Das Schicksal des Kleinen Kreuzers Dresden

Die Kleinen Kreuzer der kaiserlichen Marine haben schon immer die Phantasie belebt, viele Bücher und Filme sind über sie erschienen, auch heute noch – 100 Jahre später – wird Neues, bisher Unbekanntes publiziert.

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Die «Dresden» ist nur einer von einer ganzen Reihe von Schiffen, die man unter dem Begriff «Die Piraten des Kaisers» zusammenfasst: Da ist die «Emden», wie die «Dresden» Teil des Ostasiengeschwaders, aber dann alleine auf die Reise geschickt in den Indischen Ozean, wo sie 15 Schiffe aufbrachte (versenkte, Anmerk. d. Red.) und den britisch-indischen Stützpunkt Madras bombardierte.
Da ist die «Karlsruhe», mit 17 Beuteschiffen der erfolgreichste Kleine Kreuzer, vermutlich gesunken nach einer Munitionsexplosion – ohne Feindeinwirkung. Bevor sie sich selbst in Norfolk internierte, brachte es die «Kronprinz Wilhelm», militarisierter Passagierdampfer mit Hilfsbewaffnung, auf immerhin aufgebrachte 15 Schiffe, «Prinz Eitel Friedrich» – ein ähnlicher Dampfer – auf elf; beide dienten später den USA als Transporter für ihre Truppen nach Europa, der eine hieß nun «Steuben», der andere «DeKalb».
Die Reihe ließe sich fortsetzen, und so manche Kuriosität gehörte dazu, wie die «Königsberg», die ganz alleine vor der afrikanischen Ostküste monatelang Versteck spielte, oder die Großen Kreuzer «Goeben» und «Breslau», nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Mittelmeer auf völlig verlorenem Posten (vor allem nach dem Seitenwechsel der Italiener), die kurzerhand an die Türkei verkauft wurden, mitsamt der Mannschaft, die fortan statt Mütze den Fez zu tragen hatte, und als «Yavuz Sultan Selim» (Sultan Selim der Gestrenge) und «Midilli» Dienst taten. Die «Goeben» wurde erst 1973 abgewrackt.
Diese «Piraten» hatten eines gemeinsam: Sie waren auf sich gestellt, Teil einer zersplitterten Auslandsmarine, und mit einer Allianz – angeführt von den Briten – konfrontiert, der sie zahlenmäßig nicht gewachsen waren. An diesem Befund ändern auch einzelne, sehr erfolgreiche Husarenstücke oder gar Schlachten nichts. Die Auslandskreuzer waren für den Kriegsverlauf nicht entscheidend, sie spielen deshalb auch in der historischen Betrachtung des Ersten Weltkrieges keine oder nur eine Rand-Rolle.

Direkt vor der Haustür
Dass wir uns hier ausführlich mit dem «Kleinen Kreuzer Dresden» beschäftigen, ist deshalb erklärungsbedürftig. Er erlangt seine Relevanz für Chile aus folgenden Gründen:
Die «Dresden» brachte, als Teil des Ostasiengeschwaders, den Ersten Weltkrieg ganz real in das neutrale Chile, die Seeschlacht vor Coronel fand «direkt vor der Haustür» statt, die beteiligten Schiffe waren Gäste in chilenischen Häfen. Zum anderen bekämpften sich hier zwei Länder, zu denen Chile intensive freundschaftliche Beziehungen unterhielt, vielleicht hatten diese sogar eine gewisse Vorbildfunktion – die einen im Agrarsektor, im Erziehungswesen, im Handwerk, im Aufbau des chilenischen Heeres, die anderen im Eisenbahnbau, den Minen, dem Aufbau der Marine.
Das wichtigste Dresden-Bindeglied zu Chile entstand allerdings erst nach deren Untergang: Die 60 bis 100 ehemaligen Besatzungsmitglieder (je nach Zählweise), die nach Ende der Internierung auf der Insel Quiriquina nicht in das Deutsche Reich zurückkehrten (oder von dort recht bald wieder nach Chile reisten), und die dann in ihrer neuen Heimat Familien und Geschäfte gründeten, die sind das stärkste Bindeglied. Ihre Kinder und Enkel halten die Erinnerung an die «Dresden», ihre Besatzung und ihr Schicksal wach.

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Indienststellung und Goldschatz
Aber fangen wir von vorne an: Ausgestattet mit den durch die beiden Flottengesetze zur Verfügung stehenden Mittel, und mit politischem Rückenwind des Marinefreundes Kaiser Wilhelm II., bestellte die Reichsregierung bei Blohm & Voss in Hamburg bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges insgesamt elf Schiffe, darunter auch den «Kleinen Kreuzer Dresden».
Dessen Indienststellung verlief nicht ohne Probleme. Etwa ein Jahr nach dem Stapellauf, im November 1908, versenkte sie das schwedische Segelschiff «Cäcilie» bei einer Testfahrt. Zwei Jahre später kollidierte sie mit dem Schwesterschiff «Königsberg» und musste für längere Zeit in die Werft, danach wurde die 118 Meter lange und gut 13 Meter breite «Dresden» mit ihren rund 350 Mann Besatzung kurz im Mittelmeer und danach auf der sogenannten Ostamerikanischen Station, sprich in der Karibik, eingesetzt.
Hier schrieb sie zum ersten Mal Geschichte. Im Rahmen einer Mission, die vor allem der Sicherung der Interessen der deutschen Geschäftsleute und Siedler diente, geriet sie in die mexikanische Revolution. Man erhielt den Auftrag, den unterlegenen Präsidenten Huerta mitsamt Familie und Gefolge nach Jamaika ins Exil zu bringen. Hier nun beginnt die Geschichte des geheimen Goldschatzes!
In der Tat, Huerta führte einen Tresor mit sich; er soll mit den Beständen der mexikanischen Zentralbank gefüllt gewesen sein, wurde aber auf Jamaika entladen. Darüber hinaus, so berichten Zeitzeugen, übergaben Deutsche aus Mexiko, beunruhigt durch die Revolution, ihre Wertsachen der «Dresden» mit der Bitte, für ein sicheres Depot in der Heimat zu sorgen, denn dorthin sollte das Schiff (so sein Befehl) zurückkehren. Die Ablösung war in Gestalt der «Karlsruhe» bereits eingetroffen.
Um diesen Schatz ranken sich bis heute Gerüchte, und so manche Tauchexpedition (legal oder auch nicht), versuchte ihn aufzuspüren.
Die Dresden nahm zunächst in der Tat Kurs auf die Azoren, erhielt aber schon nach kurzer Zeit die Nachricht: Kriegsausbruch – nicht zurückkehren – Kreuzerkrieg führen, was Kapitän Lüdecke dann auch tat.
Sein Operationsgebiet war die Ostküste Südamerikas, also vor allen die Störung des Handels vom Rio de la Plata nach England. In der Rückschau kann man diese Mission mit nur vier aufgebrachten Schiffen nicht als sehr erfolgreich bezeichnen, aber der Kreuzer legte mit seiner bloßen Präsenz einen Großteil des zivilen Schiffsverkehrs lahm, außerdem band er Teile der britischen Flotte.

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Zum Scheitern verurteilt
Die «Dresden» und die «Leipzig» (von der amerikanischen Westküste kommend) vereinigten sich dann zum ersten Mal in chilenischem Seegebiet mit dem Ostasiengeschwader unter Führung von Vizeadmiral Graf Spee. Zwölf Schiffe, die Versorger mitgerechnet, trafen sich vor der Osterinsel vom 12. bis 18. Oktober 1914, versorgten sich aus den Tross-Schiffen mit Kohlen und mit Proviant von der Insel, ironischerweise von der dortigen britischen Farm der Familie Williamson & Balfour, deren Verwalter vom Kriegsausbruch noch nichts wusste.
Die nächsten beiden Kapitel in der Geschichte der «Dresden» sind Allgemeingut in Chile und könnten gegensätzlicher nicht sein: Zunächst die siegreiche Schlacht gegen die etwa gleich starken Engländer vor Coronel, dann die vernichtende Niederlage vor Falkland, der Untergang der gesamten Graf-Spee-Flotte mit Ausnahme des «Kleinen Kreuzers Dresden».
Noch immer rätseln die Historiker, warum von Spee die nicht kampfbereiten und mit «Kohlen» beschäftigten Engländer in Port Stanley nicht angriff. War es eine Art Gentleman-Verhalten? Widersprach ein Angriff auf einen (teilweise) wehrlosen Gegner nicht seinem Verständnis von ritterlichem Schlagabtausch? Oder war die Lage für ihn einfach zu unübersichtlich?
Die «Dresden» versteckte sich in den Chilenischen Fjorden, versorgte sich unter anderem aus dem Tross-Schiff «Sierra Córdoba», das der deutsche Lotse Albert Pagels in die Verstecke führte, die er zuvor ausgekundschaftet hatte. Aber dieses Versteckspiel vor der immer zahlreicheren britischen Flotte (die nun auch noch japanische Hilfe herbeirief) war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ohne sicheren Nachschub an Kohle, Proviant und vor allem Ersatzteilen konnte kein Auslandskreuzer lange durchhalten.
Die erstaunlich einfallsreiche Hilfe der deutsch Landsleute, deren «Liebesgaben», aber auch deren Hilfe bei Reparaturen, haben letztlich das unausweichliche Ende nur herausgezögert: Die «Dresden» endete, ohne Kohlen, mit geschundenen Maschinen und ausgelaugter Mannschaft in der Cumberland-Bucht vor Más-a-Tierra, wie die Robinson-Crusoe-Insel bis 1966 hieß. Sie versenkte sich unter dem Beschuss von drei englischen Kriegsschiffen selbst und liegt heute in 68 Meter Tiefe als Monumento National.

Dr. Rüdiger May

 

Den Engländern mit englischer Technologie entkommen

Der «Kleine Kreuzer Dresden» war das erste deutsche Kriegsschiff, das nicht mit den in dieser Epoche üblichen 3- oder 4-Zylinder-Expansions-Dampfmaschinen ausgerüstet war, sondern mit Dampfturbinen. Diese völlig neue Technologie beherrschten die Deutschen noch nicht, die Turbinen kamen aus England.
Und das ging so: Bereits 1884 hatte Charles Parson seine Erfindung zum Patent angemeldet, aber im Schiffsbau und vor allem bei der königlichen Marine wollte man nichts von ihm wissen. Er ging deshalb aufs Ganze. Seine Yacht «Turbinia» fuhr unangemeldet in einer Flottenparade vor Spithead mit, mit der das Diamantene Thronjubiläum von Königin Victoria (übrigens die Großmutter des deutschen «Marine-Kaisers» Wilhelm II.) gefeiert wurde. Einer der Höhepunkte sollte die Wettfahrt der Kriegsschiffe sein. Als diese begann, scherte die Turbine aus und fuhr als schnellstes Schiff durchs Ziel, gejagt von den frustrierten königlichen Marineschiffen.
Die Marine kam nun nicht umhin, Schiffe mit Turbinentechnik zu ordern, zunächst zwei, die «Cobra» und die «Viper». Beide gingen kurz nach Indienststellung zu Bruch, aber die Tauglichkeit von Turbinen war bewiesen, übrigens auch im Passagierdampfer-Bereich, wo die «Mauretania» und die «Lusitania» der White Star Line zuerst so ausgestattet wurden.
Offenbar unbehelligt von britischen Autoritäten gründete Parson 1903 eine deutsche Parson Marine AG (in Zusammenarbeit mit BBC) und konnte schon bald zwei Turbinen mit 5.000 beziehungsweise 10.000 PS Leistung an deutsche Werften absetzen. Der Anfang war gemacht.
Die Dresden lief mit den zwei bei Blohm & Voss in Hamburg montierten Parson-Turbinensätzen, die Dampf aus zwölf Kesseln erhielten, immerhin 25,2 Knoten, brachte es aber bei den Verfolgungsfahrten nach Mannschaftsberichten auf bis zu 28 Knoten. Damit war sie nicht nur ihren Verfolgern nach der Falkland-Schlacht davon gefahren, sondern auch dem Kreuzer «Kent», der sie später vor Chile aufstöberte.

 

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Eine Ausstellung über den «Kleinen Kreuzer Dresden»

Der Deutsch-Chilenische Bund (DCB) wird Anfang November in Santiago eine Ausstellung über den «Kleinen Kreuzer Dresden» eröffnen, die nach einigen Tagen in den Süden geht und dort unter anderem in Punta Arenas, Puerto Montt, Concepción, später dann in Valparaíso zu sehen sein wird. Mitte März wird die Ausstellung anlässlich des Gedenkens an den 100. Jahrestag der Versenkung des Schiffes auf der Robinson-Crusoe-Insel zu sehen sein. Dort wird sie verbleiben und später in das neue Museum – das alte ist dem Tsunami von 2010 zum Opfer gefallen – der Insel integriert.
Die Ausstellung zeigt einige Original-Exponate der «Dresden», Bücher, Handschriften und Druckerzeugnisse aus der Zeit der Internierung der «Dresden»-Mannschaft auf Quiriquina (1915 bis 1919), sowie – als Hauptteil in Form von Schautafeln – die Geschichte des Schiffes vom Bau bis zu ihrem Untergang in allen wichtigen Phasen. In vielen Städten wird die Ausstellung von Vorträgen begleitet.

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