Berlin und Deutschland wiedervereint

Sie war das Sinnbild für den stillen Schrecken des Kalten Krieges, ein grau zementiertes Mahnmal an vorderster Front. Für beinahe drei Jahrzehnte trennte die Berliner Mauer die heutige gesamtdeutsche Hauptstadt in einen Ost- und einen Westteil. Noch länger als die Mauer existierten nach dem Zweiten Weltkrieg zwei deutsche Staaten im Herzen Europas. Im Herbst 1989 nahm eine friedliche Revolution der Berliner Mauer ihren Schrecken. Doch der Anfang vom Ende der deutschen Teilung war bereits vorher gemacht.

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Und ein Jahr später wurde Deutschland dann auch offiziell wiedervereinigt.

 

Einigkeit und Recht und Freiheit – es sind die ersten Worte der deutschen Nationalhymne, die im November 1989 wie ein lang gegebenes Versprechen endlich für alle Deutschen zur Wirklichkeit wurden. Als sich am 9. November desselben Jahres tausende Menschen aus Ost und West auf den grauen Betonblöcken der Berliner Mauer in die Arme fielen, war der letzte Vorhang für den Kalten Krieg auf deutschem Boden gefallen.

Die Bilder der Menschenmassen, die jubelnd zu Fuß oder hupend in endlosen Autokorsos die Nacht zum Tage machten, gingen um die Welt. Von einem Moment auf den anderen hatte der ehemalige Todesstreifen, der so vielen Freiheitssuchenden in den Jahrzehnten zuvor zum tragischen Verhängnis wurde, seinen Schrecken verloren.

Unvorbereitet und hilflos wie Statisten irrten Mitglieder der Nationalen Volksarmee der DDR durch die Mengen und versuchten dem Chaos Herr zu werden. Doch ihr Bemühen war zwecklos. Die Berliner Mauer war gefallen und mit ihr wurde die Teilung Berlins und beider deutscher Staaten zur Geschichte. Denn nur ein Jahr später wurde Deutschland auch politisch wiedervereint.

Es wäre jedoch deutlich zu kurz gegriffen, die deutsche Wiedervereinigung lediglich auf den Fall der Berliner Mauer zurückzuführen. Auch wenn die Demontage der Mauer zum Sinnbild für das Ende der Teilung wurde, hatte der Umbruch bereits Jahre zuvor begonnen.

 

Versprecher in Pressekonferenz

Auslöser für den plötzlichen Mauerfall war allerdings ein denkwürdiger Zufall. Bedrängt durch die anhaltenden Proteste ihrer Bürger sahen sich die Regierenden der DDR im Herbst 1989 dazu veranlasst, das strenge Ausreiseregime für ihre Bürger zu lockern. In den Wochen zuvor war der innere Landesfrieden in den großen Städten der DDR immer häufiger erschüttert worden. Zu Tausenden gingen die Menschen in Leipzig, Erfurt und Ost-Berlin auf die Straßen, um eine Ausweitung der Reise- und Meinungsfreiheit einzufordern.

Die massiven Demonstrationen waren ein Beleg für den immer rasanteren Autoritätsverlust der DDR-Staatseliten. Innere und äußere Kritik – auch von dem engsten Verbündeten aus Moskau – hatten den ideologischen Führungsanspruch der politischen Klasse des Landes untergraben.

Zum Handeln gezwungen, berief Günter Schabowski, Sekretär für Informationswesen, am Abend des 9. November 1989 eine internationale Pressekonferenz. Dort wollte er ursprünglich die neue Reiseregelung des sozialistischen Staates verlesen. Diese Reaktion war lange erwartet worden und dementsprechend groß war die öffentliche Aufmerksamkeit für das live im Fernsehen übertragene Ereignis.

Stur und abgeklärt verlas Schabowski seinen Text. Erst die Nachfrage eines italienischen Journalisten, ab wann genau denn die erweiterte Reisefreiheit gelte, ließ ihn von seiner Routine abweichen. «Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich», stammelte er in die offenen Mikrofone.

Eigentlich sollte das Gesetz erst deutlich später in Kraft treten. Doch einmal in Fahrt ließ sich die losgetretene Welle nicht mehr aufhalten. Die spektakuläre Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, tausende Berliner stürmten zur Mauer und verlangten durchgelassen zu werden. Am Ost-Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße gaben die Grenzwächter als erste nach und ließen die Menschen passieren. Nach und nach wurden immer mehr Übergänge geöffnet, der ehemalige Todesstreifen wurde von euphorisch jubelnden Menschenmengen überrannt.

 

Architekten der Wende

Doch nicht nur die Grenzposten und die Berliner selbst wurden vom Tempo der zuvor kaum für möglich gehaltenen Ereignisse überrascht. Die Nachricht vom plötzlichen Fall der Berliner Mauer ging wie ein Lauffeuer um die Welt. Gebannt wurde die Reaktion der nach wie vor militärisch in Berlin vertretenen Großmächte USA und Sowjetunion erwartet.

Doch die befürchtete Konfrontation blieb aus. Dass die Sowjetführung 1989 anders als im Sommer 1953 – damals wurde ein Volksaufstand in Ost-Berlin durch das sowjetische Militär blutig niedergeschlagen – besonnen reagierte, war nicht zuletzt der gemäßigten Politik Michail Gorbatschows zu verdanken. Seine Direktiven von «Glasnost» und «Perestroika» hatten der Welt bereits vom inneren Wandel des Sowjetsystems und seiner Öffnung nach Außen gekündet.

Doch nicht nur das. Der friedliche Verlauf der Revolution und die Zurückhaltung der Politik lagen wohl auch am freundschaftlichen Verhältnis von Bundeskanzler Helmut Kohl und Michail Gorbatschow. Im Juni 1989, wenige Monate vor dem Mauerfall, kam der sowjetische Generalsekretär zu einem Staatsbesuch nach Bonn. In einem legendären Vier-Augen-Gespräch am Rheinufer eröffnete ihm Helmut Kohl die Sehnsucht der Mehrheit der Deutschen nach der Wiedervereinigung.

Auch zu dem damaligen US-Präsidenten George H. W. Bush pflegte der deutsche Bundeskanzler ein inniges und vertrauensvolles Verhältnis. Die diplomatische Dreiecksbeziehung war ein solides Fundament für den Umbruch.

Noch Jahre später zeigte sich Gorbatschow beeindruckt vom denkwürdigen Verlauf der Ereignisse: «Ein so brisantes Problem wie die deutsche Frage friedlich zu lösen – das gab es in der Weltpolitik noch nie».

Aufgrund ihrer politischen Schlüsselrollen vor 20 Jahren gelten Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und George H. W. Bush als die Architekten des Mauerfalls. Die drei ehemaligen Staatsmänner sind bis heute eng miteinander befreundet.

 

Wende im Grundgesetz verankert

So überraschend der Wandel auch über das deutsche Volk und die Welt zum Ende des 20. Jahrhunderts hineinbrach, war die Wiedervereinigung dennoch schon seit der Gründung der BRD Leitpolitik ihrer Verfassung.

Denn bereits im Grundgesetz wurden die (West-) Deutschen dazu aufgefordert, die Teilung beider deutscher Staaten zu überwinden. Das sogenannte Wiedervereinigungsgebot war fester Bestandteil ihrer Verfassung.

Die Präambel schloss mit den Worten: «Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.» Das Grundgesetz sollte seine Gültigkeit sogar nur bis zur deutschen Einheit behalten. Es war lediglich als ein Provisorium gedacht. Nach dem Einigungsprozess sollte sich das gesamtdeutsche Volk eine neue und bleibende Verfassung geben.

Es wurde jedoch auch noch eine zweite Option zur Wiedervereinigung diktiert. Demnach konnte die DDR dem Gültigkeitsbereich des Grundgesetzes beitreten. Für den Einigungsprozess selbst waren in dem Gesetzestext also zwei mögliche Wege vorgesehen. Sie wurden durch die Artikel 23 und 146 schriftlich fixiert.

Im Jahr 1990 wurde letztlich das westdeutsche Grundgesetz als gültige Rechtsprechung auf die Gebiete der ehemaligen DDR ausgedehnt. Artikel 23 wurde aufgehoben und Artikel 146 abgeändert. Anstatt das Grundgesetz außer Kraft zu setzen und sich eine neue Verfassung zu geben, wurde dessen Gültigkeit bis heute aufrecht erhalten.

 

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