Deutscher Botschafter Rolf Schulze: «Außenwirtschaftsförderung ist Chefsache»

4181_p16_1

Seit mehr als sechs Monaten ist Rolf Schulze neuer deutscher Botschafter in Chile. Der Cóndor sprach mit ihm über bilaterale Beziehungen, die deutsch-chilenische Gemeinschaft und seine persönlichen Erfahrungen.

Von Arne Dettmann

Wer einen Blick in den Lebenslauf von Rolf Schulze wirft, der wird sich zunächst einmal wundern. Der 62-Jährige war zuvor jeweils vier Jahre lang Botschafter in Bangkok und Hanoi. Von 2003 bis 2007 leitete er das Referat Südkaukasus und Zentralasien in der politischen Abteilung beim Auswärtigen Amt in Berlin, davor wiederum führte er die politische Abteilung in der Botschaft Peking. Und auch vier Jahre Tokyo sind als Station seiner diplomatischen Laufbahn vermerkt. Eine Karriere mit «starker Asienprägung», wie er selbst zugibt. Wieso also jetzt Chile?

«Die Entscheidung war kein Würfelspiel, meine Frau und ich haben uns das Land ganz bewusst ausgesucht und ich mich schließlich gezielt auf diesen Posten beworben.» Zwar könne er sich dank eines Japanologie-Studiums in Freiburg und Cambridge gut in dieser Sprache verständigen, doch insgesamt seien der Kommunikation in den verschiedenen Ländern Asiens mit ihren eigenen Sprachen doch Grenzen gesetzt gewesen. Das ist nun anders.

«Wir verstehen Radio und Zeitung und können uns gut auf Spanisch mit den Menschen unterhalten. Land und Leute sind offen und hilfsbereit, insbesondere die deutschstämmigen Landsleute haben uns herzlich empfangen. Wir haben uns gut eingelebt.»

Überhaupt sei Chile für Deutschland ein ganz besonderes Partnerland sui generis. Aufgrund der starken deutschen Einwanderung seit Mitte des 19. Jahrhunderts würden die beiden Staaten eine enge, herzliche Beziehung miteinander pflegen.

Der Botschafter führt die 27 Deutschen Schulen an, die sich von Arica bis Punta Arenas über das Land verteilen und die die Bundesregierung mit Mittelzuweisungen und Lehrkräften unterstützt. Dazu komme das Lehrerbildungsinstitut (LBI), das nun mit der Universität Talca bei der Lehrerausbildung kooperiere und die Schulen mit Deutschlehrern versorge.

Umgekehrt nehme das Interesse Chiles an der deutschen dualen Berufsausbildung weiter zu. «Wir brauchen dabei das Rad nicht neu zu erfinden», erklärt der Botschafter und verweist auf das kaufmännische Berufsbildungszentrum Insalco und die Camchal. Für dieses Jahr soll ein neues Rahmenpapier zur bilateralen Zusammenarbeit bei der Berufsausbildung erstellt werden. Im Fokus stehen Zielsetzung, Interessen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit der chilenischen Seite. Auf den Gebieten Kultur und Bildung würden zudem das Goethe-Institut und der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD) sehr gute Arbeit leisten.

Enge Verflechtungen weisen zudem die Volkswirtschaften miteinander auf. Deutschland sei für Chile mit einem Volumen von nahezu vier Milliarden Euro jährlich der größte Handelspartner innerhalb de Europäischen Union. Die Deutsch-Chilenische Industrie- und Handelskammer (Camchal) stelle mit 600 Mitgliedern die größte bilaterale Einrichtung dieser Art dar – noch vor Spanien und den USA.

«Ich begreife mich als erster Handelsvertreter Deutschlands. Zu meiner Aufgabenstellung als Botschafter gehört, deutschen Firmen unter die Arme zu greifen und den Dialog zwischen den beiden Ländern zu fördern», betont Rolf Schulze. «Außenwirtschaftsförderung ist Chefsache.»

Bei den Themen Wissenschaft, Forschung und Technik würden die GIZ und das Fraunhofer Institut bereits hervorragende Arbeit hier in Chile leisten. Zudem sei das Transformationsland prädestiniert für erneuerbare Energien, ein Bereich, in dem Deutschland viel Know-how und Lösungen zu bieten habe. Rolf Schulze: «Sie sehen, wir haben hier tolle Voraussetzungen, um aus dem Vollen zu schöpfen.»

Und so zieht er zum ersten halben Jahr seiner Tätigkeit eine positive Bilanz. «Es waren großartige Erfahrungen. Bei meinen Reisen lege ich nicht nur Wert darauf, die Deutschen Schulen zu besuchen. Auch auf der Tagung des Deutsch-Chilenischen Bundes (DCB) im vergangenen Jahr in Villarrica bin ich sehr gerne dabei gewesen.» Nun habe er vor Kurzem auch das Museum zur deutschen Einwanderung in Nueva Braunau besichtigt, «ein großartiges Stück gemeinsamer Geschichte», wie er unterstreicht.

«Ich möchte für die deutschen Landsleute und die Chilenen  ein Botschafter zum Anfassen sein: mit meinem Team stehe ich für Fragen und Belange zur Verfügung.» Laut Botschaftsangaben leben in Chile schätzungsweise 60.000 bis 70.000 Bürger mit einem deutschen Pass, viele von ihnen Doppelstaater. «Sie alle haben Anspruch auf unseren Service. Ich möchte aber auch um ein wenig Verständnis dafür werben, dass das Konsulat mit seinem  großen Arbeitsvolumen auch auf die Hilfe der Antragssteller angewiesen ist.»

In Santiago habe er sofort die Einladung des Clubs Manquehue angenommen, als dieser sein neues Sportzentrum feierlich einweihte. «Diese Anlage ist wirklich vom Feinsten, und die Mitglieder des Clubs – zu denen ich nun auch zähle – erwarteten völlig zu Recht, dass ein deutscher Botschafter an dieser Einweihung teilnimmt.» Damit nicht genug: Dem Botschafter hat der Club so gut gefallen, dass in diesem Jahr die Feierlichkeiten zum 3. Oktober dort stattfinden sollen. Unterstützung von deutsch-chilenischen Unternehmern habe er bereits zugesagt bekommen. Rolf Schulze: «Wenn das gut läuft, dann feiern wir dort immer den Tag der deutschen Einheit.»

Überhaupt stünden in diesem Jahr große Jubiläen an: Die Camchal begehe ihr 100-jähriges Bestehen, die Deutsche Schule Santiago feiere 125 Jahre. Der Präsident der Europäischen Südsternwarte (Eso), die ihren Sitz bei München hat und bei der Deutschland mit 22 Prozent größter Beitragszahler ist, sei ebenso wie der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft nach Chile gekommen, der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages sowie weitere Parlamentsdelegationen haben politische Gespräche in Santiago geführt, für Juli werde sogar ein Besuch auf allerhöchster politischer Ebene erwartet.

Dass Besuche im Ausland den Horizont erweitern, ist eine Erfahrung, die Rolf Schulze schon als junger Mensch machte und seinen Berufswunsch prägte. Bei einem Studienaufenthalt in England hatte er sein Schlüsselerlebnis: «Ich wurde nach dem Holocaust gefragt und nach der deutschen Geschichte. Und wenn man dann sein eigenes Land erklären muss, sieht man seine Heimat auf einmal von außen mit anderen Augen.»

Rolf Schulze wurde 1953 in Karlsruhe geboren, machte dort 1972 Abitur am humanistischen Bismarck-Gymnasium und studierte anschließend klassische Philologie und Sprachwissenschaften in Paris an der Sorbonne Nouvelle, an den Universitäten von Trier und Freiburg sowie in Cambridge am Downing College.

Es war an einem heißen Julitag im Jahr 1979, erinnert er sich, in dem Jahr, in dem er sein Universitätsexamen ablegte, als er eine Stellenausschreibung des Auswärtigen Amts sah, das Nachwuchsdiplomaten suchte. «Und ich dachte: Das probiere ich mal.» Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut habe.

Chile sei ein Land voller Sinneseindrücke, angefangen von farbenfroher Blütenpracht im Sommer bis hin zu üppigen Obst- und Gemüseständen in denSupermärkten oder den Ferias. «Ich bin zudem ein großer Fan der chilenischen Carménère-Weine.»

Mit dem Klima komme er sehr gut zurecht, es herrsche keine drückende Luftfeuchtigkeit wie in Südostasien. «Allerdings fühlte sich Bangkok nicht so weit entfernt von Deutschland an wie Santiago», meint der Botschafter, dessen drei Kinder in Berlin arbeiten und studieren. «Chile liegt nicht mal eben um den Häuserblock herum. Eine Reise nimmt einen ganzen Tag in Anspruch.»

Doch vor kurzer Zeit kam die zweite Tochter mit ihrem Freund zu Besuch. Die  Familie unternahm eine einwöchige Reise in die Atacama-Wüste und ist bis auf 5.700 Meter Höhe in die Berge gefahren. Er wurde hierbei von dem deutschen Wissenschaftler Dr. Klein begleitet, der ihm das APEX-Observatorium und das gesamte Weltall erläuterte.

Trotz der Distanz bleibt Rolf Schulze auch seiner badischen Heimat verbunden. Er verpasst kein Fußballspiel seines Karlsruher FC, das immer samstags im Radio übertragen wird. In dem deutschen Honorarkonsul in Valparaíso, Dr. Jan Karlsruher, hat er hierbei einen Sinnesverwandten getroffen. Um sich trotz der vielen Arbeit fit zu halten, versucht der Botschafter hin und wieder eine Runde Golf im Sport Frances zu spielen, wo er mit vielen deutschen Landsleuten wie dem Geschäftsmann Roberto Pualuan zusammentrifft.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*