Deutsche Kultur und Sprache bewahren

Erneut bewies der Deutsch-Chilenische Bund (DCB) mit seiner diesjährigen Hauptversammlung in Valparaíso, dass er organisatorisch sehr gut aufgestellt ist. Einziger Wermutstropfen: der Verlust der deutschen Sprache.

Als abschließender Höhepunkt der Tagung am vergangenen Wochenende dürfte sicherlich das Konzert auf dem berühmten Segelschulschiff «Esmeralda» der chilenischen Marine gelten. Der DCB hatte die Erlaubnis erhalten, mit seinen Gästen am Sonntagvormittag an Bord zu gehen und es gleichzeitig geschafft, das Kammerorchester des Teatro Municipal dort für ein Konzert zu gewinnen. Man darf an dieser Stelle ohne falschen Stolz behaupten, dass nicht jede x-beliebige Institution in Chile ein solches Ereignis zustande gebracht hätte. Und so erklang im Hafen von Valparaíso bei schönem Wetter herrliche Streichermusik. Beim Cocktail danach gab es genügend Gelegenheit, dass majestätische Segelschiff zu erforschen.

Und damit endete die diesjährige Generalversammlung des DCBs. Die Sitzung hatte am Tag zuvor in den Räumen des Deutschen Vereins zu Valparaíso ihren Anfang genommen. Es würde an dieser Stelle wohl zu weit führen, tief in alle Details der einzelnen Berichte zu gehen. In der Gesamtschau lässt sich allerdings festhalten, dass sowohl der DCB selbst als auch die deutsch-chilenischen Institutionen gut organisiert sind.

Das vielleicht beste Beispiel ist der Deutsche Verein Valparaíso, der in diesem Jahr sein 175-jähriges Bestehen feiert. «Es ist der älteste deutsche Verein in Lateinamerika und bis heute ununterbrochen aktiv», sagte der Vorsitzende Dr. Jan Karlsruher in seiner Begrüßungsrede. «Eine gewaltige Leistung!» Die Institution habe aktuell ihre Kulturveranstaltungen ausgeweitet, um auch zukünftig als aktiver Verein viele Gäste anzuziehen.

Der DCB selbst zählt derzeit 472 Mitglieder und bot im vergangenen Geschäftsjahr 25 Veranstaltungen an, zu denen 2.150 Besucher kamen, wie Geschäftsführer Christian Kroneberg mitteilte. DCB-Vorsitzende Dr. Bettina von Dessauer unterstrich, dass sich der Bund noch stärker bemühen werde, neue Sponsoren und Mitglieder zu werben, um die Finanzierung des Angebots zu sichern. Einen genaueren Einblick in puncto Ausgaben und Einnahmen eröffnete Kassenwart Eduardo Fröhlich.

Eine Vorstellung davon, wie weitverzweigt deutsch-chilenische Einrichtungen in Chile sind, gaben weitere Vorträge. Karin Westermeyer und Marc Thiele berichteten über die fünf Burschen- und drei Mädchenschaften in Chile sowie den Bund Chilenischer Burschenschaften (BCB), den mit deutschen Partnerorganisationen ein Freundschaftsvertrag verbindet.

Die 1917 gegründete Sociedad Teuto-Chilena de Educación wiederum umfasse derzeit 18 Deutschen Schulen im Land mit insgesamt 13.500 Schülern, erläuterte Daniel de Witt. Etwas jüngeren Datums ist die deutsch-chilenische Wochenzeitung «Cóndor», für die Geschäftsführer Ralph Delaval seinen Bericht abgab und die Anfang August ihr 75-jähriges Bestehen feierte. Das Lehrerbildungsinstitut (LBI) Wilhelm von Humboldt wird Ende dieses Monats sein 25. Jubiläum begehen, erklärte Christian Fingerhuth.

Dass also das Organisationstalent, das den Deutschen gerne nachgesagt wird, auch in Chile Früchte trägt, steht wohl außer Zweifel. Beeindruckend war in diesem Zusammenhang das Referat von Dietrich Angerstein, der über den Verband der deutsch-chilenischen Feuerwehrkompanien berichtete. Mit der deutschen Einwanderung ab 1850 in Südchile wurden die «Bombas Germania» gegründet, mittlerweile sind 17 dieser Freiwilligen Feuerwehren mit 1.000 Mitgliedern im Verband. Regelmäßig rücken insgesamt 50 Fahrzeuge mit schwarz-rot-gelben Emblem und der deutschen Aufschrift «Feuerwehr» zum Feuerlöschen und zu Rettungsdiensten aus. «Die Feuerwehr achtet auf Tradition und pflegt sie», so Dietrich Angerstein weiter.

Einen Haken hat die ganze Sache allerdings doch. «Vor 30 bis 40 Jahren wurde in den Wehren fast immer deutsch gesprochen. Und obwohl wir Abgänger von den Deutschen Schulen bekommen, ist die Umgangssprache leider nicht mehr Deutsch. Während der Zeltlager in Llanquihue bringen viele von ihnen nur ein paar deutsche Wörter zusammen», bemängelte Angerstein. «Das ist zu bedauern.»

Auch Karin Westermeyer und Marc Thiele räumten ein, dass in den Mädchen- und Burschenschaften ein «natürlicher Verlust» an deutscher Sprache und Kultur zu verzeichnen sei, gegen den man ankämpfen müsse. – Leichter gesagt als getan. Denn gerade das LBI, das bilinguale Lehrkräfte für die Grundschulen sowie bilinguale Erzieherinnen für die Kindergärten der Deutschen Schulen ausbilden soll, mangele es oftmals an Nachfrage. LBI-Vorstandsvorsitzender Christian Fingerhuth: «Ein Pädagogie-Studium ist leider nicht so angesehen, wie es sein sollte. Es ist für uns schwierig, Studenten zu bekommen.»

In diesem Sinne war es also ganz richtig, dass der DCB das Thema Bildung auf seine Agenda ganz nach oben gesetzt hat. «Educación – Formación – Bildung» lautete der Titel des Symposiums, das am Samstag, den 31. August, in der großen Aula der Deutschen Klinik Santiago abgehalten worden war. Professor Dr. Carlos Osorio, Dr. Hector Galleguillos, Professor Dr. Ricardo Puebla Wuth sowie Professor Dr. Otto Dörr hatten dabei Vorträge über Neurowissenschaft in Bezug auf Bildung gehalten. Hierbei ist für die deutsch-chilenische Gemeinschaft eine frühkindliche Spracherziehung von besonderem Interesse.

«Bildung ist, wenn man es gut macht, defizitär», erklärte Dr. Walter Eckel vom Heidelberg Center Lateinamerika und gab damit wohl auch indirekt zum Ausdruck, dass für den Erhalt und die Förderung deutscher Sprache in Chile eine gehörige Portion Idealismus und Engagement aufgebracht werden muss und finanzielle Interessen dabei hintenan stehen. Alexander Schultheis vom Goethe-Institut schlug vor, Sprachkurse mit dem DCB zusammen anzubieten, um somit Synergie-Effekte zu nutzen und gemeinsam Interessierte zu werben. Arpe Caspary vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) unterstrich in seinem Vortrag die Bedeutung von Bildung, Fortbildung und Förderung: «Alle Länder der Welt stehen in einem Wettbewerb um die besten Köpfe.»

Einen ersten Schritt in Richtung verstärkter Kooperation machte Dietrich Angerstein noch während der Jahresversammlung. Er bot einen Konferenzraum innerhalb der 15. Feuerwehrkompanie in Santiago zur Nutzung an. «Dieser Saal reicht für 60 Personen und steht dem DCB gerne zur Verfügung.»

Den Abschluss der Sitzung bildete ein Vortrag von Julia Koppetsch, die sich im Rahmen des sogenannten Museumsinitiativkreises darum bemüht, für die V. Region ein Einwanderermuseum ins Leben zu rufen.

 

Arne Dettmann

 

Recuadro:

DCB-Vorstandswahlen

Valparaíso (ade) – Bei den Vorstandswahlen des DCBs stellten sich Eduardo Fröhlich und Erika Astorga nicht mehr zur Wiederwahl. Peter Wessel hatte zudem schriftlich erklärt, sich aus dem Vorstand zurückziehen zu wollen. Für seine 25-jährige Tätigkeit bedankte sich DCB-Vorsitzende Dr. Bettina von Dessauer und sprach auch den anderen beiden Mitgliedern für ihre Tätigkeit ihren Dank aus.

Die Versammlung wählte somit Javier Vernier und Ricardo Steffens – beide Ingenieure aus Los Ángeles – neu in den Vorstand. Ebenfalls neu dabei ist René Focke, ehemaliger Präsident der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer (Camchal). «Musik und Malerei liegen mir am Herzen. Wäre es nach meiner Familie gegangen, wäre ich Musiker geworden», erklärte Focke. Er bedankte sich für das Votum und erklärte, er wolle sich darum bemühen, eine bessere Finanzierung für den DCB voranzubringen und somit Geschäftsleben mit dem Kulturellen miteinander zu verbinden.

Desweiteren wurde auf einer außerordentlichen Hauptversammlung unter Leitung von Marcelo Muñoz und im Beisein eines Notars eine Statutenänderung vorgenommen. Die Reform war unter Mitwirkung von Carlos Eggers, Jürgen Leibbrandt, Otto Dörr sowie Rodolfo Goyeneche erarbeitet worden.

 

Medaillenvergabe

Valparaíso (ade) – Wie jedes Jahr überreichte der DCB auch dieses Mal beim Gala-Abend im Deutschen Verein Valparaíso seine Medaillen zur Ehrung von Persönlichkeiten der deutsch-chilenischen Gemeinschaft.

Die Karl-Anwandter-Medaille ging dabei an Heidi Opitz, die für ihre Tätigkeit am Insalco sowie der Deutschen Schule Quilpué und Valparaíso ausgezeichnet wurde. Die Laudation hielt Beate Sessler.

Ahlke Scheffelt nahm die Bernardo-Philippi-Medaille entgegen, mit der ausländische Persönlichkeiten geehrt werden. Ihre Tochter Andrea hob in ihrer Lobrede das Engagement der norddeutschen Sängerin als Gesangslehrerin und Organisatorin der Liederabende im Club Manquehue hervor.

Die Arturo-Junge-Medaille wurde an Marco Dusi überreicht, die Laudatio hielt Elena Soto. Mit dieser Vergabe ehrte der DCB die Tätigkeiten Marco Dusis als langjähriger Chorleiter an der Universidad de Chile de Valparaíso sowie Santiago.

Die Vicente-Pérez-Rosales-Medaille erhielt schließlich Professor Dr. Otto Dörr. Die höchste Auszeichnung des DCBs, so Bettina von Dessauer in ihrer Rede, ginge an Persönlichkeiten deutscher Abstammung. Der Deutsch-Chilene studierte in Heidelberg und gilt nicht nur in Chile als eine Eminenz auf dem Gebiet der Psychiatrie. Dörr beklagte in seiner Dankesrede den Verlust an Identität in unserer heutigen Zeit und forderte auf, den Bezug zu Sprache und Kultur zu bewahren. Dabei nannte der Goethe, Schiller, Beethoven, Brahms und Bach.

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