In Chile gestrandet

Nach dem Untergang wurde die Besatzung der «Dresden» auf der Insel Quiriquina vor Talcahuano interniert. Doch nicht alle 350 Männer kehrten nach Ende des Ersten Weltkriegs nach Deutschland zurück.

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Die Mannschaft der „Dresden“ während der Internierung auf der Insel Quiriquina

 

Die Selbstversenkung der «Dresden» am 14. März 1915 lief offenbar unter großer Hektik ab. Hals über Kopf sprangen die Matrosen ins Wasser der Cumberlandbucht und schwammen an die Küste. Für einige von ihnen sollte diese Strandung das Leben nachhaltig verändern: Schätzungsweise 60 Deutsche wählten Chile zur neuen Heimat.
Die schillerndste Geschichte darunter ist wohl die von Hugo Weber, eine Art zweiter Robinson Crusoe. Er gewann das Eiland lieb und kehrte 1931 zum Juan-Fernández-Archipel zurück, wo er Früchte und Gemüse anbaute sowie Blumen züchtete. Weber untersuchte Pflanzen und schickte seine gewonnenen Erkenntnisse an Fachzeitschriften in Deutschland, die seine Artikel veröffentlichten. Über eine Zeitungsanzeige fand er sogar eine deutsche Frau zum Heiraten.
Ganze vier Jahre lang verbrachte die Besatzung der «Dresden» auf Quiriquina, hielt Hühner und Kühe und legte Gärten an. Das Internierungslager war anscheinend nur schlecht bewacht: Mit Hilfe von Deutsch-Chilenen gelang Wilhelm Canaris – dem späteren Leiter des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht – die Flucht über Argentinien und erreichte im Oktober 1915 Hamburg. Doch andere blieben auch nach der Wiedererlangung der Freiheit in Chile und wurden in der Umgebung von Talcahuano und Concepción sesshaft.
So zum Beispiel Christian Koch in Penco und German Richler in Los Ángeles. Eine Gruppe zog es nach Contulmo, wo deutsche Kolonisten sich 1884 niedergelassen hatten und die «Schiffbrüchigen» mit offenen Armen empfingen.
Die Nachfahren dieser Männer leben noch heute in Chile. Patricio Biesler ist der Sohn eines Seemanns der «Dresden», der später als Orthopäde hierzulande tätig war. Melitha Krause ist die Tochter eines Unteroffiziers und lebt heute mit ihrer Familie in Concón. Zusammen mit Alex Schüssler und Manfred Boegel, weitere Nachfahren von Besatzungsmitgliedern der «Dresden», war Melitha Krause bei der aktuellen Gedenkfeier auf der Robinson-Crusoe-Insel anwesend.
Patricia und Rodolfo Valenzuela wiederum, Enkelkinder von Karl Wagner Rettig, sind im Besitz von einem ganz besondern Relikt ihres Großvaters: Der damals 17-jährige Matrose schnappte sich das offizielle Banner der «Dresden», bevor er ins Wasser sprang, um sich von dem untergehenden Schiff zu retten. Zusammen mit seiner Matrosenmütze hüten die Enkel dieses Stück als ein Symbol der eigenen Familiengeschichte.

Ungelöste Rätsel


Hatte die «Dresden» nun einen Schatz an Bord oder nicht? Und wenn ja, wo könnte der versteckt sein?
Bis heute ranken sich Mythen um die abenteuerliche Irrfahrt des deutschen Kriegsschiffes durch chilenische Fjorde und dessen Versteck in der Meeresbucht Quintupeu. An dieser Stelle auf Höhe der Insel Chiloé in der Nähe der Ortschaft Hornopirén soll die «Dresden» angeblich gelegen und vielleicht nicht nur Reparaturen vorgenommen, sondern auch einen Schatz versteckt haben. Dieser könnte noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Mexiko an Bord gelangt sein, als sich das Schiff im mexikanischen Veracruz befand. Dort herrschte zu der Zeit Bürgerkrieg. Im Juli 1914 brachte die «Dresden» den mexikanischen Präsidenten Victoriano Huerta nach Jamaika ins Exil. Und so geht das Gerücht um, dass deutsche Bürger in Mexiko damals ihre Wertgegenstände sowie Gold auf dem Schiff in Sicherheit bringen ließen. Eine andere Variante: Beim Schatz handelt es sich vielmehr um das Vermögen Huertas. Handfeste Belege für solche Behauptungen gibt es allerdings nicht, in den Logbüchern findet sich kein Eintrag über Quintupeu. Vielleicht ging ein möglicher Schatz schon viel früher in Punta Arenas von Bord? Für den Geschichtsexperten Dr. Rüdiger May stellen sich aber noch andere Fragen. War es die deutsche Familie Oelckers mit ihrer Werkstatt, die auf der Insel Tenglo südlich von Puerto Montt die Kessel der «Dresden» reparierte? Und wohin verschwand eigentlich das kleine Beiboot, mit dem damals Adjutant Wilhelm Canaris zu den englischen Kriegsschiffen geschickt wurde, um zu verhandeln? Diese Dampfpinasse ging offenbar nicht mit der «Dresden» unter. Fragen, Rätsel und Mythen. Und manche Antwort mag 60 Meter tief unter der Meeresoberfläche verborgen in dem Wrack der «Dresden» liegen.4129_p10c

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