«Den tiefen Schmerz der Deutschen kennengelernt»

Rund 250 Gäste folgten der Einladung des DCBs, sich am 26. Jahrestag des Mauerfalls mit dem Land zu beschäftigen, das es nicht mehr gibt. «DDR – von der Geschichte verweht. Anmerkungen zu einem Staat, der nicht mehr existiert», lautete übersetzt der Titel eines spanischsprachigen Vortrags von Roberto Ampuero am 9. November.

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Von Petra Wilken

Der 62-jährige chilenische Schriftsteller hat insgesamt knapp fünf Jahre seines Exils in der DDR verbracht. 1974 waren es nur acht Monate, dann ging er für vier Jahre nach Kuba, weil er sich in eine Kubanerin verliebt hatte. Danach kam er in die DDR zurück, wo er weitere vier Jahre lang lebte, bevor er in die Bundesrepublik wechselte. Das Fazit seiner Erfahrungen in der DDR: Der Mensch wird in einem totalitären System zu einer formbaren Masse. Es gibt keine gute Diktatur. Egal ob braun oder rot, beide lehnen die Freiheit ab.
Ampuero schilderte die DDR als ein Land, in dem Diktatur herrschte und sprach von einem totalitären System, das seine Bürger als Gefangene hielt, und von einen Überwachungsstaat, in dem die Stasi Agenten in die Familien und die Liebesbeziehungen einschleuste. Im November 1989 hätten die Deutschen in einer in der Geschichte einmaligen friedlichen Revolution diesem Staat ein Ende bereitet. Auch darüber kann Ampuero aus erster Hand berichten, da er von einer italienischen Agentur nach Berlin geschickt wurde.
Der Chilene hat von klein auf enge Verbindungen mit der deutschen Kultur. Er besuchte die Deutsche Schule Valparaíso. Dieser Erziehung habe er es zu verdanken, dass er Disziplin, Durchsetzungskraft, Fleiß und Bescheidenheit gelernt habe. Von Martin Luther habe er es sich übernommen, dass der Bruch mit dem Dogma möglich ist. Und von seinem Lehrer Karl-Heinz Moessner im Fach Staatsbürgerkunde habe er gelernt, die Meinung Andersdenkender zu respektieren.

Roberto Ampuero wurde 1953 in Valparaíso geboren, wo er die Deutsche Schule besuchte. Als junger Mann trat er der Kommunistischen Jugend (JJCC) bei. Ende 1973 ging er ins Exil und lebte in der DDR, in Kuba und in der BRD. 1993 kehrte er nach Chile zurück und begann, sich mit seiner Krimiserie mit Privatdetektiv Cayetano Brulé einen Namen als Schriftsteller zu machen. Der erste Roman «¿Quién mató a Cristián Kustermann? erschien in dem Jahr. Anschließend veröffentlichte er Romane, die die moderne Beziehung zwischen Mann und Frau widerspiegeln und auch als erotische Krimis gehandelt werden, wie «Los amantes de Estocolmo» oder «Pasión griega», der in China zu einem Bestseller geworden ist. Später lebte Ampuero auch in Schweden und in den USA, wo er als Gastprofessor an der Universität von Iowa tätig war. Seine kommunistische Vergangenheit hat er in mehreren Büchern verarbeitet: «Detrás del Muro» wurde 2014 zu einem Bestseller in Chile. Jetzt ist von ihm zusammen mit Mauricio Rojas (ex-MIR) «Diálogo de conversos» erschienen. 2011 wurde Ampuero zum Botschafter in Mexiko ernannt, und in den letzten Monaten der Piñera-Regierung war er Minister für Kultur.

So geformt trat er in die Kommunistische Jugend (Juventudes Comunistas, JJCC) ein. Das habe keine Familientradition als Hintergrund gehabt, erklärt er seinem Publikum beim Deutsch-Chilenischen Bund. Vielmehr sei sein Vater ein sozialdemokratischer Freimaurer und seine Mutter eine praktizierende Katholikin gewesen. Die Partei sei schon nach kurzer Zeit der Meinung gewesen, dass er zu viel gesehen habe und besser außer Land ginge. So sei er mit KLM über Amsterdam und Westdeutschland in der DDR gelandet, wo er ein Stipendium erhielt, um an der Universität Leipzig zu studieren.
Als Anekdote erzählt er, dass ihn eine seiner deutschen Freundinnen gefragt habe, ob er die Möglichkeit gehabt habe, im Westen zu bleiben. Als er das bejaht, antwortet sie ihm, dass er dumm sei. Alle wollten weg aus der DDR und er habe freiwillig gewählt, dort zu leben. Für ihn sei das als junger Mann so etwas wie eine Ehrensache gewesen. Er habe an den Kommunismus geglaubt. Aus der Kommunistischen Jugend trat er während seines Aufenthalts in Kuba aus.
«Ich habe den tiefen Schmerz der Deutschen kennengelernt, den es bedeutet, eingesperrt und im schlimmsten Teil von Deutschland zu leben.» Die Exilchilenen hätten eine Sonderstellung gehabt. Er habe ein Stipendium und eine kleine Wohnung erhalten. Sie seien jedoch auch benutzt worden, um die Botschaft zu vermitteln: „Wenn wir nicht das schützen, was wir in der DDR haben, wird ein Pinochet kommen.“
«Bin ich undankbar, wenn ich so spreche?», fragte Ampuero rhetorisch sein Publikum. Man beißt nicht die Hand, die einem zu essen gibt, hätten ihm einige Menschen gesagt. Der Staat fordere Loyalität ein. Das sei die Falle gewesen. Eine Vision, die den Menschen zum Hund mache. «Du ernährst einen Hund und erwartest, dass er dich nicht beißt», so der Schriftsteller. «Ich habe auch in den USA und in Westdeutschland gelebt und gearbeitet, und dort sagt man mir nicht, ich müsse mich deshalb mit meiner Kritik zurücknehmen». In Chile gäbe es Personen, die mit Nostalgie an die Zeit in der DDR zurückblickten. Diese schwiegen angesichts derjenigen, die an der Mauer gestorben seien.
Das Publikum bedankte sich bei Roberto Ampuero mit lang anhaltendem Applaus. Der DCB-Vorsitzende René Focke schloss die Veranstaltung mit dem Hinweis auf das jüngste Buch «Diálogo de conversos» ab.

 

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