«Deutschland war das ideale Vorbild»

Der deutsche Einfluss im chilenischen Bildungssystem und in den Wissenschaften war das Thema eines Vortrags von Professor Dr. Carlos Sanhueza am Montag vergangener Woche im DCB. Der Cóndor führte mit dem Experten ein Interview.

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Cóndor: Herr Professor Dr. Sanhueza, die Deutschen hatten Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts einen maßgeblichen Einfluss im chilenischen Bildungswesen und den Wissenschaften. Was war damals los?

Prof. Dr. Carlos Sanhueza: Zum Ende des 19. Jahrhunderts zeigte die intellektuelle Elite Chiles ein besonderes Interesse an Deutschland. Das lag nicht nur an der Reichsgründung 1870/1871 mit dem damit verbundenen militärischen Erfolg. Auch in den Wissenschaften, der Bildung sowie der Wirtschaft hatte das Deutsche Reich Beachtliches vorzuweisen. Es war zudem innerhalb Europas der wichtigste Handelspartner für Chile.

Nach dem Salpeterkrieg 1879 bis 1884 suchte Chile nach einem neuen Entwicklungsmodell. Zwar waren bis dato der französische Einfluss vorherrschend, doch nach und nach gewannen deutsche Ingenieure und Wissenschaftler an Bedeutung. So wurden zum Beispiel der preußische General Emil Körner und seine Gründung der Escuela Militar maßgelblich für die Reform des chilenischen Heerwesens.

In dieser Zeit sandte die Regierung unter Präsident Domingo Santa María 1883 drei Lehrer nach Deutschland, bestehend aus Valentín Letelier, Claudio Matte und José Abelardo Ñúñez. Es ging darum zu erkunden, wie Lehrer in Deutschland ausgebildet werden. Diese Analyse mündete letztendlich in der Gründung des Pädagogischen Instituts 1889 in Santiago nach preußischem Vorbild.

Dieses schien geradezu ideal für Chile zu sein, basierte es doch auf einem rationalen Naturverständnis. Wissenschaft und Forschung standen im Mittelpunkt und drängten daher den Einfluss der katholischen Kirche zurück. Wir sprechen hier von einer Säkularisierung im Bildungsbereich. Nun wurden Spezialisten aus Deutschland für die verschiedenen Fachrichtungen wie Chemie, Physik und Ingenieurwesen geholt und angestellt. In Anlehnung an die Psychologie hatte bei der Wissensvermittlung der Student und nicht der Lehrer die Hauptrolle inne. Der Lernprozess sollte über eigene Erfahrungen ablaufen, sprich im Labor und bei Exkursionen. Das Ganze war für Chile einmalig und neu.

 

Nicht alle waren mit diesen Innovationen zufrieden. Sie sprechen vom «embrujamiento alemán», der «deutschen Verhexung».

Angesichts der deutschen Präsenz kam Kritik auf. Der Diplomat und Schriftsteller Eduardo de La Barra sah in den Deutschen eine Art Bedrohung, einen Einfluss, den man einzudämmen habe, ähnlich wie der Rhein einmal die Grenze zwischen Römern und den Barbaren bildete. Der von den Deutschen geforderte Laizismus, die strikte Trennung von Staat und Kirche, wurde in diesem Sinne nur als Mittel zum Zweck gesehen, um chilenische Kultur, Tradition, Sprache und Geschichte zu unterwandern. Man muss sich nur vergegenwärtigen, dass der deutsche Linguist Rodolfo Lenz der araukanischen Sprachen auf das gesprochene Spanisch in Chile untersuchte und dann sagte: „Euer Ursprung ist das Mapudungun.“ – Das wollten viele Chilenen damals nicht gerne hören.

 

Und dennoch hat Chile den Deutschen viel zu verdanken. Ihr neues Buch handelt von Hans Steffen und der chilenisch-argentinischen Grenzziehung.

Richtig, der Geograph Hans Steffen trug als technischer Berater der chilenischen Regierung mit seinen Studien in Südchile und der Bestimmung der kontinentalen Wasserscheide in Patagonien im Wesentlichen zur friedlichen Festlegung des Grenzverlaufes bei. Mein Buch beschäftigt sich mit Hans Steffen und dessen wissenschaftliches Vorgehen in den Jahren 1889 bis 1913.

 

Herr Sanhueza, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Arne Dettmann.

 

Carlos Sanhueza studierte Geschichte und Geographie an der Universität von Tarapacá und machte anschließend seinen Magister in Geschichte an der Universität von Santiago. Im Jahr 2003 promovierte er über ein DAAD-Stipendium an der Universität Hamburg im Fach Neuere Geschichte. Seit 2013 ist er an der Fakultät für Geschichte an der Universidad de Chile tätig.

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