Ein Treffpunkt für Menschen, nicht für Bücher: Imagewandel der Bibliotheken

Deutsche Schule Sankt Thomas Morus und Goethe-Institut Chile mit innovativen Ideen

In der Bibliothek der deutschen Schule Sankt-Thomas-Morus: Kinder lesen ihren Mitschülern aus einem Buch vor.
In der Bibliothek der deutschen Schule Sankt-Thomas-Morus: Kinder lesen ihren Mitschülern aus einem Buch vor.

 

Sind Bibliotheken im digitalen Zeitalter überflüssig geworden? Einige wollten dieses Todesurteil nicht hinnehmen und haben sich selbst neu erfunden. Aus der Bibliothek wird jenseits von Bücher- und Medienausleihe ein Lern- und Begegnungsort.

 

Von Arne Dettmann

Die Bibliothek der deutschen Schule Sankt Thomas Morus in Santiago de Chile bietet nach wie vor Bücher zum Lesen an. Die Betonung liegt auf «nach wie vor», denn längst erfreuen sich viele andere Aktivitäten bei den Schülern großer Beliebtheit: Recyclingseminare, Kochkurse, Musik, Yoga, die Kunst des Papierfaltens (Origami), Basteln und Weben, Erste Hilfe, wissenschaftliche Experimente und vieles mehr stehen auf dem Programm. «Wir haben eine wahre Invasion von interessierten Schülern erlebt, die sich für die Workshops einschreiben», berichtet Javiera Zamorano, die zusammen mit ihrer Kollegin Karin Gerber die Bibliothek leitet.

Und auch sonst erinnert der Raum direkt am Schuleingang nicht mehr viel an das Image einer verstaubten, bitterernsten Bibliothek mit schweren Wälzern. Traditionelle Brettspiele sowie Puzzles und Stifte zum Malen liegen bereit; an einem Stand namens «abriendo cráneos» sollen mittels Figuren Gegenstände die Kreativität, das Erinnerungsvermögen und die Auffassungsgabe der Schüler spielerisch gefördert werden. Sogar ein «kit de relajación» ist vorhanden – eine Art Notfall-Ausrüstung für gestresste Schüler. Beim Zerquetschen von Verpackungsfolie mit Luftpolstern kann Dampf abgelassen werden.

Javiera Zamorano und Karin Gerber leiten die Bibliothek der Thomas-Morus-Schule
Javiera Zamorano und Karin Gerber leiten die Bibliothek der Thomas-Morus-Schule

Bibliothek als Lern- und Begegnungsstätte

Die Thomas-Morus-Schule geht mit diesem innovativen Angebot einen völlig neuartigen Weg. Während die traditionellen Bibliotheken durch den digitalen Wandel immer mehr bedroht und sogar geschlossen wurden, haben andere Einrichtungen sich weiter entwickelt und verändert. Standen früher Bücher im Vordergrund, sind es heute die Besucher. Seminare, Vorträge und Diskussionsrunden locken das Publikum an. Die Bibliothek wird zur Lern- und Begegnungsstätte.

Auch die Bibliothek des Goethe-Instituts in Chile musste umdenken. Denn Bücher stehen schon längst nicht mehr in den Regalen, sondern sind auch im Internet abrufbar. Weiterbildung lässt sich ebenso online machen, Ratgeber finden sich auch auf Videoplattformen wie Youtube. Wozu also noch ein Lesesaal? «Wir mussten uns wirklich fragen, wie wir junge Leute begeistern und zu uns holen», erklärt Bibliotheksleiter Alexander Schultheis.

Aus der Not wurde eine Tugend. Zwar gibt es jetzt Videospiele für Kinder, doch neben X-Box, Nintendo und Playstation haben Bibliothek und Sprachabteilung auch gemeinsame auch eine Ludotheka mit Mensch-ärgere-dich-nicht, Kniffel und Memory eingerichtet. Das Motto: Spielerisch Deutsch lernen.

Alexander Schultheis, Leiter der Bibliothek am Goethe-Institut, mit dem Spielekoffer
Alexander Schultheis, Leiter der Bibliothek am Goethe-Institut, mit dem Spielekoffer

Derzeit reist Alexander Schultheis zu anderen Goethe-Instituten, Schulen und Bibliotheken in Lateinamerika und stellt dort den in Santiago de Chile entwickelten Spielekoffer vor. Nicht nur Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren soll spielerisches Lernen näher gebracht werden. Eine Fortbildung richtet sich auch an Lehrer und Erzieher. Ihnen wird der mögliche Einsatz des Spielekoffers im Unterricht vorgestellt. Fürs nächste Jahr ist geplant, digitale Spiele hinzu zu nehmen.

«Beim Spielen werden einfach viel leichter Sprachhürden abgebaut», erklärt Alexander Schultheis. Zudem würde sich die Bibliothek mit der Ludotheka zu einem Treffpunkt entwickeln. «Und dann leiht sich der eine oder andere auch wieder ein Buch bei uns aus.»

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