Bio-Landwirtschaft und Ausländerschicksale

Der diesjährige Mayordomo des Freundeskreises Chilenischer Burschenschaften in Deutschland (FCBD), Dr. Germán Flitz der Burschenschaft Vulkania aus Valdivia, lud uns alle nach Rastede ins Oldenburger Land ein, in die norddeutsche Tiefebene, wo man die Gäste zum Sonntagskaffee schon am Mittwoch kommen sieht, so flach ist das Land, wie die Leute hier scherzhaft sagen.

 

Der Mayordomo wählte Rastede nicht nur wegen seines wunderschönen Schlossparks aus – die Oldenburger Großherzöge haben hier immer noch eine Sommerresidenz; sondern weil es das Akademie-Hotel gibt, das wochentags dem Raiffeisenverband als Fortbildungsstätte dient, an den Wochenenden aber als Hotel zur Verfügung steht und wie für uns geschaffen war. Dazu gibt es noch drei sehr ordentliche Hotels in dieser 12.000-Einwohnerstadt, so dass die circa 80 Gäste gut untergebracht waren.

Am Samstagmittag trudelten nach und nach die Gäste ein, das übliche Willkommenshallo fand allenthalben statt und schon bald stach uns ein verführerischer Geruch in die Nase: An zwei Spießen drehten sich halbe Lämmer, das heißt, sie wurden stundenlang von freundlichen Helfern gedreht. Hierzu ist zu sagen, dass sich der Mayordomo als promovierter Agraringenieur der Bio-Landwirtschaft verschrieben hat. Alles, was es bei diesem Asado gab, stammte aus biologischem Anbau in der Region, seit Monaten kritisch überwacht vom Gastgeber. So war das Für und Wider dieser Branche immer wieder Thema des Treffens, wozu man sagen muss, dass alles vorzüglich schmeckte.

Dazu gab es wie immer die mitgebrachten Weine und dieses Mal als Besonderheit Stier-Bräu, das Bier aus der Hausbrauerei in Vechta von Pablo Meissner der Burschenschaft Vulkania.

Das Großherzogtum Oldenburg war ja Teil des «Flickenteppichs» der deutschen Kleinstaaterei bis zur Reichgründung 1871 und hat seine eigene Geschichte:

Vom frühen Mittelalter als Grafschaft, dann ab 1773 als Herzogtum, 1810 von Napoleon annektiert, 1815 nach dem Wiener Kongress zum Großherzogtum erklärt und 1871 dem Deutschen Reich beigetreten. 1918 kam mit dem Vertrag von Versailles das Ende der Monarchie und somit auch das Ende der deutschen Fürstentümer.

Der Mayordomo erklärte uns, dass man durchaus Oldenburg als Universitätsstadt und ehemaliger Haupt- und Residenzstadt der Großherzöge mit seiner historischen Altstadt zum Thema des kulturellen Teils des Treffens hätte machen können. Er hatte sich aber überlegt, dass sich durch die geografische Nähe ein anderer Besuch empfiehlt.

Nämlich das Erlebnismuseum Deutsches Auswandererhaus in Bremerhaven. Für viele von uns trifft es ja zu, dass die Vorfahren oder wir selbst von Deutschland nach Chile ausgewandert sind. Und wiederum sind ja die meisten von uns im FCBD von Chile nach Europa rückgewandert. Das alles wird in dem Museum erlebbar, wobei es letztes Jahr durch eine Abteilung «Einwanderer» ergänzt wurde.

So bestiegen wir um 10 Uhr zwei komfortable Reisebusse und durchquerten in anderthalb Stunden die Wesermarsch, den Tunnel unter der Weser und kamen in das Hafengebiet von Bremerhaven. Hier wurden wir in Gruppen mehreren Führern des Museums zugeteilt, die uns kenntnisreich in zweieinhalb Stunden das Museum näherbrachten.

Von Bremerhaven aus sind im 19. und 20. Jahrhundert mehr als sieben Millionen Menschen ausgewandert. Übrigens waren es von Hamburg aus im gleichen Zeitraum über fünf Millionen. Auch dort gibt es ein Museum, die BallinStadt.

Doch zurück nach Bremerhaven. Hier besteigt man den Nachbau eines Schnelldampfers aus dem Jahr 1888 kennen, man erlebt, was es damals hieß, in der dritten Klasse über den Atlantik zu reisen. Es ist eng, dunkel und stickig, man ahnt, was für eine Tortur die mehrwöchige Reise gewesen sein muss.

Man begegnet Schicksalen von realen Auswanderern, verfolgt ihren Lebensweg und kann auch selbst am Bildschirm nach eigenen ausgewanderten Vorfahren suchen. Man lernt die Hintergründe der großen Auswanderungswellen und die bedeutendsten Einwanderungsgruppen nach Deutschland kennen. An Hörstationen werden die spannenden und bewegenden Geschichten von Auswanderern und Einwanderern erzählt.

Im Anschluss gab es einen kleinen Imbiss im Café des Museum in Form von Kaffee und Kuchen und dann ging es zurück nach Rastede. Hier konnte man einem Vortrag über die Euro-Krise lauschen, einen ausgedehnten Spaziergang durch den herrlichen Schlosspark machen, wo noch die Rhododendren blühten, die in dieser Gegend, dem Ammerland, so gut gedeihen.

Am Abend gab es ein kalt-warmes Buffet mit taufrischen, überwiegend biologisch angebauten regionalen und saisonalen Produkten, bis hin zum Räucheraal, der hier gern gegessen wird und mit dem sogenannten Löffeltrunk begleitet wird.

Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen, wobei wir alle schon auf das Treffen 2014 bei Luzern in der Schweiz gespannt sind, das Dr. Bruno Seeberger von der Montania als Mayordomo und Gastgeben organisieren wird.

 

Alfred von Reiswitz

Buchholz

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