Emil-Held-Archiv digitalisiert Cóndor-Sammlung

Fast 80 Jahre deutsche Zeitung in Chile soll online gestellt werden

Ricardo Binder: «Die alten deutschen Zeitungen sind eine grundlegende Basis für die Geschichtsforschung.»
Ricardo Binder: «Die alten deutschen Zeitungen sind eine grundlegende Basis für die Geschichtsforschung.»

Nach Fertigstellung des Cóndor-Projekts besteht die Absicht, noch weitere deutschsprachige Zeitungen des Inlandes zu bearbeiten.

Von Walter Krumbach

Nicht jeder, der das Haus des Deutsch-Chilenischen Bundes an der Vitacura betritt, kennt sein Allerheiligstes, nicht einmal die häufigen Konzert- oder Ausstellungsbesucher. Und doch ist es denkbar einfach, hineinzugelangen: Wenn man die Treppe zum Keller hinabsteigt, erreicht man das Emil-Held-Archiv, wo zigtausende, größtenteils hochinteressante Dokumente aufbewahrt werden.

Fein geordnet speichert das Depot Schriftstücke zur deutschen Einwanderung, Urkunden, Bücher und Periodika. Dort lagert auch die einzige gesamte Cóndor-Sammlung, von der Nummer eins (1938) bis zur Gegenwart. Aufgrund ihres hohen Alters – im kommenden Jahr werden die ersten Hefte 80 Jahre alt! – weisen zahlreiche Exemplare ernste Schäden auf. Das Papier ist derartig altersschwach, dass es oft Gefahr läuft, schon beim Anfassen oder Umblättern zu reißen.

Der Archiv-Vorstand hat daher die Digitalisierung des gesamten Bestandes der Zeitung beschlossen. Das bedeutet, jede Seite mit einem Spezialgerät gesondert zu registrieren und in ein Archiv einzugeben, welches elektronisch eingesehen werden kann.  

Ricardo Binder, Vorsitzender des Emil-Held-Archiv-Ausschusses, zeigt am PC-Bildschirm einige Kostproben der bereits geleisteten Arbeit: Die Bilder sind gestochen scharf, die Texte leicht lesbar. Auch die kleinsten Typen – von denen sich seinerzeit Zeitungen bekanntlich reichlich bedienten – erkennt das Auge ohne jegliche Schwierigkeit.   

Binder bringt den Plan auf den Punkt: «Sowohl der Cóndor wie auch andere deutsche Zeitungen sind eine grundlegende Basis für die Geschichtsforschung.» So ist ein weiteres Medium, die «Deutsche Zeitung für Chile», die zwischen 1909 und 1943 erschien, bereits zu 95 Prozent elektronisch gespeichert worden.  

Der Cóndor hingegen ist gegenwärtig bis 1951 digitalisiert worden. Noch in diesem Jahr müsste der gesamte Bestand unserer Zeitung bearbeitet sein, womit sie Interessenten, angefangen bei den DCB-Mitgliedern, aber auch Forschern, Studenten und Schülern, zugänglich gemacht werden könnte.

Der beauftragte Experte ist mit seiner Ausrüstung in der Lage, das Material zu scannen und anschließend mit den entsprechenden Softwares zu bearbeiten. Im Endeffekt werden sie, genauso wie die originalen Papierausgaben, als einheitliche Exemplare gelesen werden können.

Diese zigtausende Seiten setzen nicht nur eine enorme Speicherkapazität des Computers voraus, sondern stellen auch hohe Anforderungen an das Gerät, mit welchem zukünftig im Emil-Held-Archiv die Zeitungen durchgesehen werden sollen. «Die neuen Archive werden auf eine externe Festplatte überspielt», erläutert Ricardo Binder, «sodass wir mit einem eigenen Computer einen direkten Zugang zu den gespeicherten Inhalten haben werden».

Nach Fertigstellung des Cóndor-Projekts besteht die Absicht, noch weitere deutschsprachige Zeitungen des Inlandes zu bearbeiten. Ricardo Binder verweist auf Publikationen wie «Die Presse», die «Deutschen Nachrichten für Chile», eine Zeitung, die im 19. Jahrhundert in Valparaíso herausgegeben wurde. Sie befindet sich nicht im Emil-Held-Archiv, sondern in der Biblioteca Nacional. In Valdivia kamen damals die «Deutschen Nachrichten für Südchile» heraus.

«Wenn es uns die Biblioteca Nacional erlaubt, würden wir diese Zeitungen der ersten Jahrzehnte der deutschen Einwanderung gerne scannen, weil sie uns aufgrund ihres Alters besonders interessant erscheinen», meint Binder. Zurzeit ist es nicht möglich, diese Inhalte einzusehen. Die Nationalbibliothek verweigert die Herausgabe der Dokumente, da ihr Zustand derartige Schäden aufweist, dass jeglicher Umgang mit ihnen ein Risiko bedeutet, sie vollends zu zerstören.

Der Archiv-Vorsitzende betont, dass die Absicht besteht, die gespeicherten Periodika im Archiv aufzubewahren, sodass der gesamte Bestand, die Originale und die Digitalkopien, unter einem Dach lagern. Von diesem anspruchsvollen Projekt werden nach seinem erfolgreichen Abschluss zunächst die DCB-Mitglieder profitieren können. Ferner werden, wie bereits erwähnt, Forscher, Schüler und Studenten davon Gebrauch machen können. Zusätzlich erwägt der Archiv-Ausschuss, ob das neue Digitalarchiv auch von außerhalb über Internet abgerufen werden könnte.

Das Projekt hat eine Genehmigung für Steuervergünstigungen vom Consejo Nacional de la Cultura y de las Artes erhalten. Spenden, um die Digitalisierung voranzutreiben, sind im Archiv selbstverständlich äußerst willkommen.

Der gesamte Umfang der bisherigen 79 Jahrgänge des Cóndors sind 4.780 Zeitungen mit insgesamt circa 70.000 Seiten.

 

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*