Eine Schule auf dem Weg in die Moderne

Wie gelang der Deutschen Schule Osorno das Rekord-Jubiläum von 165 Jahren? Eine Antwort gibt auch die Geschichte. Alex Wendler, Geschichtslehrer und ehemaliger Schüler der DS Osorno, stellte bei seinen Recherchen fest, dass die deutschen Einwanderer in Osorno sich immer sehr für die deutsche Kultur und Sprache engagiert haben.

Als die ersten deutschen Einwanderer um 1851 nach Osorno kamen, war dies ein kleines Dorf von knapp 1.000 Einwohnern, hauptsächlich Chilenen. Bis zum Jahr 1852 stieg die Zahl der deutschen Einwohner auf rund 80 an. In diesem Ort gab es damals nur eine Schule und diese war katholisch und nur für Jungen gedacht. Es war den Deutschen aber ein großes Anliegen, dass sie ihre Sprache und Kultur weiter bewahren konnten. Daher wurden zunächst alle Kinder, ungefähr 20 Schüler, vom deutschen Lehrer Karl Herbeck privat unterrichtet.

Erste Schule für Jungen und Mädchen

Schließlich wollte aber die kleine deutsche Gemeinschaft eine Schule gründen, die vom chilenischen Staat anerkannt wurde. Offizielles Gründungsdatum ist der 22. Januar 1854. Das erste Schuljahr wurde mit einer Klasse von 20 bis 25 Schülern eröffnet. Alex Wendler erzählt, dass sich nun für den Lehrer Karl Herbeck dass Problem stellte, nur Jungen unterrichten zu dürfen. Wieder wurden Anträge gestellt und es gelang den Einwanderern, dass sie als eine der ersten Schulen des Landes gemischte Klassen unterrichten durfte. 1855 erkannte der chilenische Staat sie als Erziehungsanstalt an.

Unter der liberalen Regierung erhielten die Deutschen die Erlaubnis eine lutherische Kirche in Osorno zu gründen. Sie war im Jahr 1863 die erste Deutsch-Evangelische Gemeinde in Chile. Die Kirche wurde 1865 auf dem Grundstück der Schule gebaut und zwar direkt neben das Schulgebäude und den Pausenhof. Der Pfarrer der Deutsch-Lutherischen Kirche Franz Renz wurde auch erster Schulleiter. Als 1873 die zusammengeschlossenen Gemeinden Osorno und Puerto Montt getrennt wurden, konnte sich der Pfarrer ausschließlich der Gemeindearbeit und dem Unterricht der Schule in Osorno widmen.

Ein Glockenturm auf der Schule

Da das Schulhaus zu klein wurde für die wachsende Zahl der Schüler, wurde 1872 eine größere Schule errichtet. Alex Wendler fand heraus: Die lutherischen Kirchen durften keinen Glockenturm bauen. Da sich die Kirche direkt neben der Schule befand, wurde dieser einfach auf deren Dach errichtet. Zu dieser Zeit besuchten etwa 80 bis 100 Schüler die Schule.

Eine weitere Besonderheit stellte der Geschichtslehrer fest: Auch die 2. Feuerwehrkompanie Germania von Osorno baute ihr Gebäude auf dem Gelände der Schule und schließlich auch der Deutsche Verein. So kam es, dass die Mitglieder der Vorstände aller deutschen Institutionen fast immer die gleichen Personen waren.

Ein «innovatives Gebäude»

Im Jahre 1904 wurde die erste Turnhalle in Osorno für die Schule gebaut. Kurz vorher war der Sportverein gegründet worden. Nach 40 Jahren war das Schulgebäude um 1910 viel zu klein geworden. Es sollte ein neues gebaut werden. Doch ab 1914 kam der Erste Weltkrieg dazwischen. Die Deutsche Gemeinschaft schickte Nahrungsmittel, warme Kleidung und Geld mit dem Chilenischen Roten Kreuz nach Deutschland. 1916 fand extra eine Kirmes statt, um Geld zu sammeln. Interessant sei, so Alex Wendler: «Es gab sogar einen Dankesbrief mit Otto von Bismarcks Unterschrift für die geleistete Hilfe aus Osorno.»

Jedenfalls zögerte sich aus diesem Grund der Neubau hinaus, bis 1935 endlich der Unterricht in dem neuen Gebäude in der Straße Los Carrera starten konnte. Der Mercurio schrieb damals in einem Artikel, dass es sich um ein besonders innovatives Gebäude handle. 1941 wurde es durch die Aula Magna, eine Turnhalle und das Schwimmbad erweitert. Während in Deutschland Hitler an die Macht kam, bildete sich auch in Chile eine Gruppe von Nazis.

In dieser Zeit gab es zahlreiche Lehrer, die dem rechtsextremen Gedankengut nachhingen. Die Regierung wollte dieser Entwicklung entgegenwirken. Daher wurde bereits ab 1939 eine Entnazifizierung in Chile durchgeführt. Als Zeichen dafür, dass die Deutsche Schule Osorno nicht politisch war, wurde der Reichsadler durch die Kornblume ersetzt – eine Blume, die ein unpolitisches Deutschtum repräsentieren sollte. In diesen Jahren waren Deutsche Schulen in Brasilien und den USA wegen ihrer rechtsextremen Haltung geschlossen worden.

Stipendium und Kulturzentrum

Angesichts der Zerschlagung des deutschen Gemeinschaftsgeistes während des Kriegs setzten sich die Deutsche Botschaft und die Deutschen Schulen dafür ein, dieses Gemeinschaftsgefühl erneut zu stärken. Daher wurde zum Beispiel nach dem Krieg in eine neue Turnhalle und in deutsche Bücher und Filme investiert, um die deutsche Kultur und Sprache weiter zu pflegen.

Seit 1959 vergibt die DS Osorno ein Deutschland-Stipendium an erfolgreiche Schüler der Abschlussklassen. 1962 begann der Bau der Otto-Urban Hütte im Skigebiet Antillanca und 1963 wurde der Grundstein für ein modernes Internat auf dem Pilauco-Hügel gelegt. Seit 1978 trainieren die Schüler dort auf dem Sportplatz und 1982 wurde die neue Grundschule gebaut. 1992 zogen der Vorkindergarten und der Kindergarten in ein neues Gebäude nach Pilauco um.

In den 1970er Jahren wurde eine Kommission der deutschen Regierung eingesetzt, um zu prüfen, ob die Deutschen Schulen in Chile auch tatsächlich genügend Deutsch unterrichten. Daraufhin erhielten viele Einrichtungen weniger Unterstützung, während die DS Osorno sehr gut abschnitt.

Zum Jubiläum des 150-jährigen Bestehens erhielt die DSO 2004 eine Spende einer ehemaligen Schülerin, so dass das Kulturzentrum Sofía Hott errichtet werden konnte. Dieses stellt für sämtliche Einwohner von Osorno eine Bereicherung dar..

Weitere Quelle für diesen Text: Deutsch-Chilenische Institutionen im Blickfeld, Herausgeber: Deutsch-Chilenischer Bund, 1999

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