Bühnengeschehen und Naturereignis

Christianes legendäre Kaffeerunde mit dem Team vom "Theater auf dem Berg"
Christianes legendäre Kaffeerunde mit dem Team vom „Theater auf dem Berg“

 

Von Walter Krumbach

Es ist Samstag, kurz vor 16.00 Uhr, wir sind auf der Landstraße in Richtung Farellones unterwegs. 5 km oberhalb von Lo Barnechea biegen wir rechts ab. Für heute um 20.00 Uhr soll Heinrich von Kleists «Prinz von Homburg» zum fünften Mal über die Freilichtbühne der Familie von Kiesling gehen. Es ist heiß, wir haben die Fenster des Wagens geöffnet, was bei dem staubigen Weg vielleicht keine Ideallösung ist. Aber lieber etwas Staub in Kauf nehmen als in der trockenen Glut ersticken. Wir fahren Gerd Ebert nach, der die Hauptrolle spielt, um den Weg nicht zu verfehlen. Unser Ziel ist nämlich nicht das Theater, sondern das Wohnhaus der von Kieslings auf der Bergspitze. Das Auto gewinnt langsam an Höhe. Eine scharfe Kurve folgt der nächsten. Die tiefen Schluchten sind zum Greifen nah. Um nicht vom schmalen Kiesweg abzugleiten, der sich am Berghang entlangschlängelt, halten wir den Wagen im ersten oder zweiten Gang. Wir fahren am Theater vorbei, und nun sind es noch ein paar hundert Meter bis zum Ziel.
Die Schauspieler sind fast alle bereits angekommen. Sie sitzen auf der schattigen Terrasse an einem großen Tisch, blicken in die Rollenhefte, plaudern miteinander, scherzen, beobachten die Vögel im Garten, genießen die leichte Brise oder streicheln die Hauskatze, die solche Liebenswürdigkeiten sichtlich genießt.
Um 16.20 beginnt die Leseprobe. Der Text wird aufgefrischt, Korrekturen vorgenommen. Mit großer Spielfreude gehen die Teilnehmer an die alten, mitunter verzwickten Verse heran. Konzentriert sprechen sie das gesamte Stück ohne körperlichen Einsatz. Es wird aber auch wiederholt herzhaft gelacht. Regisseurin Christiane Siemens-Trummler von Kiesling ist auffallend schweigsam, sie hält sich zurück und lässt der Gruppe größtmöglichen Gestaltungsfreiraum.

Maskenbildnerin Macarena Carrasco Kind verleiht Ursula Barentin (Prinzessin Natalia von Oranien) den letzten Glanz.
Maskenbildnerin Macarena Carrasco Kind verleiht Ursula Barentin (Prinzessin Natalia von Oranien) den letzten Glanz.

Um 17.15 ist die Probe beendet. Sogleich werden die Hefte verwahrt. Die Gesellschaft weiß nämlich, was jetzt kommt. In der Tat: Christiane und das Hausmädchen bringen Geschirr, Besteck, frisch duftende, knusprige Marraquetas, Aufschnitt, Käse, Honig, Tee und Kaffee. Die Gesellschaft nimmt die Aufmerksamkeit der Hausfrau dankbar zur Kenntnis und langt zu. Besonders empfehlenswert ist das Rührei, dessen Herkunft das orangenfarbene Eigelb signalisiert. Es schmeckt einmalig. Mit den blassen Supermarkteiern scheinen diese echten Landprodukte nicht einmal entfernt verwandt zu sein.
Um 17.45 Uhr beginnt Maskenbildnerin Macarena Carrasco Kind mit der Arbeit. Einer nach dem anderen nehmen die Schauspieler auf ihrem Stuhl vor dem großen Spiegel Platz, um den letzten Schliff zu bekommen und sich vom Alltagsmenschen in eine kleistsche Figur zu verwandeln. Gleichzeitig hilft Kostümschneiderin Viviana Jerardino der Gruppe, sich anzukleiden. Bald ist die Truppe fast nicht mehr zu erkennen. Sie gehen nun nicht mehr, jetzt schreiten sie.
Um 18.30 Uhr werden Requisiten und die Sitzkissen für die Zuschauer auf einen Transporter geladen und zum Theater gefahren. Dort ist Erwin Plett, der für die Technik verantwortlich zeichnet, mit dem Aufbau der Scheinwerfer und der neuen Surround-Tonanlage beschäftigt. Kurz nach 19.00 Uhr nimmt Birgit Engelbreit ihren Platz an der Kasse ein. Der Erlös des Abends geht als Spende an die SOS-Kinderdörfer, weshalb ihre Rolle nicht zu unterschätzen ist. Die kostümierten und geschminkten Schauspieler fahren nun auch hinunter. Sie nehmen einen Alternativweg. So treffen sie sich nicht mit dem Publikum, das sich bereits jetzt einfindet. Der halbkreisförmige Zuschauerraum, von Peter von Kiesling seinerzeit nach dem Modell des berühmten Theaters von Epidauros errichtet, beginnt sich zu füllen. Die Hitze lässt nun nach, die Sonne nähert sich schräg gegenüber hinter der Bühne dem Horizont. Die Riesenfläche Santiagos, geradeaus unten, wird zunehmend schattiger.

Leseprobe, drei Stunden vor Spielbeginn
Leseprobe, drei Stunden vor Spielbeginn

Kurz nach 20.00 Uhr betritt Christiane die Bühne, begrüßt die Gäste und hält eine kurze Begrüßungsansprache. Applaus, das Schauspiel kann beginnen.
Einzigartig an diesem Theater ist, dass man nicht nur der Bühnenhandlung, sondern auch dem Geschehen unten folgt. Unvermittelt ertönt zum Beispiel Glockenschlag aus dem Benediktinerkloster. Die Sonne sinkt, sie scheint die Berge am Horizont zu berühren und geht schließlich unter. Immer mehr Lichter flammen in der Stadt auf.
Im «Prinz von Homburg» wird die Hauptfigur wegen Befehlsverweigerung zum Tode verurteilt. Der betroffene General der Reiterei setzt nun alle Hebel in Bewegung, um den Befehl rückgängig zu machen und sich somit retten zu können. Die bewegte Handlung wird zeitgemäß wiedergegeben. Als die Figuren etwa die Schlacht von Fehrbellin aus der Ferne beobachten und sie besorgt kommentieren, ertönt aus der Surroundanlage ein Artilleriegeschützkonzert von beeindruckender Echtheit und Lautstärke.
Es wird kühl und kühler in den Voranden. Der Hinweis auf dem Programmzettel, «sich reichlich mit warmer Kleidung zu versehen», ist gerechtfertigt, stellt man spätestens jetzt fest. Man greift zu Wollweste und Schal, einige Zuschauer wickeln sich in Decken. Die Nacht bricht herein, kurz nach 21.00 Uhr herrscht in der Umgebung völlige Dunkelheit. Die Stadt unten im Vordergrund dagegen ist hell erleuchtet. Gegen 21.20 Uhr wird der Prinz von Homburg begnadigt, auf der Bühne und auf den Zuschauerrängen atmet alles erleichtert auf. Verdunkelung, Schlussapplaus.
Nachdem die Mitwirkenden minutenlang beklatscht werden, fordert die Theaterleitung das Publikum auf, die Bühne zu betreten, um gemeinsam belegte Brote und Glühwein zu genießen. Das lässt man sich nicht zweimal sagen. Die Frische hat den Appetit angeregt und ein warmes, aromatisches Getränk nimmt man natürlich auch dankbar entgegen. Jeder holt sich eine Stärkung und alsbald bilden sich kleine Gruppen um die Theatergesellschaft. So hat man ausgiebig Gelegenheit, sich kennenzulernen und über das Stück zu plaudern, den Schauspielern zu gratulieren oder einfach die einmalige Stimmung zu genießen. Der ideale Ausklang eines gelungenen Abends.

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