Was bitte schön ist Asado alemán?

Die Deutschen gelten als Wurstspezialisten, sind aber in Wirklichkeit Teilzeitvegetarier.

Neulich gab´s eine Einladung zum Asado alemán. «Das wird dir sicherlich schmecken», sagte der chilenische Teil meiner Familie und dachte, er würde mir damit etwas Gutes tun. Doch da kam es wieder einmal zu einem dieser unvermeidlichen Kulturschocks: «Asado alemán – was bitteschön ist das eigentlich?» Gegessen hatte ich ihn schon öfter, doch die deutsche Übersetzung «Hackbraten» musste ich erst im Wörterbuch nachschlagen. Und dann das Geständnis: Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, jemals Asado alemán in Deutschland verdrückt zu haben.

Es gibt weitere Überraschungen dieser Art. Die in chilenischen Supermärkten üppig ausgestattete Wursttheke zieht jedes Mal meine bewundernden Blicke auf sich. Reichlich «vienesas» nach deutschem Rezept oder deutscher Tradition. Wenn ich Chilenen dann felsenfest versichere, dass Wurst praktisch nie in meinem Elternhaus aufgetischt wurde, können sie das kaum fassen. Die Alemanes sind doch schließlich die Wurstfresser schlechthin, oder?

Das ist zunächst einmal richtig. 85 Prozent der deutschen Bevölkerung isst täglich Fleisch und Aufschnitt. Laut der Statistik kommt der Bürger damit auf jährlich 60 Kilogramm pro Kopf. Die Chilenen schaffen es aber auf ganze 87 Kilo. Und um an dieser Stelle noch eine kleine Orientierungshilfe zu geben: Gesundheitsexperten raten, nicht mehr als 600 Gramm Fleisch und Wurstwaren pro Woche zu essen. Die Deutschen kommen derzeit auf mehr als 1.000 Gramm, die Chilenen folglich auf mehr.

Für die Generation meiner Großeltern war Fleisch noch ein Statussymbol. Der Hunger und die Entbehrungen während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegsjahre wurden dank des deutschen Wirtschaftswunders sprichwörtlich hinuntergeschluckt. Bei Omi und Opa konnte ich mich bei Speck gefüllten Rollbraten mit deftiger Soße satt essen und wurde dann freundlich aufgefordert, den leeren Teller wieder mit einem panierten Schnitzel aufzufüllen. «Nimm doch noch ein Stück. Du hast ja noch gar nichts gegessen.»

In den letzten Jahren hat sich allerdings einiges geändert. Fettränder essen ist Tabu, Salat spielt längst keine kleine Nebenrolle mehr, sondern ist zur Hauptspeise aufgestiegen. Leicht und gesund soll es sein. Skandale um «Gammelfleisch», BSE-verseuchte Rinder und Berichte über Massentierhaltung haben ihr Übriges getan, nicht nur auf die eigene Linie zu achten, sondern auch Fleischkonsum zu verachten.

Mittlerweile gibt es in Deutschland sechs Millionen Vegetarier und sogar 800.000 Veganer, die obendrein auf Milch sowie Eier und alles, was daraus hergestellt wird, asketisch verzichten. Freilich befinden sich diese beiden Gruppen in der Minderheit und werden von der Fleischfraktion oftmals als dürre, kränklich-blasse Genussverweigerer abgetan. Doch über so viel Unverständnis können die Pflanzenrohköstler nur müde lächeln. Der Vegetarierbund Deutschland bietet Tipps für tierliebe Fleischfresser, die bereits das schlechte Gewissen plagt und schon über einen «Ausstieg» nachgedacht haben.

Hierbei tut sich allerdings ein Widerspruch auf. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa bemühen sich 52 Prozent aller Deutschen, weniger Fleisch zu essen. Dabei scheint es sich aber doch mehr um einen hehren Wunsch anstatt wirklich verändertes Bewusstsein zu handeln. Denn gemäß einer repräsentativen Befragung der Universitäten Göttingen und Hohenheim sagen drei Viertel aller Deutschen aus, ihren Fleischkonsum für eher unproblematisch zu halten.

Der Geist ist eben willig, doch das Fleisch ist schwach. Und so mancher deutscher Teilzeitvegetarier, der mit knurrendem Magen vor einer Salatschüssel sitzt und dem gleichzeitig der Duft von gegrilltem Fleisch in die Nase steigt, geht dann doch lieber seinem Bauchgefühl nach.

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