«Ein Lernvorgang göttlicher Art»

Am 31. August lud der Deutsch-Chilenische Bund zu seinem diesjährigen Symposion ein, welches die Neurowissenschaften in Zusammenhang mit der Bildung zum Thema hatten. Das Treffen fand in der Aula Magna der Deutschen Klinik von Santiago statt. Insgesamt fünf Redner legten ihre Gesichtspunkte zu dem bedeutungsvollen Stoff dar.

Zunächst ergriff Dr. Bettina von Dessauer, Vorsitzende des DCBs und Kinderärztin, das Wort. Sie berichtete über die Symposien der vergangenen Jahre, in denen der DCB sich auf die Suche nach den Grundlagen einer vielsprachigen und multikulturellen Identität gemacht habe.

Die DCB-Präsidentin erklärte das Konzept «Kultur» als die Lebensform und Ausdrucksart eines bestimmten Kollektivs, die sie von anderen Gruppen unterscheide. Hierbei spiele das Zugehörigkeitsgefühl eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie plädierte für eine integrale Bildung, die «gleich zu Beginn» in Angriff genommen werden müsse. Als «Säulen» während der frühen Bildung führte sie unter anderem Ernährung, Schlaf und Ruhe und Freizeitgestaltung an. Die Lebensqualität sei zudem von Faktoren wie dem Zugang zu Bildung und Gesundheit, der politischen und religiösen Freiheit sowie der Gerechtigkeit beeinflusst. Erwünscht sei ein Bildungssystem, welches die Entwicklung der Persönlichkeit erlaube.

Dr. von Dessauer wies auf die Bildungsmodelle Finnlands, Schwedens, Dänemarks, Kanadas und Deutschlands hin, welche ab der Vorschule jedem Kind kostenfrei zur Verfügung stehen, die sich auf das Kind konzentrieren und periodischen Auswertungen ausgesetzt sind. «Warum nicht von ihnen lernen und eine Umstellung beschleunigen?», fragte sie.

Ferner kam sie auf «Werkzeuge» zu sprechen, die die sensorineurale sowie neurolinguistische Entwicklung fördern, wie Zuneigung, Gespräche, Fantasiestimulation, Spiele, Musik, Kunst und Lektüre. Ebenso riet sie, möglichst während der ersten zwei Lebensjahre die Kinder von der Elektronik fernzuhalten.

«Die Gesellschaft kann keine bessere Investition bieten als die frühzeitige Bildung ihrer Mitglieder», folgerte sie, weshalb «die Lehrer eine befähigte Elite darstellen müssen».

Anschließend ergriff Dr. Carlos Osorio das Wort, der über Methodikinnovationen im Bildungsbereich, «eine nötige Änderung», referierte.

Der Neurosoziologe Dr. Héctor Galleguillos hielt einen Vortrag über «Die Grundlage der neuen Bildungsauffassung: Das Gehirn als Zentrum der Aufmerksamkeit». Er stellte eine Beziehung her zwischen Gehirn und Bildung und referierte über zwölf Prinzipien, in denen eine Vereinbarkeit des Gehirns mit dem Lernvorgang hergestellt werden kann.

Prinzip Nummer eins lautet etwa, «jeder Lernvorgang ist physiologisch», Prinzip Nummer zwei, «das Gehirn ist sozial», das heißt, der Lernvorgang wird von der Art der gesellschaftlichen Beziehungen beeinflusst. Galleguillos näherte sich dem Gehirn aus der Perspektive der Soziologie: «Das Gehirn erschaffte den Menschen, der Mensch erschaffte die Kultur, aber die Kultur gestaltet das Gehirn.»

Dr. Ricardo Puebla, Professor der Universidad de Chile, hielt einen Vortrag über «die Ausbildung von Jugendlichen und die Sorgsamkeit um sie – eine Herausforderung für die Gesellschaft». Das Verhalten von Jugendlichen lässt sich vom Standpunkt der Erwachsenenlogik schwer erklären. Dr. Puebla untersuchte bestimmte physiologische Vorgänge des Gehirns, die in dieser Altersstufe typisch sind, um dieser Problematik näher zu kommen.

Er unterstrich die Wichtigkeit dieses Forschungsgebiets mit dem Hinweis, dass eine der kennzeichnenden Ursachen, dass Auszubildende ihr Studium aufgeben beziehungsweise Kurse wiederholen müssen, ihre schlechte Vorbereitung sei. «Außerdem haben sie sich an das Auswendiglernen gewöhnt und haben nicht ihre Fähigkeiten, kritisch zu denken, zu analysieren oder eine Auslese von grundlegenden Gedanken zu treffen entwickelt». Mehr als 50 Prozent der chilenischen Hochschulabsolventen beenden nicht ihre Lehrgänge. Der Forscher unterstrich, dass die Neurowissenschaften erwiesen haben, dass im Jugendlichenalter Fähigkeiten wie Organisation, Planung oder Zielsetzung erlernt werden können.

Dr. Puebla folgerte, dass Jugendliche eine Verhaltensentwicklung vorweisen, die eng mit der sozialen Abhängigkeit verbunden ist. Bestimmte Umweltfaktoren pflegen für die Handhabung ihres Verhaltens wichtig zu sein.

Der letzte Beitrag kam von dem Psychiater Dr. Otto Dörr. Er nahm sich des Begriffs «Bildung» als umfassendes Konzept an. Beginnend mit dem Begriff der «Paideia», dem altgriechischen Erziehungsideal, das vor allem die musische, gymnastische und politische Bildung umfasste, untersuchte Dörr die Errungenschaften der verschiedensten Zeitalter auf diesem Gebiet und die Beiträge, die herausragende Persönlichkeiten im Laufe der Geschichte zu diesem Gegenstand geleistet haben.

Eine wichtige Rolle spielte in Griechenland zum Beispiel die Redegabe, da «die Beherrschung des Wortes die Hoheit des Geistes bedeutete». Ebenso wurde der Musik eine einzigartige Relevanz beigemessen, da «Rhythmus und Harmonie am tiefsten in die Seele dringen, sie sich mit größtmöglicher Kraft zu eigen machen, und ihr eine edle Haltung mitteilen und einflößen».

Im Hochmittelalter nahm der Universitätsgedanke Form an und mit ihm der Begriff Bildung. Die folgende Entwicklung erreichte mit Wilhelm von Humboldt im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt, was zur Schöpfung der «neuen deutschen Universität» führte.

Dörr wies darauf hin, dass der Bildungsgedanke zum ersten Mal mit Eckhart von Hochheim (1260-1328) erscheint. Dieser Meister betrachtete sie als einen Lernvorgang göttlicher Art.

Abschließend gab Dr. Dörr seiner Meinung Ausdruck, dass «in der postmodernen Gesellschaft die Belehrung zum Nachteil der Ausbildung bevorzugt wird». Es werden ungenügend Kenntnisse übermittelt, aber es wird nicht danach getrachtet, das Kind und später den Jugendlichen im Sinne der Bildung heranreifen zu lassen.

 

Von Walter Krumbach

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