«Das LBI ist eine Gemeinschaftsaufgabe»

4197_p16_1

Alban Schraut wurde 1962 in Würzburg, Bayern, als ältestes von fünf Kindern in eine traditionsreiche Bäckerfamilie hineingeboren. Dies war auch der Grund, warum er nach Abitur und Bundeswehr eine Bäckerlehre absolvierte. Doch dann entschied er sich dafür, Lehrer zu werden.

Nach dem Studium unterrichtete er 14 Jahre lang als Volksschullehrer und absolvierte nebenberuflich ein Magisterstudium in Pädagogik und Geografie. Zudem erwarb er berufsbegleitend das Montessori- sowie das allgemeine reformpädagogische Diplom. Ab 2003 war er als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Schulpädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg tätig und promovierte im Bereich Historische Bildungsforschung.

Im Februar 2008 kam er mit Ehefrau Maren und vier Kindern nach Chile, wo ihm das Rektorenamt des Deutschen Lehrerbildungsinstituts (LBI) Wilhelm von Humboldt anvertraut worden war. 2008 und 2011 wurden zwei weitere Kinder als «echte Chilenen» in Santiago geboren. Nach maximaler Laufzeit von achteinhalb Jahren endete sein Arbeitsvertrag im Juli und die Familie kehrt nach Deutschland zurück.

 

Cóndor: Was hat Ihnen am meisten in Chile gefallen?

Alban Schraut: Das LBI und die Natur: Die Arbeit am LBI hat mir sehr viel Freude bereitet, wir haben als Team, so denke ich, gute und wegweisende Arbeit geleistet. Das LBI ist eine Gemeinschaftsaufgabe – und diese Aufgabe hat mir sehr gefallen. Und es war die grandiose Natur hier, die mich in den Bann gezogen hat: die Kordillere, die Vulkane, die Wüste, der Pazifik, die Seen, insbesondere jedoch der grüne Süden und Patagonien.

 

Was am wenigsten?

Mit den Erdbeben in Chile und dem Smog in Santiago konnte ich mich nicht anfreunden. Man könnte sich – wie in jedem Land – über vieles ärgern. Doch mir hat einmal jemand folgenden Tipp gegeben: «Bevor ich mich aufrege, ist es mir lieber egal.» Im Ernst: Ich – und sicherlich auch die Leser des Cóndors – dürfen trotz aller kleiner Widernisse glücklich sein, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, zum Beispiel im Vergleich mit den Kindern und Familien an den LBI-Praktikumsschulen in der Población; im Bewusstsein dessen relativiert sich vieles!

 

Was haben Sie über das deutsche Schulwesen in Chile gelernt?

Ich habe gelernt, dass die Deutschen Schulen in Chile traditionsreiche Schulen mit einer rund 150-jährigen Geschichte sind und zu den besten Bildungseinrichtungen des Landes mit Beispielcharakter gehören. Wenn man in der LBI-Bibliothek oder dem Emil-Held-Archiv stöbert, kann man in Zeitungsberichten, Schulschriften und sonstigen Dokumenten das bemerkenswerte innovative Potential dieser Schulen entdecken, das die chilenische Schullandschaft seit circa 1860 nachhaltig beeinflusst: Kindergarten, Koedukation, Musik, Chor, Schulkonzerte, Theater, Sport, Exkursionen, die Schullandheimidee, die Schüleraustausche, die erste Schülerkrankenversicherung, die didaktische Arbeit und jetzt seit drei Jahren der Fahrradführerschein – und vieles mehr, all das haben die Deutschen Schulen seit dieser Zeit beispielhaft in Chile implementiert, was übrigens eifrig von anderen Schulen kopiert wird! Auch die akademische Lehrerbildung in Chile ist 1889 durch deutschsprachige Professoren mit dem «Instituto Pedagógico» begründet worden; der «Campus LBI» ist quasi ein Urenkel dieser ersten Pädagogischen Hochschule mit pädagogischem Personal und einer Bildungsidee aus Deutschland.

 

Welches war das wichtigste Ziel, das Sie am LBI erreicht haben?

Das LBI trägt den Namen «Wilhelm von Humboldt». Und wenn «Humboldt» draufsteht, muss auch «Humboldt» drin sein. Er war der Gründer eines neuen Universitätstypus, bei dem selbstständig gelehrt, gelernt, geforscht wird. Folgerichtig war das wichtigste Ziel, akademische Expertise zu erlangen und selbst eine universitäre Einrichtung zu werden. Wir konnten aus der Not der hiesigen hochschulpolitischen Umstände, die dem LBI 2014 unzweifelhaft die Existenz geraubt hätten, eine Tugend machen und die deutschsprachige Lehrerbildung als universitäre Einrichtung am «Campus Humboldt, Escuela de Pedagogías en Alemán» der Universität Talca langfristig fest verankern.

 

Wie kam das LBI darauf, gerade mit der Universität Talca zu kooperieren?

Die Deutschen Schulen forderten 2009 vom LBI sehr dringend die Ausbildung von DaF-Oberstufenlehrern (DaF=Deutsch als Fremdsprache). Wir fragten daraufhin an einigen Universitäten an, ob sie diesen Studiengang mit Hilfe unserer Expertise einrichten wollten, erhielten jedoch stets Absagen. Im September 2012 baten wir den damaligen Erziehungsminister Prof. Dr. Harald Beyer bei einer Audienz im Mineduc um Hilfe. Beyer riet uns, entweder selbst Universität zu werden oder aber «mit einer guten CRUCH-Universität» zu kooperieren. Auf Nachfrage beim DAAD, welche dieser Einrichtungen besonders eng mit Deutschland kooperieren würde und dokumentenbasiert hohe akademische Expertise vorweisen könne, nannte man uns die Universität Talca.

So nahmen wir Mitte 2013 Kontakt mit Rektor Prof. Dr. Álvaro Rojas auf und wollten an dieser Universität also ursprünglich nur die Oberstufenausbildung implementieren. Aufgrund der unvorhergesehenen hochschulpolitischen Maßnahmen des Mineduc, die das «Aus» für das LBI bedeutet hätten, konnten wir durch den 2015 geschlossenen Vertrag die gesamte Bildungskette von frühkindlicher Pädagogik über das Grundschul- bis zum Oberstufenlehramt akademisch unter das Dach der Universität Talca bringen – und das LBI damit vor der Schließung bewahren.

Dieser Tag ist sicherlich ein historischer und glücklicher Tag für das LBI, für die deutschsprachige Lehrerausbildung, für die Deutschen Schulen in Chile – und, langfristig gesehen, sicherlich darüber hinaus auch für alle Deutschen Schulen Lateinamerikas! Denn mit dem gerade eingerichteten «Año Pedagógico» können Studierende aus ganz Lateinamerika unter bestimmten Voraussetzungen in einem onlinebasierten Studium in nur einem Jahr den Titel des DaF-Oberstufenlehrers erwerben!

 

Was glauben Sie, wird über Sie als ehemaliger Rektor des LBI später einmal gesagt werden?

(lacht): «…war das nicht der mit dem fränkischen Stehkragenhemd und dem Akkordeon…?!»

 

Was werden Sie vermissen?

Ich werde sicherlich die LBI-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermissen, die mir ans Herz gewachsen sind, die freudvolle pädagogische Aus- und Fortbildungsarbeit mit den Studierenden, Erzieherinnen und Lehrkräften – sowie die herrliche Natur. Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am LBI, die weit über das alltägliche Maß hinaus Großartiges leisten, möchte ich mich sehr herzlich bedanken – wie auch bei den vielen Institutionen, die die Arbeit des LBI unterstützt haben.

 

Was sind Ihre neuen Herausforderungen? 

Nach achteinhalb Jahren in Deutschland als Familie wieder heimisch zu werden, das wird schon eine größere Herausforderung darstellen. Das heutige Deutschland wird nicht mehr das sein, das wir 2008 verlassen haben – es hat sich dort viel verändert und auch wir haben uns durch den Aufenthalt in Chile verändert. Schließlich, vielleicht die größte Herausforderung, müssen, wollen – und dürfen – unsere Kinder, meine Ehefrau und ich wieder Fuß fassen in einem völlig anderen Schulsystem. Schauen wir mal, wohin es uns verschlagen wird. Wir sind gespannt und freuen uns sehr auf den neuen Lebensabschnitt.

Wir bedanken uns für das Gespräch, Herr Schraut. Die Fragen stellte Petra Wilken.

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*