Was bedeutet das Weihnachtsfest für Sie?

Der Cóndor fragte auch in diesem Jahr wieder sechs seiner Leser, wie sie Weihnachten feiern, was sie vom Schenken halten und wie sie das Fest als Kind empfunden haben.

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«Ich habe das Blaue vom Himmel heruntergelogen»

Christian Boesch, Österreichischer Opernsänger, Gründer der Musikschule Papageno in Villarrica

Ich bin mitten im Krieg geboren und nach dem ersten Bombenangriff auf Wien waren wir wohlbehütet in den Bergen in Tirol versteckt. 1945 mit der Rückkehr nach Wien beginnt meine Erinnerung. Eine sonderbare Welt, überall Trümmer und Schutt, alle Fenster eingeschlagen und niemand schimpft. Meine Eltern waren bald getrennt, kurz darauf geschieden, ein Zustand der absolut unüblich war zu dieser Zeit. Ich bin, und das war sicher das große Glück meines Lebens, bei meinem Vater aufgewachsen: ein in die Kunst verirrter Landwirt, ein geschäftsuntüchtiger Schöngeist, dem seine Kinder und die Musik ganz sicher das Wichtigste in seinem Leben waren. Dass ich bin, was ich bin und habe, was ich habe, und vor allem, dass ich auf ein so glückliches Leben zurückschauen kann, verdanke ich ganz sicher seinem unermüdlichen Einsatz in dieser sehr schwierigen Zeit, die von ihm klar erkannte Begabung seines jüngsten Sohnes mit viel Liebe und viel Geduld behutsam zu begleiten.
Dann war immer wieder Weihnachten, wo die familiäre Situation so schonungslos offensichtlich wurde. Ich habe das Blaue vom Himmel heruntergelogen, um zu erklären, warum meine Mutter gerade nicht da ist. Weihnachten wurde immer mindestens zweimal gefeiert, manchmal mit meiner Mutter zwei Tage vor oder auch drei Tage nach dem 24., je nach ihren Auslandsreisen als Sängerin der Wiener Staatsoper. Durch diese Gastspiele war meine Mutter in der Lage, uns (in der Zeit unvorstellbar) Schokolade, Südfrüchte und Luxusgeschenke mitzubringen: Mein Vater war für das unbedingt Notwendige, für Hemden, Socken und Unterhosen zuständig. Das war nicht leicht für ihn.
Dann kam das Wirtschaftswunder, das fast zwanghafte Aufholenmüssen des so lange Entbehrten, der Konsumrausch, noch mehr, noch teurer, noch luxuriöser, die sich vor Angebot biegenden Tische in den Kaufhäusern und Delikatessensupermärkten. (Ich habe heute noch in den Super-Supermärkten immer irgendwie ein ungutes Gefühl). Und dann die nicht übersehbaren Plakate: Die schüchtern-sinnliche Kindfrau neben dem Weihnachtsbaum, das goldene Geschmeide in der Hand mit verheißendem Augenaufschlag, und darunter steht: Gold ist Liebe!!

Ich habe sieben Kinder aus zwei Zeitrechnungen, und es war natürlich nicht möglich, mich all dem zu entziehen. Ich habe beruflich viel erreicht, weil ich ein guter Schauspieler war, aber immer war es die Mutter der Kinder, die mir einfühlsam und liebevoll geholfen hat, Weihnachten ohne große Verluste für die Kinder (und mich) hinter mich zu bringen.
Ich lebe, jeden Tag dankbar dafür, am schönsten Platz dieser Erde. Mein ganzes Leben habe ich mir gewünscht, meinen Weihnachtsbaum aus dem eigenen Wald zu holen. Diesen Wunsch kann ich mir erfüllen. Meistens gehen wir im See schwimmen, dann zünden wir, bevor sie sich in der Hitze umbiegen, die Kerzen an auf den frischen Frühlingstrieben. Wir singen: «Leise rieselt der Schnee, und du grünst nicht nur zur Sommerzeit nein auch…» Wenn meine Kinder und Enkel das große Weihnachtswunder tief im Herzen erleben könnten, ich würde es ihnen so sehr gönnen!!!

 

Spannung zwischen Realismus und Hoffnung

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Andrés López, Pastor der Martin-Luthergemeinde zu Concepción

Die Weihnachtszeit steht für mich in der Spannung zwischen Realismus und Hoffnung. Einerseits wird die Unermesslichkeit des Lebens gefeiert, das in der Schlichtheit des Stalls von Bethlehem offenbar geworden ist, aber zugleich wird immer mehr die transzendente Dimension des Lebens in der Praxis vergessen oder ignoriert. Das geschieht durch allgegenwärtige Werbung und Propaganda aufgrund des Kommerzes bzw. des Interesses etlicher Konzerne an Krediten, die oft von der Mehrheit der chilenischen Bevölkerung gar nicht zurückgezahlt werden können ohne Probleme für die Zukunft der Familien. Bitte, verstehen Sie nicht falsch, damit möchte ich nicht den Kommerz verteufeln, sondern auf eine leere Kultur des Uneigentlichen aufmerksam machen, die in Chile seit Jahrzenten dominiert und in der Weihnachtszeit übertrieben wird.
Allerdings ist für mich das Weihnachtsfest ein Zeichen der Hoffnung, das zur Erinnerung bringt, dass Gott sich in Christus mit uns identifiziert hat und immer wieder – hier und jetzt- offenbaren kann. In diesem Zusammenhang verstehe ich das Weihnachtsfest als ein Fest der Identifikation, der Empathie. Somit sind Geschenke, Treffen und Wiedersehen mit der Familie und mit Freunden eine Möglichkeit, sich miteinander zu identifizieren und zu verstehen. Es ist für mich großartig, die Möglichkeit zu haben, die Offenbarung Gottes zu feiern, die auf unprätentiöse Art und Weise in unserer Realität aufgetreten ist.
In Chile ist meine Kindheit von der Weihnachtszeit zu Hause geprägt, wo meine Mutter unsere Wohnung geschmückt und uns von der evangelischen Bedeutung des Festes erzählt hat. Sie hat sich sehr bemüht, ein besonders Fest zu feiern mit einem kleinen Tannenbaum (bei uns war er immer klein) oder einer Krippe. Wir haben nicht so viele Süßigkeiten –oder gar nicht- wie in Deutschland gegessen, sondern mehr Salate und Fleisch. Evangelische Gottesdienste oder pietistische Bräuche haben wir von und mit meiner Mutter auch erlebt.
So wichtig wie diese Bräuche sind für mich die Fußball-Geschenke von meinem Vater gewesen, die meine männliche Identität irgendwie geprägt haben. Hochmodernes Spielzeug oder etwas Ähnliches hat mir nie gefallen.
In Deutschland habe ich sieben Weihnachten hintereinander erlebt. So habe ich viele Süßigkeiten gegessen, viel gesungen, mich von dem Licht in der Dunkelheit angesprochen gefühlt und am Heiligen Abend, bei den Familien, wo ich wohnte, gespielt.

 
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«Als Kind glaubte ich, irgendwann schneit es in Santiago»

Victoria Subiabre, Schülerin der Klasse II°A, Deutsche Schule Sankt Thomas Morus Santiago

Wenn man das Wort “Weihnachten” hört, hat man sofort eine groβe Menge an Vorstellungen; Schnee, Geschenke unter dem Weihnachtsbaum, lachende Kinder und der typische Weihnachtsmann. Ganz persönlich für mich bedeutet aber das Weihnachtsfest etwas darüber hinaus. Meiner Meinung nach ist diese Zeit besonders mit Fröhlichkeit und Familie verbunden, denn man teilt jedes Jahr diese wunderschöne Feier mit seinen näheren Verwandten und erinnert sich an ganz bedeutende Werte, wie die Groβzügigkeit, die beispielsweise durch die Geschenke dargestellt ist.
In meiner Familie haben wir natürlich einige alljährliche Bräuche. Am 1. Dezember bauen wir den Weihnachtsbaum auf und dekorieren ihn zusammen. Es ist immer derselbe Baum (der sogar älter als ich ist), der immer in derselben erleuchteten Ecke unseres Wohnzimmers aufgestellt wird. In der Nacht des 24.Dezembers essen wir immer Filet zu gekochten Kartoffeln und öffnen um 12 Uhr die Geschenke. Wenn einer unserer Bräuche nicht berücksichtigt wird, dann beklagt sich immer jemand. «Es ist unsere familiäre Tradition», sagt mein Vater ständig.
Wie schon gesagt, bedeuten die Geschenke zu Weihnachten eigentlich Liebe und Zuneigung für den anderen. Allerdings haben sie im Laufe der Zeit diese Bedeutung verloren und heutzutage scheinen sie als Synonym des übertriebenen Konsumverhaltens. Man sieht hastige Eltern in den Einkaufszentren, nervös und wütend, wenn sie das spezifische Geschenk für ihre Kinder nicht finden können. Man sollte eine Veränderung seines Verhaltens herbeiführen und wieder zur Wichtigkeit der Groβzügigkeit kommen.
Als ich ein kleines Kind war, war Weihnachten für mich ganz anders. Erstens dachte ich wirklich, dass es hier irgendwann einmal schneien wird (wie man es im Fernsehen sieht). Auβerdem wartete ich jedes Jahr auf den Weihnachtsmann, der immer in letzter Minute auftauchte. Ich war immer ziemlich froh wegen der Geschenke, genauso wie heute.

 

Mit dem Herrgott eine Tasse Kaffee trinken

Eugen Roth, Agrarökonom aus Temuco

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Eugen Roth und seine Frau Liselotte Meier

Für mich bedeutet es in erster Linie Besinnung. Man hat die Freude der vereinigten Familie um sich, das Leuchten der Augen der Kinder beim Lichte des Weihnachtsbaumes. Die Seele wird berührt. Man fühlt das Wesentliche im Inneren seiner selbst und der Seinen. Ein wenig schlechtes Gewissen kommt auch hoch: Man hat ja wieder im vergangenen Jahr zu viele Stunden und Tage der Arbeit gewidmet, statt das Gute und das Schöne dieser Welt wahrzunehmen und solches mit Ruhe auf sich einwirken zu lassen.
Ruhe, Dankbarkeit, Freude am Schönen, bereiten das fruchtbare Feld, um die Liebe in sich zu erfahren. Nur sie kann das Glücksempfinden spontan herbeiführen. Vor dem leuchtenden Baume erneuert man das Vorhaben … man erinnert sich an die Worte Jesus, die Worte der Liebe. Nun aber, nun aber wirklich, sagt man sich …
Weihnachten ist ein Familienabendessen mit Weihnachtsgans, der Moment, wenn die Wohnzimmertür geöffnet wird und man mit den Kindern (nun vor allem den Enkeln!) in der guten Stube den leuchtenden Baum betrachtet – bei uns mit richtigen Kerzen, nicht elektrisch! Dann die Lieder: Wir schmunzeln immer, wegen des «lachenden Owie». Das ist wegen der Stelle im Lied «Stille Nacht», wo es heißt: «Oh wie lacht …».
Heute halte ich eigentlich gar nichts von dem Geschenke-Konsum. Er ist ein Irrweg, lenkt vom wesentlichen der Bedeutung der «Weih-Nacht»! ab. Dennoch erinnere ich mich an die große Freude, die ich als Kind erfuhr, als ich mein erstes Fahrrad bekam. Als Kind war Weihnachten der absolute Höhepunkt des Jahresgeschehens. Schon allein der Adventskalender war berauschend. Ich habe lange darauf gewartet, den Weihnachtsmann kennenzulernen. Als ich schließlich dahinter kam, dass es ihn nicht gibt, war ich totunglücklich. Als Erwachsener fragte ich mich später, warum der Herrgott nicht einmal mit mir eine Tasse Kaffee trinkt, um mal alles klipp und klar zu besprechen… Ich hatte das deutliche Gefühl, dass er mich belustigt anlächelte und sagte: «Du kannst so viel Gutes tun, da wo du jetzt bist, tu es doch!»

 
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Schlittenfahrt und Sterndlwerfer

Angelika Fraitzl, Österreicherin, Leitung Grundschullehramt
Deutsches Lehrerbildungsinstitut Wilhelm von Humboldt (LBI)

Weihnachten war und ist schon immer für mich das Fest der Familie, an dem sich alle füreinander Zeit nehmen. Morgens kommt schon früh meine Schwiegermutter und wir gehen zusammen frisches Obst und Gemüse kaufen. Dann wird gemeinsam gekocht und vorbereitet. Dabei helfen alle in der Küche mit. Es gibt seit Jahren bei uns eine italienische Vorspeise und Lachsstrudel am Weihnachtsabend, was viel Vorbereitung bedeutet. Abends gehen wir zunächst in den Gottesdienst und sobald wir wieder zuhause sind, gibt es die Bescherung, nicht ohne jedoch noch vorher drei bis vier Weihnachtslieder gesungen zu haben. Darauf kann ich nicht verzichten – sehr zum Leidwesen meiner Kinder. Nach der Bescherung setzen wir uns dann gemütlich auf die Terrasse und verspeisen unser Festmahl.
In diesem Jahr freue ich mich ganz besonders auf das Weihnachtsfest, weil mein Bruder mich mit seiner Familie besuchen kommt und wir in groβer Runde feiern können.
Geschenke gehören für mich zu Weihnachten dazu – am schönsten finde ich aber die Vorfreude auf das Schenken. Was wird wohl der/die andere dazu sagen? Freut er/sie sich über meine Auswahl? Zu gerne erinnere ich mich noch an ein Weihnachtsfest, wo mir mein Bruder am Nachmittag völlig enttäuscht erzählte, dass das von ihm gewünschte Quartettspiel aus dem Spielwarenladen um die Ecke verkauft worden sei und er es nun nicht mehr kaufen könne. Wie groβ war seine Freude – und damit auch meine – als er es am selben Abend von mir geschenkt bekam!!
Meine Eltern gestalteten das Weihnachtsfest für uns Kinder immer besonders schön. Das Wohnzimmer wurde versperrt und mein Vater unternahm am Nachmittag etwas mit uns, damit meine Mutter ungestört den Baum schmücken konnte. Meist waren wir auf den Wald- und Forstwegen unseres «Hausberges» unterwegs. Ich erinnere mich vor allem an Spaziergänge mit dem Holzschlitten und tollen Abfahrten. Wieder zuhause schaffte es meine Mutter immer, dass ein geheimnisvolles Glöckchen plötzlich aus dem Wohnzimmer klingelte und wir das Zimmer betreten durften. Das «Christkindl» war endlich da!! Der Baum war geschmückt mit echten Kerzen und «Sterndlwerfer» brannten. Es wurden Weihnachtslieder vor der Krippe gesungen und dann die Geschenke ausgepackt. Ich bin sehr dankbar, so viele schöne Weihnachtsfeste schon erlebt haben zu dürfen!

 
Marcelo MuñozMarcelo Muñoz, Jurist und Direktor Deutsch-Chilenischer Bund

Unsere Weihnachtsfeste waren in meinem Elternhaus in Valdivia immer voller Reiz, Erwartungen und von der Liebe Jesu geprägt. Ich weiß noch, wie wir die Briefe an den «Viejito» schrieben, jedes Jahr zum Gottesdienst gingen, immer sehr spät in der Nacht; das fügte etwas Besondere zu der Festlichkeit zu.
Nach dem Gottesdienst konnten wir die Krippe besuchen und das Jesuskind verehren. Der Priester bemerkte es, wie wichtig es war, den Geburtstag unseres Gottes zu feiern. Nach dem Gottesdienst gingen wir essen, meistens Truthahn, von uns vorbereitet, unter der Leitung unserer Mutter.
Mein Vater, immer der Musikfan, spielte klassische Musik und Weihnachtslieder vor. Die Geschenke kamen normalerweise am Tage danach; meine Brüder und ich erwachten und öffneten die Geschenke. Einmal habe ich, das kann ich bis heute noch schwören, den «Viejito» gesehen, halb wach, halb in Träumen.
Einmal sperrten wir uns mit unserem Vater in einem Zimmer ein, während meine Mutter den «Viejito» empfing und begrüßte. Er hinterließ einen Zettel mit Dank für die Kekse und wünschte uns frohe Weihnachten. Wir versuchten, der nicht so privilegierten Leute zu gedenken. Mit meiner besuchten wir Kinderheime mit Geschenken.
Jetzt, obwohl ich in Santiago wohne, versuche ich so oft wie möglich, Weihnachten mit meiner Familie im Süden zu verbringen. Vorletztes Jahr war ich am Zug, meinen Nichten ein wenig Illusion in ihr Leben zu bringen; ich verkleidete mich als «Viejito» und kam aus der Entfernung zu dem Haus, wo es sehr dunkel und isoliert ist (zwischen Pucón und Villarrica). Sie trauten sich nicht, näher an das Fenster zu kommen, denn die Figur des «Viejito» war und ist immer noch für sie mysteriös und rätselhaft.
Die Geschenke sind ein Ausdruck der Liebe; ein Zeugnis der Bemühungen, den anderen zu zeigen, wie sehr wir sie lieben. Wenn das zu übermäßigem Konsum führt, hat man das Ziel verfehlt; kann es aber korrigieren und die wahre Bedeutung der Liebe Jesu und der Nächstenliebe finden.

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