Die Dezentralisierung des Landes eilt

«Chile ist das längste und schmalste Land der Welt und gleichzeitig das zentralisierteste. 42 Prozent seiner Einwohner leben in Santiago». Mit dieser lapidaren Feststellung begann Hans Eben, Präsident des Capítulo Metropolitano CONAREDE, seinen Vortrag über die Dezentralisierung Chiles.

Heinrich von Baer und Hans Eben: Netzwerke aufbauen, wie in der Natur

Für Montag, den 19. August, hatte der Club Manquehue Eben und seinen langjährigen Mitstreiter, den Akademiker und ehemaligen Rektor der Universidad de la Frontera, Heinrich von Baer, eingeladen, um dieses brisante Thema im großen Veranstaltungssaal öffentlich darzulegen.

Eben stellte zunächst eine Diagnose auf. Chile werde sich nicht in ein entwickeltes Land verwandeln können, solange der Zentralismus beibehalten würde. Als Gegenbeispiel führte er den deutschen Fall an: «In Berlin leben vier Prozent der Bevölkerung, und Deutschland ist ein Vorbild in Sachen Entwicklung». Er regte an, gewisse Berufsstände wie Ärzte und Lehrer aus der Hauptstadt mittels Steuerbegünstigungen zu veranlassen, in die Regionen zu gehen. Nicht weniger als vier Millionen Personen müssten die Región Metropolitana verlassen, um eine Wirkung zu erzielen.

Er analysierte ungeschminkt die schweren Belastungen, denen Einwohner einer Großstadt ausgesetzt sind und stellte fast, dass «die Enttäuschung (frustración) die wichtigste Krankheit des 21. Jahrhunderts ist». Um ihr entgegenzuwirken, müsse auf den Gebieten der Ernährung, des Transports und der Bildung Grundlegendes unternommen werden.

Nach dieser ernüchternden Diagnose ergriff Heinrich von Baer das Wort, um einleitend festzustellen, dass «nicht die Dezentralisierung das Ziel ist, sondern die Entwicklung mit Gleichheit der Chancen». Dazu müssten mittelfristig Grundlagen und Vorschläge angewandt werden, sowie kurzfristig während der kommenden Regierungsperiode (2014-2018) ein wirksames Programm in Kraft treten, welches sowohl eine Dezentralisierung als auch eine territoriale Entwicklung zum Inhalt hätte. Es sei zum Beispiel notwendig, Demonstrationen, wie sie in den letzten Jahren in Magallanes, Aisén, Freirina und Tocopilla stattfanden, zuvorzukommen.

Von Baer sprach sich unmissverständlich für Netzwerke aus. Er wies auf die Ordnung in der Natur hin, «welche effizient und dynamisch ist und sich in Netzwerken verbindet», und zudem ein beachtenswertes Reaktionsvermögen besitzt. Er plädierte für eine staatliche Politik, «für ein Land, in dem alle Einwohner eine gute Lebensqualität haben und in dem verschiedene politische und territoriale Entwicklungsprojekte interagieren». Dazu müssten die lokalen und regionalen Machtinstanzen von den Bürgern gewählt werden.

Es entstünde ein neues Verhältnis zwischen dem Staat und den Gebieten: die öffentliche Ordnung müsste territoriumsmäßig differenziert aufgebaut werden. So wären die regionalen Fähigkeiten gestärkt. Ziel sei, ein Staatsmodell  durchzusetzen, das weder zentralisiert noch ein Bund sei, sondern regional, dezentralisiert und entwickelt arbeite. Dies beinhalte eine Umverteilung der  Verantwortungen.

Heinrich von Baer schloss sein Referat mit dem Hinweis, dass 82 Prozent der Bevölkerung sich für die direkte Wahl der Intendenten (Verwaltungsleiter) ausgesprochen habe. Er lud alle dazu ein, gemeinsam die Herausforderung anzunehmen, ein dezentralisiert entwickeltes Chile aufzubauen: «Je mehr Region dabei ist, desto besser für das Land».

 

Von Walter Krumbach

 

 

Texto foto: Heinrich von Baer und Hans Eben: Netzwerke aufbauen, wie in der Natur

 

Foto: Walter Krumbach

 

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