Einig in der Uneinigkeit

Seit 23 Jahren leben die Deutschen wieder in einem Staat, zum siebten Mal haben sie einen gesamtdeutschen Bundestag gewähl. Das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse in Ost und West ist aber noch nicht erreicht. Trotz Lichtblicken bleibt der Osten der ärmere Landesteil.

Berlin (dpa) – Man könnte meinen, die «Ossis» haben es geschafft: Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck stehen zwei Bürger der ehemaligen DDR an der Spitze des deutschen Staates. Seit acht Jahren regiert die im nordöstlich von Berlin gelegenen Templin aufgewachsene Pfarrerstochter die Nation. Seit eineinhalb Jahren ist der frühere Pfarrer aus der Ostseestadt Rostock Staatsoberhaupt.

Das könnte 23 Jahre nach der Wiedervereinigung als Zeichen dafür stehen, dass der schwächere Osten Deutschlands zum Westen aufgeschlossen hat. Es täuscht aber darüber hinweg, dass es immer noch beträchtliche Unterschiede zwischen beiden Teilen des Landes gibt. Die östlichen Bundesländer hinken den westlichen trotz einigen Lichtblicken wirtschaftlich hinterher. Ostdeutsche verdienen insgesamt weniger als Westdeutsche und sind häufiger arbeitslos.

Auch politisch sind sie – trotz Merkel und Gauck – eher unterrepräsentiert: Mehrere Jahre war die Kanzlerin die einzige Ostdeutsche im christlich-liberalen Kabinett. Seit der Ablösung der Baden-Württembergerin Annette Schavan als Bildungsministerin durch die Sächsin Johanna Wanka Anfang des Jahres haben jetzt zwei von 16 Kabinettsmitgliedern eine DDR-Biografie. Der Anteil der Ostdeutschen an der Gesamtbevölkerung beträgt knapp ein Fünftel.

In ihrem Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit kommt die Regierung zu dem Schluss, dass das politische Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse in ganz Deutschland noch lange nicht erreicht sei. Das Bruttoinlandsprodukt in den fünf ostdeutschen Ländern lag zuletzt bei 71 Prozent des Westniveaus. Da die Wirtschaft im Westen seit 2010 stärker gewachsen ist als im Osten, wird das Gefälle wieder größer.

Im Kaufkraftvergleich liegen Brandenburg, Thüringen, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt laut Regierungsbericht weiter auf den letzten Plätzen der 16 Bundesländer. Allerdings ist der Abstand zwischen dem reichsten und dem ärmsten Westland – Bayern und Bremen – deutlich größer als beispielsweise der zwischen Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Und in einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zur Wirtschaftskraft, die sich auf eine breitere Zahl von Indikatoren stützt, rangieren die Ostländer Sachsen und Thüringen vor dem Westland Bremen.

Überhaupt gelte es zu differenzieren, betont der Bericht der Regierung. Die Ostländer bildeten keinen homogenen Raum, so wie auch die Westländer nicht. Das zeigt sich vor allem auf dem Arbeitsmarkt, wo einige dynamische Regionen im Osten deutlich besser dastehen als die Städte im Ruhrgebiet. So lag zwar die Arbeitslosenquote im Juli im Osten (9,9 Prozent) insgesamt höher als im Westen (6,0 Prozent). Doch sie war in Dresden niedriger als in Dortmund, in Erfurt geringer als in Essen und in Gotha nur halb so hoch wie in Gelsenkirchen.

Unterschiede zwischen Ost und West zeigen sich im Wahlverhalten. In Ostdeutschland ist die Partei Die Linke, die dort ihre Wurzeln in der DDR-Staatspartei SED hat, stark vertreten, im Westen dagegen weitgehend chancenlos. Studien haben außerdem ergeben, dass Ostdeutsche eine weniger feste Bindung an eine Partei haben als Westdeutsche.

Über die Mentalitätsunterschiede zwischen «Ossis» und «Wessis» ist seit dem Fall der Berliner Mauer viel geschrieben worden. Umfragen ergaben, dass das Verhältnis zueinander immer noch stark von Klischees geprägt ist. Meinungsforscher fanden heraus, dass viele Ostdeutsche ihre Landsleute im Westen für «überheblich» und sich selbst für «bescheiden» hielten, während die Westdeutschen die Ostdeutschen unter anderem als «ausländerfeindlich» einstuften.

Nach anderen Umfragen treiben «Ossis» weniger Sport als «Wessis». Nur jeder Vierte im Osten glaubt an Gott, im Westen tun dies rund zwei Drittel. Die Wiedervereinigung sieht die überwältigende Mehrheit in Ost und West positiv, nur wenige wollen die Mauer zurück. Einig in ihrer Uneinigkeit sind sich «Ossis» und «Wessis» in der Frage, wer von der Einheit am meisten profitiert habe: Für die «Wessis» waren es die «Ossis», für die «Ossis» die «Wessis».

Print Friendly

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*