«Das 100. Jubiläum gebührend und im großen Stil feiern»

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Juan Pablo Hess ist vor Kurzem für ein drittes Jahr zum Präsidenten der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer (Camchal) gewählt worden. In diesem Jahr ist das eine ganz besondere Ehre, denn die Auslandshandelskammer feiert ihren 100. Geburtstag.

Von Petra Wilken

Der Chilene deutscher Abstammung ist in Osorno groß geworden. Er besuchte die Deutsche Schule und ging mit 17 für ein Jahr zum Austausch in die USA. Zwei Jahre nach seinem Abschluss als Diplom-Kaufmann an der Universidad Católica begann er 1988 seine Karriere bei Langton Clarke. Aus der Firma ging nach mehreren Transformationen Ernst & Young hervor, ein global operierendes Netzwerk von unabhängigen Unternehmen der Wirtschaftsprüfung sowie Steuer- und Unternehmensberatung. Heute heißt das Unternehmen, das weltweit zu den vier größten in seiner Branche zählt, schlicht EY.

Die Firma schickte ihn von 1989 bis 1992 nach Frankfurt am Main. Von dort aus fuhr er regelmäßig nach Guben an der polnischen Grenze, wo die Treuhand-Vereinigung den Auftrag hatte, die Eröffnungsbilanzen eines Chemiefaserwerks nach den Prinzipien des westdeutschen Handelsgesetzbuches zu überprüfen. Das Werk, das vor der Wende 8.000 Beschäftigte hatte, wurde später von Hoechst übernommen.

Nach seiner Rückkehr aus Deutschland stieg Hess als Partner bei EY ein. Seit 28 Jahren ist er nun dort tätig, mit Schwerpunkt Wirtschaftsprüfungen. Inzwischen sind seine beiden Kinder groß geworden – seine Tochter ist 21 und sein Sohn 16. Immer, wenn es sich einrichten lässt, zieht es Hess in Richtung Osorno, wo er in Purranque einen Landsitz hat.

Seit der Rückkehr ist er zudem bei der Camchal aktiv. Seit 2010 gehört er dem Vorstand an, übte das Amt des Schatzmeisters aus und steht der Kammer seit 2015 als Präsident vor.

 

Cóndor: Wie bewerten Sie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Chile?

Juan Pablo Hess: Die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Chile haben ein gutes Niveau, auch wenn sie aufgrund der wirtschaftlichen Konjunktur im Moment ein wenig beeinträchtigt und unter dem Peak von 2013 zurückgeblieben sind. Chile ist zurzeit durch die niedrigen Preise für die Commodities (hauptsächlich Rohstoffe ohne tiefere Wertschöpfung, Anm. d. Red.) betroffen. Zudem wirkt sich auch die generelle wirtschaftliche Situation aus. So sind auch die Importe aus Deutschland gefallen. Wir importieren aus Deutschland hauptsächlich Investitionsgüter, Maschinen, Kraftfahrzeuge und chemische Produkte.

 

Welches sind die wichtigsten Zukunfts-Branchen?

Um diese Frage zu beantworten, kann ich die strategischen Themen der Camchal nennen: Das sind Innovation und Technologietransfer, berufliche Aus- und Weiterbildung, Energie und Umwelt sowie Bergbau und Rohstoffe.

 

Welchen Beitrag leistet die Camchal dabei?

Das Ziel der Kammer ist es, die Handelsbeziehungen über die traditionellen Produkte hinaus zu fördern. Das heißt, dass sie sich um den Transfer von Technologie und Know-how kümmert. Sie arbeitet daran, dass mehr Wissen nach Chile kommt. Gerade in den Branchen Erneuerbare Energien und Bergbau wird High Tech aus Deutschland importiert.

Dabei ist es auch notwendig zu lernen, wie sie angewendet wird. So fördert die Kammer konkret die Anpassung von dualen Berufsbildungselementen, die für die chilenischen Produktionsprozesse von Bedeutung sind. Der Beitrag der Camchal in diesen Bereichen ist in Fachkreisen sehr anerkannt und geschätzt. Dazu kommt die Vertretung der internationalen Messen, bei denen Deutschland weltweit führend ist.

Die Deutsch-Chilenische Industrie- und Handelskammer unterscheidet sich von anderen bi-nationalen Kammern dadurch, dass sie nicht nur den Warenaustausch unterstützt, sondern auch den Wissenstransfer. Sie ist übrigens mit 630 Mitgliedern die größte binationale Kammer Chiles.

 

Wie steht es um Industrie 4.0 in Chile?

Die Anwendung von digital gesteuerten Fertigungsprozessen ist auch für Chile äußerst wichtig. Auch wenn wir hier noch an den Anfängen stehen, so wird doch schon jetzt ferngesteuertes Monitoring in einigen Prozessen angewandt. Es gibt bereits Technologiepartnerschaften.

Ein Beispiel ist die Kooperation der deutschen Firma Kuka mit MIRS – Robotica Industrial para la Minería – in Chile. Sie haben Roboter-Technologie für den chilenischen Bergbau entwickelt und sind dafür auch von unserer Kammer als Mitglied des Jahres ausgezeichnet worden. Die Camchal spielt eine wichtige Rolle bei der Kontaktvermittlung  zwischen hiesigen und deutschen Unternehmen.

 

Wie sehen Sie die Zukunft der wirtschaftlichen Situation in Chile?

Im Jahr 2016 haben wir niedrige Investitionen aufgrund der Ungewissheit der Arbeitsmarktreform und der Situation der Rohstoffpreise. Vermutlich wird 2017 auch noch ein schwieriges Jahr werden. Deshalb ist es so wichtig, wie die Camchal immer wieder betont, eine höhere Wertschöpfung in der Produktion zu schaffen. Die chilenische Industrie hat keine andere Alternative als sich um eine Erhöhung der Produktivität zu kümmern, um in Lateinamerika weiter wettbewerbsfähig zu bleiben. Weiter zu machen wie bisher hilft uns nicht. Wir müssen dafür sorgen, dass die chilenischen Arbeiter in Zukunft eine bessere Arbeit und damit eine bessere Lebensqualität haben – im weitesten Sinne des Wortes.

 

Die CAMCHAL wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Wie wird sie das feiern?

Ein 100. Jubiläum ist für jede Institution ein extrem wichtiger Meilenstein. So werden wir das gebührend und im großen Stil feiern. Ich möchte dazu anmerken, dass es mehrere deutsche Einrichtungen in Chile gibt, die in diesem Jahr 100 Jahre alt werden. Wir werden die Ehre haben, dass Bundespräsident Joachim Gauck in unserem Jubiläumsjahr nach Chile kommt und uns bei einer unserer Feierlichkeiten begleiten wird.

Im Juni wird der beliebte Wintermarkt im Club Manquehue ganz im Zeichen der 100-Jahrfeier stehen und besondere Überraschungen bereithalten. Die zentrale Feier ist eine große Gala am 4. August mit dem berühmten chilenischen Pianisten Alfredo Perl. Dieses Event ist eine geschlossene Veranstaltung für die Mitglieder der Kammer.

Dafür freuen wir uns, wenn am 4. September Tausende mit uns feiern. Denn da werden wir einen Familien-«Marathon» durch das deutsche Viertel in Vitacura veranstalten. Dazu sind schon jetzt alle eingeladen. Den Abschluss werden die Deutsch-Chilenischen Wirtschaftstage am 4. Oktober bilden.

 

Herr Hess, wir bedanken uns für das Gespräch.

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