Ein Flugpionier aus Mecklenburg

Im Februar vor 85 Jahren konnte man im «Rostocker Anzeiger», der damals auflagenstärksten Zeitung Mecklenburgs, die folgende Schlagzeile lesen: «Gunther Plüschow, der Flieger von Tsingtau, im Feuerland abgestürzt und getötet.»

Gunther Plüschow (auf dem Schwimmer), Josef (Seppl) Schmitt, oben im Flugzeug mit Kanister Ernst Dreblow, ganz rechts Paul Christiansen. ach so, das "Flugzeugfoto" in der vorherigen Mailwurde im Dezember 1928 im Hafen von Punta Arenas aufgenommen
Gunther Plüschow (auf dem Schwimmer), Josef (Seppl) Schmitt, oben im Flugzeug mit Kanister Ernst Dreblow, ganz rechts Paul Christiansen. Die Aufnahme entstand im Dezember 1928 im Hafen von Punta Arenas.

Von Gerhard H. Ehlers
(Gerhard H. Ehlers, Jahrgang 1954, ist in Rostock geboren und hat an der Universität Rostock Seeverkehrswirtschaft studiert. Er schreibt zurzeit eine Biografie über den mecklenburgischen Flugpionier.)

Von Buenos Aires war die traurige Nachricht nach Rostock gelangt, und alle Leser waren tief betroffen, denn Gunther Plüschow war seinerzeit einer der bekanntesten Deutschen und schon zu Lebzeiten eine Legende.
Sein Ausbruch aus der belagerten Festung Tsingtau (China) im November 1914 und die anschließende Flucht um die ganze Welt machte ihn weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus bekannt. Von seinem 1916 veröffentlichten Buch über dieses Abenteuer wurden in nur wenigen Jahren über 500.000 Exemplare verkauft.
Heute ist der Mecklenburger Gunther Plüschow fast vergessen. Wir möchten anlässlich seines 130. Geburtstages an diese interessante Persönlichkeit erinnern.
Gunther Plüschow wurde am 8. Februar 1886 in München geboren, sein Vater absolvierte in Bayern einige Jahre seiner Militärzeit. Anschließend zog die Familie nach Rom. Ab 1895 wohnten die Plüschows in Schwerin. Der Vater übernahm eine Stelle als Konservator im dortigen Museum.
Inmitten dieser weiten und flachen Landschaft erlebte der kleine Gunther unbeschwerte Jahre. Er lernte Reiten und Segeln und lauschte gespannt den Erzählungen eines pensionierten Kapitäns, einem Freund der Familie. Diese Geschichten weckten seine Sehnsucht nach fernen Ländern und Abenteuern.
Nach dem Abschluss an der Kadettenanstalt begann er eine Offiziersausbildung, anschließend eine Ausbildung zum Flugzeugführer. Sein erstes Kommando führt ihn nach Tsingtau in der deutschen Handelskolonie Kiautschou (China). Als japanische Truppen die Festung zu Beginn des Ersten Weltkrieges belagern, gelingt ihm im November 1914 mit seinem Flugzeug der Aufsehen erregende Ausbruch aus der Stadt.
Nach neunmonatiger Flucht durch China, die USA und England trifft er im Juli 1915 in Deutschland ein. Ein Jahr später erschien sein erstes Buch «Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau», welches bis heute eine Auflage von über 750.000 Exemplaren erreicht und in viele Sprachen übersetzt wurde.
Bis 1918 ist Plüschow Kommandant auf verschiedenen Seestationen der Kaiserlichen Marine. Die Biographie der Nachkriegsjahre liest sich wie die eines Helden aus einem Roman von Erich Maria Remarque: Reporter, Kinoansager, Depeschen- und Zeitungsflieger, Autoverkäufer, Motorrad-Weltrekordfahrer und Handlungsreisender in Sachen Stahl.
Im November 1927 ist es dann soweit, die zurückliegenden Mühen und Rückschläge sind vergessen, Förderer wurden gefunden und Spenden entgegengenommen: Ein zum Forschungsschiff modifizierter Fischkutter und ein stoffbespannter Doppeldecker sind bereit für das bisher größte Abenteuer des Kapitäns Plüschow, einer Reise an das Ende der Welt. Und der Name seines Schiffes ist zugleich das Ziel: Feuerland. Das Flugzeug vom Typ HD 24W wird in den Heinkel-Werken in Warnemünde gebaut.
Plüschow trifft mit Schiff und Besatzung im Oktober 1928 im chilenischen Punta Arenas an der Magellanstraße ein. Dabei sind Paul Christiansen aus Büsum als Steuermann und Josef (Seppl) Schmitt als Maschinist und Bootsmann.
Wenige Wochen nach der Ankunft bauen Plüschow und sein Bordmechaniker Ernst Dreblow den bis dahin in Kisten verpackten Heinkel-Doppeldecker zusammen.

Gunther Plüschow und Ernst Dreblow; Fotoaufnahme 1928/1929
Gunther Plüschow und Ernst Dreblow; Fotoaufnahme 1928/1929

In den folgenden Monaten überflogen der Pilot Plüschow und Dreblow als Erste die Darwin-Kordilleren auf der großen Feuerlandinsel, das Kap Hoorn und die Torres del Paine in Patagonien. Sie bringen von ihren Flügen oft unter Lebensgefahr zum ersten Mal Fotos und Filmmaterial von diesen bis dahin unerforschten Gegenden Südamerikas mit.
Nach seiner Rückkehr aus dem tiefsten Süden dieser Erde im Jahr 1929 veröffentlicht der nun in Berlin wohnende Plüschow ein weiteres Buch: «Silberkondor über Feuerland». Der gleichnamige Film wird ein großer Erfolg. Das Publikum ist begeistert von den beeindruckenden Landschaften und den noch nie zuvor gesehenen Luftaufnahmen der vereisten Gipfel Feuerlands. Seine zahlreichen Zeitungsartikel, die er auch den Mecklenburgischen Monatsheften veröffentlicht, prägen das Bild einer ganzen Generation vom Ende der Welt.
Im Spätsommer 1930 brechen der Feuerlandflieger und sein Bordingenieur Dreblow erneut in Richtung Südamerika auf. Mittlerweile hat Plüschow einen ernst zu nehmenden Konkurrenten für seine Pläne am Ende der Welt, den Direktor der französischen Fluggesellschaft Aeropostale mit Sitz in Buenos Aires: Antoine de Saint Exupery. Im Wettlauf um die Einrichtung von Fluglinien und Flugplätzen im Süden Chiles und Argentiniens will Plüschow der Erste sein.
Er will noch einmal über die Andenkordilleren fliegen, um letzte weiße Flecken von der Landkarte zu tilgen und Filmaufnahmen von dem Gletscher Perito Moreno drehen.
Es wird Plüschows und Dreblows letzte große Flugexpedition. Am 28. Januar 1931 stürzt der «Silberkondor» aufgrund eines technischen Defektes unweit des besagten Gletschers ab. Unter großer Anteilnahme der Medien und der Bevölkerung werden Plüschow und Dreblow in Berlin beigesetzt.
Obwohl er in der ganzen Welt zu Hause, war Mecklenburg Plüschows Heimat. Der erste Satz in seinem Bestseller «Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau» lautet: «Es war im August des Jahres 1913, als ich in meiner Heimatstadt Schwerin anlangte.» Und seinem Schweriner Schulfreund, dem Lyriker Hans Frentz schreibt er im Sommer 1929 in das Gästebuch: «Wie schön ist es doch in der Wiesenhütte am Schweriner See. Um so liebe Freunde zu treffen, lohnt es sich schon, aus dem Feuerland zu kommen.»

 

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