«Bloß kein Ipad für Babys»

Dr. Manfred Spitzer ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, wo er das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen leitet. Er hat mehrere Bücher über die Erkenntnisse der Gehirnforschung veröffentlicht: «Lernen» (2002) und «Digitale Demenz» (2012). Beim DCB-Symposium «Educación – Formación – Bildung» hielt er mehrere Vorträge zu diesen Themen in Santiago, Concepción und Frutillar.

 

4108_p6_2

 

Cóndor: Herr Dr. Spitzer, Sie stoßen in Deutschland auf viel Abwehr mit Ihrem Buch «Digitale Demenz».
Dr. Manfred Spitzer: Das Buch ist ein Bestseller. In Deutschland sind 200.000 Exemplare verkauft worden, jedermann verwendet heute den Begriff «digitale Demenz». Es gibt es auf Spanisch, Holländisch, Norwegisch, Tschechisch, Koreanisch, Japanisch und in zwei chinesischen Ausgaben. Auf Englisch ist es hingegen nicht erschienen. Die Gegner des Buches sind die Politiker und die Pädagogik-Professoren. Mir sind eine Million Euro an Sponsorengeldern gestrichen worden. Hingegen die Lehrer und diejenigen, die direkt mit Bildung und der Erziehung von Kindern zu tun haben, sagen mir: ´Weiter so. Es ist so wichtig, was Sie sagen´.

Ihre Gegner kontern, bei der Erfindung des Autos sei auch davor gewarnt worden.
Das ist ein gutes Beispiel! Würden wir 14-Jährige Auto fahren lassen? Nein. Wir würden sagen, das ist gefährlich. Eine Altersbeschränkung für Computernutzung wäre überlegenswert. Im Mittelalter sind den Kindern mit Alkohol getränkte Läppchen gegeben worden. Warum? Um sie still zu halten. Heute sagen wir: Wie konnten sie das tun? Das macht doch süchtig und das Gehirn kaputt. Nun machen wir dasselbe mit unseren Kindern und Jugendlichen, obwohl wir durch die Gehirnforschung inzwischen wissen, dass es ihnen schadet.

Sie sind gegen Computernutzung in der Schule?
Alle Untersuchungen haben gezeigt, dass der Einsatz von Computern in der Schule nicht das Lernen gefördert hat. Mit Glück hat er nicht geschadet. Stellen Sie sich vor, in Deutschland gibt es eine Diskussion darüber, die Schreibschrift abzuschaffen.

Wie schadet die Computer- und Handynutzung den Kindern und Jugendlichen?
Wir machen das Gehirn der nächsten Generation kaputt. Sie werden abgelenkt, das Gehirn lernt weniger und sie werden süchtig. In Korea sind 20 Prozent der Jugendlichen Smartphone süchtig. Dort gibt es eine Kampagne, die heißt «1-1-1»: Sie wirbt dafür, einmal pro Woche eine Stunde lang das Smartphone auszuschalten. In Deutschland gibt es keine Statistiken über Smartphone-Sucht.

Was sind Ihre Empfehlungen an Eltern und Lehrer?
Die Dosis macht das Gift. Erstens: Junge Menschen nicht in digitale Medien einführen. Zweitens: Keine Computernutzung in den Schulen. Drittens: So wenig wie möglich Fernsehen. Je jünger die Kinder, desto größer die Nebenwirkungen. Und: Bloß kein Ipad für Babys.

Herr Dr. Spitzer, wir bedanken uns für das Gespräch.

Die Fragen stellte Petra Wilken.

 

 

DCB-Symposium mit Vortrag übers Lernen
Schulnoten durch Gehirndichte-Messungen ersetzen

Laut Dr. Manfred Spitzer hinkt der Vergleich zwischen Computer und menschlichem Gehirn: Während der Computer nicht mehr funktioniert, wenn die Festplatte voll ist, passt umso mehr ins Gehirn, je mehr schon drin ist. «Wie wir lernen» erklärte der deutsche Psychiater, Psychologe und Philosoph vor Kurzem bei seinem Eröffnungsvortrag des DCB-Symposiums anhand der Erkenntnisse aus 30 Jahren Gehirnforschung.

4108_p6_1

Das menschliche Gehirn besitzt 100 Milliarden Nervenzellen, die mit 10.000 anderen Zellen über Synapsen in Verbindung stehen. Diese Erkenntnis über die überwältigende Menge an Gehirnzellen und ihrer Verbindungen sei beeindruckend. «Heute weiß man, was wie gelernt wird, und man weiß auch, dass das Gehirn nicht nicht lernen kann», erklärte Spitzer. Während beim Computer die Festplatte und der Rechner getrennt seien, sei im Gehirn alles eins: Lernen erfolgt durch das Entstehen von neuen Verbindungen. Je mehr neue Verbindungen entstehen, umso mehr wird gelernt.
Damit sind alle möglichen Dinge gemeint, die wir im Laufe eines Lebens lernen – sei es Laufen, Sprechen, Mathematik oder Klavierspielen. Am besten lernt das Gehirn im Kindesalter. «Wenn wir von Bildungsinvestitionen sprechen, dann ist die lohnendste der Kindergarten», so Spitzer. «Wenn ich 17 bin und hier ist noch nichts drin», tippt sich Spitzer an die Stirn, »dann passiert auch nicht mehr viel».
Er räumt ein, dass es ganz so dramatisch dann doch nicht ist, da das Gehirn immer durch das lernt, was wir tun. Doch eine neue Sprache zu lernen sei viel einfacher für jemanden, der schon eine Fremdsprache spricht. Oder jemand, der schon ein Instrument spiele, könne schneller ein weiteres lernen, weil in seinem Gehirn die dafür nötigen Verbindungen schon angelegt worden seien.
Da sich das Gehirn nicht nach außen ausweiten kann, nimmt bei zunehmenden Synapsen die Gehirndichte zu. «Es wäre gut, wenn Schulnoten durch Gehirndichte-Messungen ersetzt würden. Ich freue mich schon auf den Tag, wo das geht», so Dr. Manfred Spitzer. Auch wenn jemand Jonglieren lernt, würde das Gehirn ein Stück dichter und damit besser werden.
Inzwischen hat sich die Gehirnforschung auch um das soziale Verhalten der Menschen gekümmert. Dabei sei herausgekommen, dass der dafür zuständige Teil des Gehirns umso dichter werde, je mehr soziale Kontakte gepflegt würden. Das soziale Lernen wächst mit sozialer Interaktion, so Spitzer. Und damit die Kapazität für Empathie und demokratisches Verhalten.
Dabei sei von Angesicht zu Angesicht reden wirksamer als Facebook oder im Internet zu chatten. «Wir wissen heute auch, dass Bildung und soziale Kontakte wichtige Faktoren für ein langes Leben sind. Wenn Nervenzellen kaputt gehen, dann ist das die sogenannte Demenz. Aber wenn Sie viele Nervenzellen aufgebaut haben, dann bekommen Sie Demenz erst mit 150 – und dann sind sie ohnehin schon vorher gestorben», vermittelt Spitzer Forschungserkenntnisse mit Augenzwinkern.
Andere Studien aus den Jahren 2007 bis 2013 haben sich mit der Auswirkung von Mehrsprachigkeit auf die Gehirnentwicklung beschäftigt. Zweisprachige müssten ihr Gehirn intensiver benutzen. Die gute Nachricht: Im Durchschnitt würde sich Demenz dadurch um fünf Jahre verzögern. Weitere Botschaften des deutschen Bestsellerautors: Lernen und Glück hängen zusammen. Die Gehirnforschung hat das bewiesen. Dieses Glücksgefühl hält aber immer nur kurz an. Da Drogen oder Kaufrausch nicht empfehlenswert seien, so Spitzer, sei Lernen immer wieder eine gute Alternative, um Glücksgefühle zu aktivieren.

Petra Wilken

Print Friendly, PDF & Email

One Comment

  1. Alexander Schultheis

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich habe mit grossem Interesse, den artikel über die Bildung gelesen, doch ich finde die es nicht gut, wenn Wissenschaftler und Pädagogen nicht mit der Zeit gehen. Jede Generation lebt in einer Umwelt mit Technik und daher gehört es einfach dazu mit Ipads und PCs umzugehen und die vergleiche hincken. Der Referent wurde ja auch nicht mit dem Schiff nach Santiago geabrcht, sondern mit dem Flugzeug. Klar gebe ich Babies kein Ipad doch 4 bis 5 jaehrige spilen mit dem Ipad, sehen fernsehen und benützen dioe neuen Technologien und wenn diese Generation mit den neuen Tchniken nicht umgehen kann und lernt sind die junegn Menschen in der globalen Welt verloren. Herzliche Gruesse Ihr Alexander H.T. Schultheis M.A. ; Dipl.-Bibl.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*