Auf den Spuren der deutschen Einwanderer

Kultur und Natur um den Llanquihue-See

Vulkan Osorno
Picknick vor dem Vulkan Osorno: Reiseleiterin Verónica Tapia von Zerner (links) richtet Brotzeit mit Käse und Brot aus Frutillar an.

«Die bis heute lebendigen deutschen Traditionen vor Ort erleben.» Dieses Motto stand über der Reise in den kleinen Süden, die Verónica Tapia von Zerner für den Deutsch-Chilenischen Bund im Dezember organisiert hatte.

Von Silvia Kählert

Vier Tage lang lernte die Reisegruppe Bräuche und Orte der ersten Siedler kennen: Bier brauen beim Bierfest in Llanquihue, Kuchen in den vielen Cafés und das Teatro del Lago der deutschen Familie Schiess in Frutillar.

«In den Süden Chiles reisen, heißt flexibel sein.» Verónica Tapia von der Agentur Azul Tierra nutzt den strahlend schönen Tag und stellt eine Fahrt um den Llanquihue-See als erstes auf das Programm. Immer wieder tauchen am Ufer idyllisch gelegene einzelne Höfe auf. Die aus Holz gebauten Häuser mit den typisch deutschen Giebeldächern stehen in Gärten mit blühenden Rhododendren und Geranien. Auf den Wiesen weiden die weiß-schwarzen und brauen Kühe – nur der Vulkan Osorno im Hintergrund erinnert daran, dass wir uns in Chile und nicht in Deutschland befinden.

 

Chiloten halfen beim Bau der Häuser

Manche der Häuser sind über 120 Jahre alt und noch im Originalzustand erhalten. Bis die Siedler damals so weit waren, hatten sie einen entbehrungsreichen Weg hinter sich gelegt. Das wird spätestens beim Besuch des Museums in Puerto Octay klar. «Der Kolonisationsbeauftragte Bernhard Philippi versprach den Deutschen kostenlosen Boden. Dass es sich um einen wilden Urwald handeln würde, war nicht klar», erklärt Bibliotheksleiter Eduardo Vidal.

Die Größe des Grundstücks für jede Familie war abhängig von der Anzahl der Söhne über 14 Jahre. Wie wichtig die Kinder als Arbeitskräfte waren, erkannten die Kolonisten auch: Die Bilder im Museum zeigen Familie mit über zehn Kindern.

Denkmal Puerto Montt
Denkmal für die ersten deutschen Siedler in Puerto Montt: Die Figur des sogenannten Pichi-Juan (links), zeigt der Reisegruppe, dass die ersten Bewohner der Región Los Lagos den Kolonisten tatsächlich eine wichtige Stütze waren.

Warum die Wände der Holz-Höfe um den Llanquihue-See aus Alerce-Schindeln gebaut waren, erklärt Eduardo so: «Puerto Octay gehörte damals zur Diözese Chiloé. Daher gab es dahin Kontakte und es wurden Chiloten als Bauleute angeworben. Diese verkleideten die Häuser mit dem Holz der Alerce, weil dieses besonders robust ist. Oftmals heirateten sie die Frauen des Orts und blieben hier.» Auch die Mapuches halfen den Siedlern, berichtet Eduardo. Da sie die ersten Bewohner dieser Region waren, seien die Siedler auf ihre Ratschläge oftmals angewiesen gewesen.

Vielleicht den Friedhof mit der schönsten Aussicht besichtigt die Reisegruppe anschließend auf dem Hügel über dem Ort. Fünf Vulkane sind zu sehen – Calbuco, Tronador, Osorno, Puntiagudo, Casablanca. Für die Reisenden aus Santiago ist jedenfalls klar: Dass die ersten Siedler trotz ihres schwierigen Lebens in Chile geblieben sind, ist auch der beeindruckenden Landschaft und Natur in der Región de los Lagos zu verdanken.

Bei einer Fahrt zum Vulkan Osorno sieht man am Wegrand ganze Felder voll wilder Lupinen und rote Notros. Der schwarze Berg mit dem weißen Gipfel steht an dem Tag vor einem blauen Himmel ohne Wolken. Bei einem von Verónica vorbereiteten Picknick mit einem sogenannten Kolonial-Käse, Pan amasado und Apfelsaft lässt sich der Ausblick noch besser genießen.

 

Deutscher Einsatz für Musik und Kunst

In Frutillar zeigt das Museo Colonial Alemán, wie die ersten Siedler einige Jahre nach ihrer Ankunft lebten. In dem Haus eines Schmieds fällt ein Klavier an der Wand auf. Sobald die Kolonisten ein sicheres Dach über dem Kopf hatten und sich von ihrer Arbeit ernähren konnten, begannen sie mit der Gründung der Vereine, die sie aus der Heimat kannten: Feuerwehr, Gesangsvereine und Musikchöre.

Auch das Museo Antonio Felmer in Nueva Braunau zeigt neben den vielen von den ersten Deutschen entwickelten Geräten verschiedene Akkordeons, Grammophone und andere Geräte zum Musik spielen. Tomás, ein Enkel des Gründers Antonio Felmer Niklitschek, möchte vor allem eines bei der Führung durch das ehemalige Wohnhaus der Familie deutlich machen: «Dieses Museum soll den Pioniergeist, aber auch die Liebe zu Kunst und Musik unserer Vorfahren veranschaulichen.»

Wohnhaus Frutillar
Typisches Haus deutscher Einwanderer mit Alerce-Schindeln: Mónica Vertin-Jones (Mitte), Besitzerin des Hotels Lagune Club, vor dem Wohnhaus ihrer Familie.

An die Tradition des Musizierens knüpft auch das Teatro del Lago an. Es wurde vor allem durch die Familienstiftung des deutschen Unternehmers Guillermo Schiess finanziert. Seine Familie leitet auch heute noch dieses nach zwölf Jahren Bauzeit 2010 eingeweihte kulturelle Zentrum der Region. Die Reisegruppe zeigt sich besonders beeindruckt vom rund 1.100 Zuschauer fassenden Konzertsaal. Die 17-jährige Fernanda erklärt bei ihrer Führung: «Alles ist dafür angelegt, dass die Akustik gut ist.» Der Konzertsaal gilt als einer der schönsten und technisch modernsten in Südamerika. So wie Fernanda, die Schülerin für modernen Tanz ist, nehmen Kinder, aber auch Erwachsene manchmal bis zu zwei oder drei Stunden Anfahrtszeit in Kauf, um sich in Frutillar unterrichten zu lassen.

Auch Mónica Vertin-Jones und ihre Familie, die das Hotel Lagune Club bei Frutillar betreiben, möchten die alten Bräuche wach halten. Ihre Hütten-Unterkünfte liegen direkt am Ufer des Llanquihue-Sees. Dieses Jahr organisiert die deutschstämmige Familie wegen des Wetters das Bauernfest statt im Dezember am 14. bis 17. Januar 2017 zum zweiten Mal auf ihrem Hof. Dieses soll künftig jedes Jahr stattfinden.

Spätestens zum nächsten Bauernfest im Dezember möchte Verónica Tapia von Zerner diese Reise wieder anbieten. Vor allem um zu zeigen, dass auch heute noch viele schöne Traditionen der deutschen Einwanderer Kultur und Leben der Chilenen und der Besucher Chiles bereichern.

 

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