Das schwarze Wasser

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Von Kurt Gysel

Es ist tiefe Nacht, das Wasser ruht schwarz im Schwimmbecken, oder doch nicht? Ganz dunkel ist es doch nicht! Die Sterne funkeln, unendlich viele, unzählige Sterne aus dem fernen Weltenraum spiegeln sich im schwarzen Wasser, im schwarzen Wasser hinter dem drei Meter hohen Zaun, den eine kleine Gruppe Jugendlicher überstiegen hat. Wer sind sie?
Es sind Leyla, Cynthia, und viele andere mehr – und doch keiner und keine von ihnen. Es sind eine Handvoll junger Männer und Frauen, aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten, ihr Weg scheint vorgezeichnet, die Karriere bis hin zum Minister ist garantiert, die lebenslange Tätigkeit als Kassiererin im Supermarkt ist vorbestimmt, sie wohnen in den feudalsten Villenvierteln der Stadt, und im Häuserblock mit dem grünen Flur, zwanzig Jahre später wird sie, die Immigrantin, immer noch dort wohnen.
Aber an diesem Abend begegnen sie sich, dort hinter dem Zaun, hier beim schwarzen Wasser begegnen sie sich, junge Menschen aus unterschiedlichen Welten, sie begegnen sich, sie lieben sich, sie vergessen, was jenseits des Zaunes liegt, den Alltag, die Trennung, die Unmöglichkeit einer Beziehung. Hier finden sie sich, wenigstens einen Augenblick lang – und die Begegnung hinterlässt Spuren, die niemand mehr verwischen kann, die Immigrantin bekommt ein Kind, dem Vater dieses Kindes ist sie nur an diesem Abend begegnet.
Sie verlassen das schwarze Wasser und vergnügen sich in der lauten Welt. Bei einem Vater, in seinem türkischen Restaurant, bekommen sie etwas zu essen, ein Zeichen der Gastfreundschaft auch unbekannten Leuten gegenüber. Weiter geht es in die Disco. Ein toller Abend! Die Gespräche gehen hin und her: in der Gegenwart, in der Zukunft, Gegenwart und Zukunft, die Zeiten verwischen. Die Gegenwart schreibt Geschichte bis in die Zukunft, was sie heute tun hinterlässt lebenslange Spuren – auch wenn sie sich zwanzig Jahre später kaum oder überhaupt nicht mehr wieder erkennen.
Aber hinter diesem drei Meter hohen Zaun haben sie so etwas wie das Paradies gefunden, das Wasser ist nicht ganz dunkel, in der Welt gibt es Hoffnungsfunken. Die Begegnung mit anderen Menschen, scheinbar ist sie nur möglich hinter dem Zaun. Nur hinter dem Zaun werden die Zäune, die uns von Menschen aus anderen Gesellschaftsschichten trennen, niedergerissen, nur dort kann man so tun, als ob sie nie da gewesen wären.
Aber nach dieser Nacht sind sie schnell wieder aufgerichtet. Jeder geht wieder seinen eigenen Weg, den vorbestimmten, den vorgezeichneten. Daran kann man nichts ändern, daran gibt es nichts zu rütteln. Doch, ganz zum Schluss, fällt ein Satz: «… und ohne dich bleibt nichts davon zurück…». Ein Satz, der überrascht? War es nicht schon immer so? Nicht das Materielle, die Güter, der Besitz, machen ein Leben aus. Es sind die Beziehungen, die guten, erfüllenden Beziehungen, in denen gegenseitiges Verständnis herrscht, wo man einander unterstützt, begleitet, über Jahre hinweg.
Aber halt! Genau das fehlt im Stück! Da ist, zumindest unter den Jungen, damals, bei der ersten Begegnung der noch Jugendlichen, keine dauerhafte Beziehung, es sind nur die flüchtigen Beziehungen einer Nacht, scheinbar erleben sie dort das Paradies, aber sie müssen zurück in die Welt, über den Zaun zurückklettern, in die schwarze Welt, in die Welt, wo es regnet und wo man völlig durchnässt da steht. Nur Lars´ Eltern: sie zumindest haben ein Leben geteilt, sie möchten jetzt den 75. Geburtstag des Vaters feiern, aber der Sohn kommt zu spät.
Das schwarze Wasser: ein Blick in die schwarzen Wasser dieses Lebens! Aber ganz schwarz ist es eben nicht. Die Sterne funkeln. Es funk(el)t zwischen den Herzen. Wenn du da bist, ist das Leben voller Bedeutung. Die kleinen Paradiese gibt es, hinter den Zäunen, nur schwer zugänglich, hinter den Zäunen fallen die Zäune der Trennung, der Unterschiede, hinter den Zäunen, wenn die Sterne am Himmel funkeln und sich im schwarzen Wasser spiegeln, finden sie zueinander, sehen sich in die Augen (Sehnsucht jeder Frau) – und so wird das Leben sinnvoll, gerade am schwarzen Wasser, das einen sonst verschlingen würde:

In deinen Augen
liegt der Himmel
in den wir tauchten
in jener Nacht
und ohne dich
Bleibt nichts davon zurück
und ohne dich
wird nichts bleiben
als Dunkel
bleibt nichts davon zurück als Dunkel

Wie immer: Man geht zu einer Theatervorführung, die Monika von Moldovanyi mit «ihren Kindern» vorbereitet hat und man ist gespannt: was bringen sie heute auf die Bühne? Dynamisch ist sowieso jedes Stück, abwechslungsreich, voller Spannung, es erfordert Konzentration – nicht nur von den Schauspielern, auch von den Zuschauern.

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Es ging uns diesmal nicht anders. Die Bewegungsabläufe sind ausgefeilt, immer herrscht Leben auf der Bühne. Aber wer ist denn eigentlich wer? Ist Christine Cynthia, Wolf Frank, Rahel Leyla? Ich komme nicht klar. Schauen wir noch mal das Programmheft an! Da stehen ja nur die Namen der Schauspieler, aber keine Namen der dargestellten Personen, keine Zuordnung, keine Eindeutigkeit. Wer ist wer?
Das wird in diesem Stück völlig unbedeutend. Jeder Schauspieler spielt ein bisschen die Rolle jeder Person, Kester kann der Vater sein, aber dann auch wieder der Sohn, Anton stellt einen Immigrantenjungen dar, aber daraufhin ein Mädchen, Fernanda spielt bald diese, bald jene Rolle, Christine die junge Immigrantin oder die Mutter, und das gleiche gilt für Caroline. Die Rollen sind austauschbar, auf die Frage «Wer ist wer?» gibt es keine Antwort. Die Individualität verschwindet, löst sich auf. Jeder ist ein Bisschen jeder und jede.
Vor und von allen anderen Aspekten des Stücks selber scheint mir dieser der Allerwichtigste zu sein. Es ist kein Zufall, das liegt auf der Hand, denn dieser Aspekt durchzieht das gesamte Stück wie ein roter Faden. In klassischen Theaterstücken, bis in die Neuzeit hinein, wäre das nicht denkbar gewesen. Bei aller Modernität waren wenigstens die Rollen festgelegt, man wusste, wer wen verkörpert oder darstellt. Insofern ist dieses Stück ein noch moderneres Stück, denn es sprengt das klassische Personenverständnis der Individualität völlig. Man ist eben ein bisschen von allem, heute dies, morgen das.
Gott sei Dank weiß ich, wem ich gratuliert habe, unserer Rahel – und all den anderen Schauspielern, auch wenn ich einigen die schelmische Frage gestellt habe: «Wer warst du nun eigentlich?» – «Ich weiss es selber nicht!», haben sie alle geantwortet.
Gott sei Dank wissen sie aber in ihrem eigenen Leben, wer sie wirklich sind! Vielen Dank ihr Lieben: Christine, Wolf, Anton, Fernanda, Caroline, Rahel und Kester! Und auch du, liebe Monika, weißt Gott sei Dank, wer du bist. Auch dir ein herzliches Dankeschön.
Martin Buber würde hinzufügen (ich fasse alles zusammen): «Wer du bist, weisst du aus der Begegnung mit dem anderen!» (oder schreibe ich: mit dem Anderen?).

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