten.

Christine: Neue Leute würden sich eventuell nicht ganz wohlfühlen.

Marco: Vielleicht würden Neue einen frischen Wind mitbringen, vielleicht auch nicht.

Caroline: Ich würde Kommilitonen auffordern mitzumachen.

Thomas: Viele junge Menschen sind auf der Suche nach Kunst. Sich anzupassen ist aber nicht leicht.

 

Fühlt ihr etwas Besonderes, wenn ihr auf der Bühne steht?

Christine: Die Reaktion des Publikums zu spüren oder fühlen ist genial.

Rahel: Das Unterbewusstsein spielt bei mir mit; ich überlege oft zu viel auf der Bühne, was die Gefahr aufbringt, meine Rolle zu vergessen.

Marco: Ich fühle mich als ein anderer Mensch; ich teile mich in zwei auf; dazwischen stecke ich; man versetzt sich in die Rolle und sieht sich dabei selber.

Fernanda: Jedes Jahr ist es anders. Ich werde auf der Bühne reifer. Es gefällt mir immer besser. Ich habe für mich und das Publikum geschauspielert.

Caroline: Die Gruppe passt sich sehr gut an, und in ihr fühle ich mich ganz befreit.

 

Wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Ralph Delaval.

 

Eine zusätzliche Aufführung gibt es am Mittwoch, den 6. November, um 20 Uhr, im kleinen Theatersaal der Deutschen Schule, Av. Kennedy lateral 6150, Vitacura.

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