Camchal-Projekt: Reintegration von jugendlichen Straftätern

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Feierstunde in der geschlossenen Justizvollzugsanstalt für Minderjährige in Til Til: Zwölf Häftlinge erhalten Mitte März ihr Abschlusszertifikat «ProfilPASS». Ein Team der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer (Camchal) hatte mit ihnen in einem Pilotprojekt gearbeitet, das ihre soziale Wiedereingliederung in die Gesellschaft erleichtern soll.

Von Petra Wilken

Das Gefängnis in Til Til wird keinem Klischee gerecht. Es ist weder hoffnungslos überbelegt, noch sehen die Installationen baufällig aus. Von Weitem könnte die 2012 eingeweihte Anstalt mit einer der vielen modernen Industrieanlagen in den Außenbezirken von Santiago verwechselt werden. Nicht einmal ein besonders hoher Stahlzaun weist darauf hin, dass dies ein Gefängnis mit einer Kapazität für 100 Insassen ist. Im Moment sitzen nur etwas mehr als 60 ein.

«Gefängnis dürfen wir auf keinen Fall sagen», mahnt Rosemarie Vetter, Leiterin des Bereiches Aus- und Weiterbildung der Camchal, auf der Hinfahrt im Auto. Die Mitarbeiter der Auslandshandelskammer kennen sich im offiziellen «Wording» nicht so aus, schließlich haben sie nicht jeden Tag ein Projekt in einem «geschlossenen Zentrum», wie die offizielle Bezeichnung auf Deutsch wäre. Gefangene oder jugendliche Straftäter ist auch nicht politisch korrekt. «Jugendliche, die ihrer Freiheit entzogen sind», sollen sie genannt werden.

Dem Servicio Nacional de Menores (Sename) sind diese Wortbildungen wichtig, auch wenn sie euphemistisch erscheinen und die Realität zu beschönigen versuchen. Die Institution ist darauf bedacht, Stigmatisierungen zu vermeiden. Schließlich hat sie den staatlichen Auftrag, Kinder und Jugendliche zu schützen, und wenn sie straffällig werden, hat sie die Aufgabe dafür zu sorgen, dass ihnen nach Ablauf ihrer Strafe die Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglicht wird.

Im Jahr 2007 ist in Chile das Gesetz «Responsabilidad Penal Adolescente» in Kraft getreten, nach dem Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren zu Gefängnisstrafen verurteilt werden können. Nach fast zehn Jahren Erfahrung mit dieser Rechtsprechung gibt es immer wieder Kritik, insbesondere wegen der hohen Zahl von Rückfällen und der gescheiterten Reintegration der Jugendlichen.

«Die Mitarbeiter in Til Til haben uns nicht gerade viel Mut gemacht. Sie glaubten nicht, dass die Jugendlichen unseren Kurs schaffen würden», erzählt Mauricio Reyes, Sozialwissenschaftler aus dem Camchal-Team. Es sei typisch, dass sie nach ein paar Stunden wieder aufgeben würden, wurde ihnen gesagt. Sie könnten sich nicht lange genug konzentrieren. Zudem fand der ProfilPASS-Kurs im Dezember statt – eine Zeit, in der sich die Gefangenen besonders intensiv an ihre Familien erinnern und daher sensibel reagieren könnten.    

Nichts von alldem passierte. Die Jungen waren begeistert bei der Sache. Mit der Zeit entstand zwischen ihnen und den Mitarbeitern – Soziologen, Psychologen und Sozialarbeitern von Camchal und der chilenischen Stiftung Proyecto B – sogar eine emotionale Bindung. Für Mauricio Reyes hatte das zwei Gründe: Zum einen lag es an der Qualität der antizipativen Methode ProfilPASS und zum anderen daran, dass das Team für die Häftlinge die Freiheit symbolisierte. Sie kamen von außen und gehörten weder Sename noch der Gendarmerie an, die sie als Teil ihrer Strafe wahrnehmen würden.   

Der ProfilPASS ist vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entwickelt worden. Er ist nicht speziell auf Straftäter ausgerichtet, sondern dient generell der beruflichen Orientierung von Jugendlichen und Erwachsenen. Das Innovative an der Methodik ist, dass sie nicht nur formal erworbene Kenntnisse wie einen Schulabschluss und die berufliche Ausbildung und Laufbahn systematisch dokumentiert, sondern auch Kompetenzen sichtbar macht, die im Familien- und Freundeskreis oder durch Freizeitaktivitäten erworben worden sind.

Inzwischen gehört die Analysemethode zu den deutschen Exportschlagern. So wendet sie das DIE seit 2013 mit sechs europäischen Partnern an. Allein in Deutschland gibt es 3.500 zertifizierte Berater. Die hiesige Handelskammer ließ 2015 ein Team von externen und festen Mitarbeitern zertifizieren, da sie ihre Initiativen im Bereich der Förderung des lebenslangen Lernens ergänzten. Dazu gehören Aktivitäten zur Förderung der beruflichen Qualifizierung und speziell der technischen und dualen Ausbildung. 

Mit der Arbeit mit Straftätern hatte bisher niemand vom Team der Camchal Erfahrungen gemacht. Sie begaben sich auf dieses Neuland, weil es Sename als Chance erschien, die Profile, Talente und Erwartungen der jungen Häftlinge zu erheben, um Fortbildungsangebote zielgerechter gestalten zu können und dazu Camchal und Proyecto B unter Vertrag nahmen. Eine positive Begleiterscheinung war zudem, dass die Methode sich als ausgesprochen motivierend erwies.

«Ich hätte mir nie vorgestellt, dass ich alle diese Kompetenzen habe», sagt Brian. «Mir ist mein Durchhaltevermögen bewusst geworden, das ich trotz aller Hindernisse in meinem Leben habe», resümiert Gabriel. «Vorher habe ich gedacht, ich würde hierbleiben. Aber jetzt habe ich gelernt, dass ich draußen Chancen habe», so Patricio (Namen von der Redaktion geändert). Ein anderer Häftling erzählt, dass er Soziologie an einer Universität studieren möchte. Zudem will er Englisch lernen.

Inzwischen füllt sich die Turnhalle langsam. Immer mehr Mitarbeiter von Sename und der Gendarmerie kommen hinzu. Dann kommen auch die zwölf herein, die heute gefeiert werden. Sie begrüßen freudig die Betreuerinnen und Betreuer ihres Kurses und setzen sich mit ihnen zusammen hin. Es ist ihnen anzumerken, dass sie heute stolz auf sich sind. Sie stellen sich den Fragen der Presse und sind einverstanden, als sie gefragt werden, ob sie fotografiert werden dürfen. Die Pressesprecherin von Sename muss jedoch eingreifen. Die Häftlinge sind als Minderjährige besonders geschützt. Ihre Eltern müssten für Fotos schriftlich ihr Einverständnis geben.

«Es war für uns sehr motivierend, wenn unsere Teammitglieder aus Til Til zurückkamen und von euren Fortschritten erzählten», wendet sich Cornelia Sonnenberg, Hauptgeschäftsführerin der Camchal in ihrer Rede an die Teilnehmer. «Wir wollen deshalb weitermachen, damit diese Initiative überall in Chile angewendet kann». Im Januar hat die Kammer dazu bereits 40 Mitarbeiter von Sename aus allen Regionen fortgebildet und als ProfilPASS-Berater zertifiziert.

Auf der Rückfahrt nach Santiago fällt auf, dass niemand über die Delikte gesprochen hat, die die Kursteilnehmer begangen haben. «Einige von ihnen haben jemanden umgebracht. Im Streit, sie waren 13 oder 14», sagt Reyes. Betretene Stille im Auto. «Viele sind Überlebende», erklärt Lorena Olivares, die als Projektmanagerin das Programm geleitet hat. Wie meint sie das? «Sie mussten schon als Kinder ihre Geschwister ernähren, die Eltern waren drogenabhängig, zum Beispiel».

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