«Ein wenig Aufregung gehört dazu»

Vergangene Woche haben 42 Schüler der DS Santiago das Abitur bestanden. Burghard Ahnfeldt von der Hamburger Schulbehörde und Beauftragter der Kultusministerkonferenz nahm als Prüfungsleiter einen Teil der mündlichen Prüfungen ab. Wie man gute Noten bekommt und was das Abitur wert ist, verriet er in einem Gespräch mit Cóndor-Redaktionsleiter Arne Dettmann.

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Burghard Ahnfeldt (45) ist Beauftragter der Kultusministerkonferenz (KMK), einem Zusammenschluss der 16 Bundesländer, um bei den Themen Bildung und Kultur länderübergreifend zu kooperieren. Dies gilt auch für die 142 deutschen Auslandsschulen, an denen zum einen von der KMK das Deutsche Internationale Abitur (DIAP), zum anderen der Abschluss des Gastlandes (in Chile die PSU) vergeben werden. Die Abwicklung und Qualitätssicherung der DIAP übernimmt vier Jahre lang jeweils ein Bundesland für eine Weltregion. Für Chile, Argentinien und Uruguay ist derzeit die Schulbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg zuständig, an der Burghard Ahnfeldt als Leiter des Auslandsreferats arbeitet. Nach seinem anderthalbwöchigen Aufenthalt in Santiago de Chile reiste er nach Buenos Aires weiter, um dort an der Goethe-Schule bei den Abiturprüfungen dabei zu sein.

Cóndor: Herr Ahnfeldt, waren einige Schüler im Prüfungsstress?
Burghard Ahnfeldt: Natürlich merkt man die Aufregung bei den Schülern. Aber das ist ganz normal und sollte sogar ein wenig dazu gehören, denn schließlich haben sie sich lange auf den Abschluss vorbereitet.

Wie bewerten Sie als Prüfer?
Wir unterscheiden drei Anforderungsbereiche: Der Anforderungsbereich I umfasst die Wiedergabe von Sachverhalten aus einem begrenzten Gebiet und im gelernten Zusammenhang sowie die Verwendung gelernter und geübter Arbeitstechniken und Methoden. Der Anforderungsbereich II umfasst das selbstständige Bearbeiten, Ordnen und Erklären bekannter Sachverhalte sowie das angemessene Anwenden gelernter Inhalte und Methoden auf andere Sachverhalte. Der Anforderungsbereich III umfasst den reflexiven Umgang mit neuen Problemstellungen sowie das selbstständige Anwenden von Methoden mit dem Ziel, zu Begründungen, Deutungen, Wertungen und Beurteilungen zu gelangen.
Damit also eine mindestens gute Leistung in der Prüfung herauskommt, muss der Schüler auch in den Anforderungsbereichen zwei und drei punkten.

Gab es in diesem Jahr eine ganz besondere Leistung?
Ja, im 5. Prüfungsfach, welches in der Regel in einer sogenannten Präsentationsprüfung absolviert wird. Die Schülerinnen und Schülern haben hier die Möglichkeit, eine selbst gestellte und von der Prüfungskommission genehmigte Aufgabe zu präsentieren. Eine Schülerin der DS Santiago referierte nach wochenlanger Recherche und in ausgezeichneter Weise über die Rolle der DS Santiago in der NS-Zeit. Besonders beeindruckend daran war, dass zu dem Thema bisher keine umfangreiches kein Material existierte. Anders als beispielsweise bei der These, ob die Weimarer Republik ein Nährboden für die Entstehung des Nationalsozialismus war, konnte die Schülerin weder auf Bücher noch auf das Internet zurückgreifen, sondern musste eigenständig recherchieren und eine eigene wissenschaftliche Methode entwickeln. Für diese besondere Leistung erhielt sie 15 Punkte, sprich die beste Note.
Diese neue Art der Prüfung trägt dem Umstand Rechnung, dass neue Arbeitsformen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Sie fördern projektorientiertes Lernen, die fächerverbindende Vernetzung des Erlernten und die kommunikative Kompetenz in unterschiedlichen Lernsituationen.

Sind Abiturienten der DS Santiago besser als ihre Altersgenossen in Deutschland?
Der Notendurchschnitt liegt in diesem Jahr an der DS Santiago bei 2,3 und in Deutschland bundesweit bei 2,5. Auslandsschulen halten in der Regel den Bundesdurchschnitt oder überbieten ihn; 2014 lag er in der DSS bei 2,2. Das soweit zu den reinen Zahlen. Natürlich gibt es im jedem Jahrgang ein vielfältiges Spektrum an Leistungen. Viele der Schüler hier an der DS Santiago sind keine Muttersprachler in Deutsch, sondern wachsen interkulturell mit zwei bis drei Sprachen auf, weshalb es als exzellent zu bewerten ist, wenn sie auf Deutsch die Prüfungen ablegen. Das Niveau hier war toll! – Doch das können Sie auch von Schülern in Deutschland erleben, die einen Migrationshintergrund haben. Ich meine: Fachlich ist das Abitur hier an der DSS mit dem Abitur in Deutschland vergleichbar.

In Deutschland wird immer mal  wieder das Abitur als zu leicht kritisiert. Vor ein paar Jahrzehnten sei es viel schwieriger gewesen, die Hochschulreife zu erlangen. Heute also mehr Masse anstatt Klasse?
Das ist eine Behauptung, die man pauschal so nicht stehen lassen kann. Richtig ist, dass viele Bundesländer in der Vergangenheit Anstrengungen unternommen haben, um mehr Schüler zum Abitur zu bringen, weil Deutschland im internationalen Vergleich eine geringe Abitur-Quote aufweist. Es ist auch ein gewisser Erwartungsdruck von Seiten der Eltern vorhanden, weil der Abitur-Abschluss die meisten Perspektiven bietet. Das gilt besonders für Kinder aus nicht-akademischen Haushalten, Stichwort Chancengerechtigkeit.
Allerdings sollte das nicht heißen, dass möglichst alle Abiturienten notwendigerweise studieren. Die hohe Zahl an Studienabbrechern stimmt hier nachdenklich. Auch existieren viele Berufe, die das Abitur als Mindestvoraussetzung, aber keinen Universitätsabschluss verlangen. Daher bin ich der Meinung, dass der Wert des Abiturs davon abhängt, was jeder Einzelne persönlich und beruflich daraus macht. Und die Diskussion, dass früher immer alles besser war, die ist alt und gibt es auch in anderen Bereichen.

Hier an der DS Santiago wie auch in vielen Bundesländern wird das Abi nach 12 Schuljahren gemacht. Doch Niedersachsen kehrt wieder zurück zu den 13 Jahren, weil die Fülle des Lernstoffs die Schüler in kürzerer Zeit angeblich überlaste.
Ich bin davon überzeugt, dass Kinder und Jugendliche das leisten können und das Abitur in 12 Jahren schaffen. Auch die internationale Bildungsstudienbelegen dies. Man sollte nicht zu weich sein: Kinder brauchen nicht nur, sondern wollen auch Anforderungen, an denen sie wachsen können.
Herr Ahnfeldt, zum Schluss eine persönliche Note: Wie sind Sie zur Pädagogik gekommen und was gefällt Ihnen daran?
Ich komme gebürtig aus Schwerin, habe 1989 das Abitur gemacht und dann in Rostock Pädagogik mit den Fächern Mathematik und Physik studiert. Diese Kombination kam zustande, weil ich in Physik einen ausgezeichneten Lehrer hatte und weil Physik auch mit Philosophie zusammenhängt, was mir gefällt. In Hamburg habe ich dann als Lehrer und stellvertretender und kommissarischer Schulleiter gearbeitet, bevor ich in die Schulbehörde wechselte. Es ist spannend, junge Menschen bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit in den verschiedenen Phasen zu begleiten. Und wer mit jungen Menschen zu tun hat, ist immer am Puls der Zeit.

Herr Ahnfeldt, wir bedanken uns für das Gespräch.

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