Deutsche Pioniere im chilenischen Urwald

Vor 80 Jahren gründeten ein paar Deutsche in der menschenleeren Fjordlandschaft Südchiles die Siedlung Puyuhuapi. Eine der Nachfahren ist Luisa Ludwig, die nun ein Buch über ihr Dorf in Westpatagonien herausgebracht hat. Kampf gegen die Naturgewalten, aber auch unbändiger Pioniergeist prägten den Beginn der kleinen Kolonie.

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Beim Curanto, einer Spezialität von der Insel Chiloé, treffen sich die deutschen und chilenischen Nachbarn von Puyuhuapi zum Muschelessen.

Von Arne Dettmann

Am Anfang war der Regen. Die ersten Seiten von «Puyuhuapi war Waldhagen» werden von den Tagebuchaufzeichnungen des großen Patagonienforschers August Grosse eingeleitet, nach dessen Name zahlreiche Straßen, Brücken und sogar ein Hafen in der südlichen Aysén-Region benannt worden sind. Der Abenteurer lebte bereits seit den 1920er-Jahren in Chile und hatte im Oktober 1934 mit den Neuankömmlingen Otto Uebel und Karl Ludwig den Puyuhuapi-Fjord erkundet, an dessen nördlicher Bucht sich die drei jungen Männer niederlassen wollten. Daher befindet sich Grosse nun auf einem Schiff in Richtung der Insel Chiloé, um Arbeiter für das ehrgeizige Kolonievorhaben anzuwerben. Und es regnet natürlich in Strömen.
Regen ist typisch für diese oftmals unwirtliche Region. Und um das dem Leser zu verdeutlichen, hat die Autorin Luisa Ludwig – Tochter von Ernst Ludwig, dem jüngeren Bruder von Karl – auf Seite 406 eine Niederschlagstabelle von Puyuhuapi abdrucken lassen. Weit mehr als 3.000 Millimeter plätschert es dort im Jahresdurchschnitt hinunter. Zum Vergleich: In Santiago sind es nur knapp über 300. Es wundert also nicht, dass die ersten Schritte des Projektes Puyuhuapi ins Wasser fallen beziehungsweise im Nass enden:
«Da, plötzlich erschallt aus dem Leute-Rancho der ängstliche Ruf: „Agua, agua!“ Otto und ich haben schwere Gummistiefel an den Füßen und fühlten gar nicht, dass wir im Wasser standen. Erst als wir uns bewegen, um nachzusehen, bemerken wir, dass unser Rancho unter Wasser steht. Es plätschert ganz merklich unter uns, und nun sehen wir auch, dass Wasser von allen Seiten in unser Haus strömt, eine unangenehme Überraschung mitten in der Nacht. Mit Hacken und Schaufeln geht es eiligst hinaus. In mächtigen Bächen kommt das Wasser geflossen. Es ist finster und regnet stark», schreibt Grosse in seinem Tagebuch.
Die Erkenntnis nach dieser Katastrophe: Die erste Hütte war zu nahe am Wasser gebaut worden, die Kolonisten hatten ihre Rechnung ohne die gefährlichen Springfluten gemacht. Ein Ersatz muss her, denn, so Grosse: «Es ist sehr wichtig hier unten in Westpatagonien ein gutes Dach über dem Kopf zu haben. Man bildet sich dann wenigstens ein, es regne weniger.»

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Die Pioniere Augusto Grosse, Walter Hopperdietzel, Otto Uebel, Luis Hecht und Ernst Ludwig beim Kuchenessen im neuen Haus (1937).

Solche Widrigkeiten sind nicht die einzigen, mit denen die Deutschen zu kämpfen haben. In der Abgeschiedenheit des undurchdringlichen Urwalds sind die jungen Männer auf die Dampfer angewiesen, die dringend benötigtes Proviant vorbeibringen. Stunden-, ja oft Tage lang halten sie hungrig auf einer Insel am Fjordeingang bei Wind und Wetter Ausschau nach dem ersehnten Schiff – häufig ohne Erfolg. Den Ausguck auf der Felseninsel nennen sich bezeichnenderweise Paciencia (Geduld).
Doch dann macht die Siedlung leichte Fortschritte. Mit Machete und Axt gewinnen die Kolonisten dem Urwald Siedlungsterrain ab, es entstehen ein kleiner Gemüsegarten und ein Hühnerstall. In den ersten Jahren unternehmen die Deutschen zudem zahlreiche Exkursionen und erkunden die Gegend, von der es praktisch keine Landkarten gibt. Rückschläge erschweren freilich das Leben: Die 63 Rinder, mitgebracht aus Osorno, gehen 1937 fast alle aus Mangel an Erfahrung mit der Viehhaltung sowie aufgrund falscher Beratung ein. Im gleichen Jahr brennt das dritte Wohnhaus ab; das zweite war wie das erste dem Hochwasser zum Opfer gefallen.

Der Unimog ist angekommen! Viele Kinder sahen damit das erste Motorfahrzeug ihrers Lebens.
Der Unimog ist angekommen! Viele Kinder sahen damit das erste Motorfahrzeug ihrers Lebens.

Doch wie kam es eigentlich dazu, dass sich Männer aus dem fernen Europa solchen Strapazen am unzivilisierten Ende der Welt freiwillig aussetzten? «Europa galt damals vielen als überlebt, während es woanders noch Entdeckungen zu machen gab», erklärt Luisa Ludwig, die vergangene Woche ihr Buch zahlreichen Gästen im Heidelberg Center Lateinamerika unter der Moderation von Dr. Walter Eckel vorstellte. Die schwierige Zeit nach dem Ersten Weltkrieg habe ebenfalls Menschen dazu bewegt, ihr Glück in der Neuen Welt zu suchen.
Auch im böhmischen Rossbach, das heute zu Tschechien gehört, träumten der Textilfabrikant Robert Uebel, sein jüngerer Bruder Otto sowie dessen Freund Karl Ludwig von einem neuen Anfang in Übersee. Außerdem hatte man von der staatlich gelenkten Einwanderung erfahren, mit der Chile ab Mitte des 19. Jahrhunderts deutsche Kolonisten ins Land geholt hatte. Ein Siedlungsgesetzt von 1928 versprach nun jedem ein freies Stück Land, der sich in der unerschlossenen Region Aysén niederlassen wollte.
Otto und Karl reisten schließlich 1933/34 nach Chile, wo sie August Grosse kennen lernten. Später stießen noch Walter Hopperdietzel sowie Ernst Ludwig hinzu. Nachdem die Suche nach einem geeigneten Ort abgeschlossen und das chilenische Ministerium für Landangelegenheiten und Kolonisation seine Zustimmung gegeben hatte, wurde am 10. Januar 1935 die Siedlung «Waldhagen» gegründet. Der Ortsname wurde nur in Verbindung mit der alten Heimat benutzt. Das indianische Wort Puyuhuapi setzt sich aus «Huapi» für «Insel» und «Poye» für eine Frucht zusammen. Eine andere Übersetzung lautet «Insel der Geister».

Ernst Ludwig fotografierte seine Familie und die Nachbarskinder mit dem See-Elefanten, den er unterhalb des Sägewerks erlegt hatte. Im Hintergrund die Halde aus Sägespänen (1954).
Ernst Ludwig fotografierte seine Familie und die Nachbarskinder mit dem See-Elefanten, den er unterhalb des Sägewerks erlegt hatte. Im Hintergrund die Halde aus Sägespänen (1954).

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen die ersten Siedler die heimatvertriebenen Eltern und Geschwister nach Puyuhuapi nachkommen. Die Einwanderer gründeten Familien, von denen heute allerdings nur noch zehn bis zwölf Nachfahren im Ort leben, eine davon ist Luisa Ludwig. Die Mehrheit der 550 Einwohner stellen die Kinder und Enkel der Chiloé-Arbeiter und weitere Zuwanderer vom chilenischen Festland.
Die Autorin befragte sowohl Deutschstämmige als auch reine Chilenen, die alle seit langer Zeit in dem kleinen Ort leben und somit Protagonisten dieser besonderen interkulturellen Geschichte darstellen. Beispielsweise erzählt die Chilenin Irene Lehue über ihre Arbeit als Weberin in der Teppichherstellung und gibt Einblicke in den Arbeitsalltag der Manufaktur Alfombras Puyuhuapi, die 1943 ihren Anfang nahm, landesweit bekannt wurde und bis heute existiert.
Alle Gespräche werden in Interviewform mit direkter Rede wiedergegeben, was die Distanz zum Befragten aufhebt und das Erzählte unmittelbarer erscheinen lässt – ein klarer Vorteil dieses Buches, das mit Anekdoten nur so gespickt ist: von der Mäuseplage in der Bambushütte, den Notlandungen des Fliegers «Onkel Fritz», der alliierten Invasion im Zweiten Weltkrieg auf der Suche nach einer deutschen U-Boot-Basis sowie dem Lieblingsgockel von Luisa Ludwigs Mutter, der nach einem Wildkatzenangriff einen steifen Hals behalten hatte und dem die Körner auf einem umgedrehten Kochtopf serviert werden mussten.
Und trotz kräftiger Regenschauer und vieler Schindereien ist auch Platz für humorvolle Geschichten. So berichtet August Grosse von einem Holzfäller, dem ein Ast auf die Schulter gefallen war. Der entstandene Bluterguss schmerzte, und so verlangte er von den Deutschen eine Rasierklinge, um die Stelle aufzuschneiden. «Diese Operation konnte ich auf keinen Fall billigen und gab ihm stattdessen etwas Branntwein, damit er sich damit einreibe. Ob er nun den Schnaps getrunken oder sich tatsächlich eingerieben hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls war er nach ein paar Tagen wieder gesund, und die Moral von der Geschichte: Es dauerte nicht lange, da kam wieder einer, dem ein Ast auf die Schulter gefallen sein wollte. Dem gaben wir aber nur ein wenig harmlosen Salmiakgeist, und siehe da, er wurde gesund und ward nicht mehr gesehen.»

4136_p8-9_2Luisa Ludwig Winkler wurde 1950 in Puerto Montt geboren und verbrachte ihre Kindheit in Puyuhuapi. Ihr Vater Ernst Ludwig gehörte zu den Ortsgründern. Sie studierte Sprachen und Psychologie in Deutschland, wo sie von 1968 bis 1985 lebte. Zurück in Chile arbeitete sie an der Deutschen Schule und am Goethe-Institut Santiago. Aus Interesse an der Puyuhuapi-Geschichte begann sie systematisch ältere Nachbarn nach ihren Erinnerungen zu befragen; zudem recherchierte sie in Tagebüchern, Briefen und Unterlagen. Somit entstand 2011 die spanische Ausgabe ihres Buches «Puyuhuapi, curanto y kuchen», das nun auch auf Deutsch vorliegt. Luisa Ludwig ist Ortsvertreterin des Deutsch-Chilenischen Bundes in Chiles XI. Region Aysén.

«Puyuhuapi war Waldhagen. Ein Dorf in Patagonien mit deutschen Wurzeln.» von Luis Ludwig Winkler, 2014, Ediciones Kultrún, Valdivia, ISBN 978-956-344-052-2. Das Buch kann direkt bei Luisa Ludwig Winkler unter der E-Mail curantoykuchen@gmail.com bestellt werden.

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