Der Erste Weltkrieg oder der Selbstmord Europas

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Der Historiker Dr. Carlos Eggers griff die Thematik in einem Vortrag im DCB-Auditorium auf.

4117_p6_1

Dr. Eggers ging insbesondere auf die Gründe und Folgen des Krieges ein. «Ich war nicht sehr einverstanden mit der Mehrzahl der Publikationen in Chile. Meines Erachtens nach ist es wichtiger die Ursachen sowie die Folgen zu ergründen, als die Schlachten selbst.»
Nach Dr. Eggers Auffassung zeichnet sich die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im deutschen Kaiserreich durch einen großen Zwiespalt aus. So standen errungene Leistungen in Wissenschaft, Technik, dem industriellen und wirtschaftlichen Aufschwung sowie die Bedeutsamkeit von Kultur im wilhelminischen Zeitalter einer diplomatischen Unreife auf der Weltebene gegenüber. Dr. Eggers thematisierte in diesem Kontext unter anderem die Wesensart Wilhelms des Zweiten und deren Bedeutsamkeit für die Entwicklungen. «Jenes was sein Großvater versäumte zu tun, dass hat er überkompensiert. Spektakuläres Auftreten und bombastische Reden lagen ihm nah. Als Mensch unstet und impulsiv und von großem Geltungsbedürfnis. Erst schloss er sich eng Bismarck an. Doch nach einem Jahr hat er ihn entlassen.»
Die fortschreitende Isolierung des Deutschen Reiches beruhte laut Dr. Eggers auf mehreren Gründen. Das Verhältnis zu Frankreich war durch den Streit um Lothringen und dem Elsass gestört. Der Konflikt mit England unterlag hingegen mannigfaltigen Ursachen. So wurde der Plan Deutschlands eine Eisenbahn von Berlin nach Bagdad zu bauen, von den Engländern als Eindringen in deren Einflusssphäre aufgegriffen. Zudem zeigten sich diese «mit Recht», wie Dr. Eggers betonte, misstrauisch gegenüber der übertriebenen Ausdehnung der deutschen Kriegsmarine. Die demonstrierte Sympathie des Kaisers für die Buren im Burenkrieg in Südafrika sowie die «Daily Telegraph Affäre» 1908 blieben den Briten nachhaltig im Gedächtnis.
Von großer Bedeutung in dem Konflikt war zudem der rasante wirtschaftliche Aufschwung im Deutschen Reich. «Die deutschen Waren gefährdeten die Märkte, welche Briten und Amerikaner für sich von jeher in Anspruch nahmen.» Großbritannien setzte daher beispielsweise darauf den Export zu erschweren. Die «uneingeschränkte Unterstützung» des Deutschen Reiches mit Österreich nach dem Attentat auf Franz Ferdinand führte zu Spannungen mit Russland, das sich in dieser Angelegenheit wiederum mit Serbien verbündete. «Letzthin ist das Deutsche Kaiserreich in den Krieg eingetreten, um die Habsburgische Monarchie in zwei sehr fraglichen Angelegenheiten zu unterstützen. Erstmals gegen die aufständischen slawischen Völker im Balkan, dann gegen die legitimen Ansprüchen Italiens.»
Im Bezug auf die Folgen sprach Dr. Eggers vom «Selbstmord Europas». «Die Kriege haben Europa geschwächt, das bis zu diesem Zeitpunkt Zentrum der Welt war. Die Vormachtstellung hat sich dann auf die USA und die Sowjetunion verlagert.» Alle Länder, doch insbesondere Deutschland, hatten hohe Todeszahlen zu beklagen, vier Königshäuser gingen in Folge des Krieges zu Ende und die soziale Ordnung auf der ganzen Welt wurde weitreichend umgewälzt. In Deutschland führte man die Republik ein, welche mit einer schwierigen wirtschaftlichen Lage, die in eine Hyperinflation 1924 überging, zu kämpfen hatte. Im Gesamten legte der Versailler Vertrag den Deutschen schwere Lasten auf. So mussten beispielsweise alle deutschen Kolonien aufgegeben werden, es gab erhebliche Restriktionen bezüglich Heeresgröße und Rüstungsindustrie und die deutsche Republik hatte hohe Reparationsgelder zu zahlen.
Der Erste Weltkrieg stellte letztlich die Weichen für den Zweiten. «Für viele Revanchisten, darunter an erster Stelle Hitler, war der Zweite Weltkonflikt etwas Vergleichbares wie die zweite Halbzeit desselben Fußballspiels», so Dr. Eggers. Dem Zweiten Weltkrieg wird sich Dr. Eggers in einem weiteren Vortrag im kommenden Jahr detailliert widmen.

Julia Tries

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*