Besitzen Tiere einen siebenten Sinn?

Möglicherweise könnten sie uns vor Katastrophen wie Erdbeben und Tsunamis warnen.

4148_p12b

Von Alois Schmidt

Eine der schwersten Naturkatastrophen brach über die Vereinigten Staaten von Nordamerika herein, als am 18. April 1906 die kalifornische Großstadt San Francisco von einem Erdbeben der Stärke 7,8 auf der Richterskala heimgesucht wurde. Die Zerstörungen und anschließenden Brände forderten über 3.000 Menschenleben, und hunderttausend Bewohner der Stadt wurden obdachlos. Entlang der San-Andreas-Spalte, wo sich die Nordamerikanische Platte und die Pazifische aneinander reiben, hatte sich die Erde um sechs Meter verschoben.
Man fragte sich natürlich, ob solche unerwarteten Ereignisse nicht vorausgesagt werden könnten, um die Menschen rechtzeitig zu warnen. Doch bis heute hat die Wissenschaft keine Methode entdeckt, nach welcher das möglich wäre.
Es hat aber Menschen gegeben, welche auf eigene Faust Ursachenforschung betrieben. So Jim Berkland. Er hatte bemerkt, was keinem von uns, die wir im Erdbebenland Chile leben, verborgen geblieben wäre. Tiere reagieren mit Verhaltensstörungen. Pferde rasen durch die Koppel, Kühe lassen sich nicht melken, Hunde winseln. Aber haben wir jemals darauf geachtet, dass das womöglich schon Tage vor dem Eintritt einer Katastrophe beginnt?
Jim Berkland tat das. Er studierte Zeitungen aus der Zeit vor dem 18. April 1906 und fand heraus, dass sich die Suchanzeigen nach vermissten Haustieren sprunghaft gehäuft hatten. Das beobachtete er nun weiter. Bei schwächeren Beben fand er seine These bestätigt. So wagte er sich an die Öffentlichkeit.
Am 13. Oktober 1989 wurde ein Interview von ihm veröffentlicht, in dem er eine Warnung aussprach. Tatsächlich ereignete sich dann am 17. Oktober das Loma-Prieta-Beben mit einer Stärke von 6,9. Aber statt dem Mann für seine Vorhersage dankbar zu sein, bekam er von Seiten der Behörde ein Veröffentlichungsverbot ausgesprochen, um eine eventuelle Panik der Menschen zu verhindern.
Aussagen über einen 7. Sinn der Tiere können eben jedem Wissenschaftler die Reputation kosten und ihn in die Nähe esoterischer Denkweise rücken. Professor Dr. Martin Wikelski, der Direktor des Max-Planck-Instituts von Radolfzell, setzt sich nun über solche Bedenken hinweg. Seine Schlüsse zieht er aus einer Sammlung elektronischer Impulse. Jeder kann sie nachprüfen.
Verständlich, dass sein Blick sich auf eine besonders gefährdete Region richtet. Durch den Tsunami von 2004 verloren auf der indonesischen Insel Sumatra mehrere Zehntausend Menschen ihr Leben. Im Indischen Ozean ausgesetzte Bojen geben nun Messdaten über Meeresspiegelschwankungen an Satelliten weiter. Dieses Frühwarnsystem verursacht aber hohe Kosten. Gibt es noch andere Möglichkeiten?
«Wenn die Tiere verrückt spielen, lauf weg vom Meer und geh ins Hochland», heißt es in einem malaiischen Kinderlied. Martin Wikelski sprach mit Menschen auf dem Wochenmarkt der Stadt Banda Aceh und erfuhr dabei, dass in benachbarten Dschungeln noch wilde Elefanten lebten. Diese waren den heranstürmenden Wassermassen rechtzeitig ausgewichen. Also sollten ihre Wanderungen ständig beobachtet werden.
Auf gezähmten Elefanten reitend wurde ein einzelner Bulle ausgemacht und bekam einen Schuss mit der Betäubungsspritze. Er schlief im Stehen ein und musste von den zahmen Tieren gestützt werden, bis das Halsband mit dem Sender angebracht war. Nun kann der Forscher von seinem Schreibtisch in Deutschland aus Daten empfangen und gelegentlich Videoaufnahmen zuschalten. Wird sich das Experiment bewähren?
Positive Rückmeldungen gibt es für Dr. Wikelski schon von den Ziegen am Ätna. Der Vulkan gehört zu den lebendigsten Feuerspeiern der Welt. Aus parasitären Kratern können plötzlich Lavaströme hervorbrechen und die schnelle, dünnflüssige Lava die Flanken des Berges hinab rinnen lassen. Hausziegen beweiden seit je die unzugänglichen Grasflächen des Berges unbeaufsichtigt. Einmal im Jahr werden sie zur Kontrolle zusammengetrieben. Doch haben Beobachtungen ergeben, dass sie sich stets lange vor Eruptionen in ungefährdete Gebiete zurückziehen.
Eigentlich ist Wikelski Ornithologe und verfolgt mit Hilfe von Sendern Zugvögel auf ihren Reisen. Solche GPS-Logger mit Batterienpack schmücken nun auch den Nacken mancher Ätna-Ziege. Das erlaubt dem Forscher, die Ortsbewegungen der Tiere zu verfolgen und auf Umgebungskarten einzutragen. Aus den Linien lassen sich Datum, Uhrzeit und sogar Geschwindigkeit der Märsche rekonstruieren.
Anfang Januar 2012 bezeugen blaue Linien auf der Karte eine besondere Aktivität der Ziegen. Und siehe da, das Vulkanologische Institut Italiens hat am 04. Januar 2012 eine heftige Eruption registriert. Aschewolken wurden in die Höhe geschleudert, milchige Lava entwich einem Krater. – Das war sechs Stunden nach der ungewöhnlichen Aktivität der Ziegen. «Es wurde erwiesen, dass wir mit unserer Methode solche Ereignisse voraussagen können,» kommentiert Martin Wikelski.
Die Frage ist nun, ob sich in dem ebenfalls von Naturgewalten oft heimgesuchten Chile ähnliche Beobachtungen machen ließen. Dem Forscherdrang besonders junger, neugieriger Leute steht da nichts im Wege. In Deutschland reichen Schüler ihre Ideen ständig den entsprechenden Behörden ein und die Besten werden einmal im Jahr vom Bundespräsidenten prämiert. «Jugend forscht» heißt das Programm. Vielleicht nimmt hier der die deutsch-chilenische Wochenzeitung «Cóndor» einmal stellvertretend Beobachtungsdaten entgegen?

Print Friendly, PDF & Email

One Comment

  1. Ich wüsste gerne wie dieses besagte Kinderlied heißt, bzw. wo man es finden kann. Das interessiert mich sehr.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*