Der Eiserne Kanzler in Valparaíso

In Valparaíso ehrt man Otto von Bismarck zu dessen 200. Geburtstag am 1. April und betont die festen Bande zwischen Chile und Deutschland.

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Dr. Karlsruher mit einer Abordnung der Bomba Germania, der Zweiten Deutschen Feuerwehrkompanie Valparaísos

 

Von Thomas Magosch

Der Bürgermeister von Valparaíso kam zu spät. Das hätte dem Mann, zu dessen Gedenken man sich auf dem Cerro Carcel versammelt hatte, wohl überhaupt nicht gefallen. Steht doch der Name Bismarck als fleischgewordenes Sinnbild für Tugenden, die bis heute gerne als deutsche Tugenden verkauft werden. Und Pünktlichkeit gehört da ganz sicher dazu.
Die Plaza Bismarck bietet einen der schönsten Ausblicke auf die Bucht von Valparaíso, von oben läuft die Avenida Alemana vorbei, die wie eine Panoramastraße durch und über die Hügel der alten Hafenstadt führt. Die Cerros Alegre und Concepción sind nicht weit, wo sich viele deutsche Immigranten ansiedelten und auch die deutsche Schule lange ihren Hauptsitz hatte.
Auch der deutsche Honorarkonsul Dr. Jan Karlsruher, der neben dem Bürgermeister Jorge Castro zu der kleinen, feinen Gedenkveranstaltung geladen hatte, kennt den Platz bereits aus seiner Kindheit. Im Jahr 1986 weihte Karlsruhers Vater in seiner damaligen Funktion als Honorarkonsul die Gedenktafel ein, die den Platz noch heute ziert. Aber das sind nur Anekdoten am Rande.
Was verbindet jedoch Bismarck konkret mit Chile, außer die noch frische Erinnerung, die die ersten deutschen Einwanderer mitbrachten, um dem wichtigen Konstrukteur einer ersten deutschen Nation ein Denkmal zu setzen? Es existiert eine Notiz, in der sich der damalige Reichskanzler sehr positiv und bewundernd über Chile und dessen Vorgehen im Pazifischen Krieg äußerte. Eine chilenische Delegation hatte ihn über die Umstände des Krieges und das militärische Vorgehen der chilenischen Truppen informiert. Das erwähnen auch die Redner Castro und Karlsruher in Valparaíso. Zudem betonen sie die guten Beziehungen, die seit jeher zwischen deutschen Einwanderern und den Porteños herrschen. Ein wichtiger und begrüßenswerter Umstand, der sicher noch ausbaufähig ist. Mit Bismarck?
Sicher nicht. So wichtig Bismarck als historische Figur in der deutschen Geschichte ist – mit dem heutigen Deutschland hat er nicht mehr allzu viel zu tun. Der Bundespräsident übergibt ein Sonderpostwertzeichen im Deutschen Historischen Museum, und die Anzahl der Publikationen zum 200. Geburtstag sind mehr als überschaubar und widmen sich eher dem Privatleben oder rücken die Politik Bismarcks in einen gesamteuropäischen Kontext.
Ein berühmter Zeitgenosse, der Bismarck immer sehr bewunderte, schrieb über ihn:«Die Welt hat selten ein größeres Genie gesehen, selten einen mutigeren, charaktervolleren Mann und selten einen größeren Humoristen. Aber eines war ihm versagt geblieben: Edelmut; das Gegenteil davon, das zuletzt die hässliche Form kleinlichster Gehässigkeit annahm, zieht sich durch sein Leben.» Der Autor dieser Zeilen: Theodor Fontane.

«Jongleur» Bismarck als Modell?

«Ehrlicher Makler» oder «deutsche Dominanz». Wie handelt Deutschland als politisches und wirtschaftliches Schwergewicht in Europa? Taugen die Rezepte Bismarcks im Jubiläums-Jahr wirklich als Vorbild?

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Berlin (dpa) – Pünktlich zum Jubiläum hat der «eiserne Kanzler» wieder Hochkonjunktur. 1871 und 1990, Bismarcks Bündnissystem und Deutschlands heutige Stärke in Europa, Bismarcks Russland-Politik und der aktuelle Ukraine-Konflikt. Gibt es Parallelen zur Bismarck-Zeit, 200 Jahre nach seiner Geburt? Bismarck mit Pickelhaube, daneben Kanzlerin Merkel – mit diesem Titelbild erschien vor kurzem das «Handelsblatt» und schrieb dazu: «Die Balance der Macht – Der Westen vs. Russland: Was Angela Merkel vom Reichskanzler gelernt hat.» Bismarck, der die Interessen der Nachbarstaaten nie aus den Augen verloren habe, hätte gewusst, was in der Ukraine-Krise zu tun ist. «Die legitimen Sicherheitsinteressen Russlands standen für ihn außer Frage.» Deutschland als wirtschaftlich stärkste Macht in der Mitte Europas sucht seine Rolle, vor allem Merkels Pochen bei den Europartnern auf einen Sparkurs steht international massiv in der Kritik – und das im Jubiläumsjahr Otto von Bismarcks (1815-1898).

Kann die Erinnerung an Bismarck, seit 1862 preußischer Ministerpräsident, von 1871 bis 1890 Reichskanzler, heute helfen? «Das geeinte Deutschland ist 1990 wie schon 1871 einmal zur wirtschaftlichen und politischen Vormacht auf dem Kontinent geworden», sagt der Historiker Christoph Nonn von der Uni Stuttgart. «Beide Male hat seine politische Führung danach jede weitere Gebietserweiterung ausgeschlossen.» Nach 1871 wie nach 1990 seien wirtschaftlichen Verflechtungen teilweise zur Belastung für die politischen Bindungen geworden. «Unter Bismarck hat das Deutsche Reich eine nationalegoistische Wirtschaftspolitik im Interesse der deutschen Landwirtschaft getrieben. Heute betreibt die Bundesrepublik eine nationalegoistische Wirtschaftspolitik zur einseitigen Förderung der deutschen Industrieexporte.» Zwar dürften diese zugespitzten Vergleiche in der Historikerzunft nicht konsensfähig sein. Allerdings sieht auch der Historiker Hans-Christof Kraus «manche Parallele zu heute». Damals wie heute sei Deutschland die starke Macht in Europa. Das Interesse der Deutschen sollte darin bestehen, mäßigend und vermittelnd zu wirken, wie Bismarck als tat.

Nach der Reichseinigung von 1871, geschaffen mit «Eisen und Blut» in drei Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich, wollte Bismarck keine weitere Expansion Deutschlands – das «saturiert» sei. Mit dem Ziel eines Gleichgewichts der Kräfte folgte eine komplizierte Bündnispolitik, auch als «Schaukelpolitik» beschrieben. Dreikaiser-Bund, Zweibund, Dreibund, Rückversicherungsvertrag mit Russland: Generationen von Schülern kennen die Schaubilder aus den Geschichtsbüchern. Kaiser Wilhelm I. schwärmte: Bismarck sei der einzige Mann, der «mit fünf Kugeln jonglieren» könne, «von denen immer mindestens zwei in der Luft» seien. Bis heute bekannt ist der Fürst auch als «ehrlicher Makler», der 1878 als Vermittler auf dem Berliner Kongress einen neuen Krieg in Europa verhinderte. Zu Russland hatte er ein besonderes Verhältnis. Nicht nur, dass er einst preußischer Gesandter in Sankt Petersburg war. Er sprach russisch und las auch noch als Reichskanzler russische Zeitungen. Russland spielte in Bismarcks Bündnissystem eine Schlüsselrolle, denn der Kanzler wollte vor allem eines verhindern: dass sich Russland mit dem «Erbfeind» Frankreich verbünden und das Kaiserreich in die Zange nehmen könne. Daher respektierte Bismarck, trotz gelegentlicher massiver Konflikte, die Sicherheitsbedürfnisse und Interessen des Zarenreichs.

Auch in Deutschland gibt es heute viele Politiker, die sich trotz der Ukraine-Krise für ein engeres Verhältnis und mehr Verständnis für Russland einsetzen. Bismarcks Russland-Politik als Blaupause für heute? «Ich wäre da außerordentlich skeptisch», sagt der Historiker Heinrich August Winkler und warnt vor «deutsch-russischen Sonderbeziehungen». Vor allem in Polen und den baltischen Ländern käme dies überhaupt nicht gut an. Die geopolitischen Verhältnisse hätten sich seit dem 19. Jahrhundert derart grundlegend geändert, dass die Rezepte Bismarcks nicht mehr taugten, meint auch der Publizist Norbert F. Pötzl. Denn: Deutschland ist fest eingebunden in ein atlantisches Bündnissystem, aus Frankreich ist längst der wichtigste Partner Deutschlands geworden. Und dies seit einigen Jahren vor allem im Kampf für den Erhalt der Eurozone. Allerdings hat Paris selbst mit Wirtschafts- und Strukturproblemen zu kämpfen; und so wird über Deutschland als neue Hegemonialmacht in Europa diskutiert. Die Debatte setzte bereits nach der Wiedervereinigung von 1990 ein, mit Blick auf Ängste im Ausland vor dem wiedererstarkten Deutschland in der Mitte Europas. Und immer wieder fiel auch der Name Bismarcks. Deutschland sei dabei, seinen Platz in Europa und der Welt neu zu finden, sagt der Historiker Carsten Kretschmann von der Universität Stuttgart. «Das verändert auch unseren Blick auf Bismarck, es entkrampft ihn, befördert aber auch neue Gefahren: nämlich so zu tun, als könne Bismarcks Handeln, und hier in erster Linie die Außenpolitik, in irgendeiner Weise als Blaupause für die deutsche Diplomatie der Gegenwart dienen. Das ist ganz sicher nicht der Fall.»

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