Avantgarde der modernen Medizin

Mehr als 120 Personen fanden sich am 25. Mai von 11 bis 17 Uhr im Ausstellungssaal des ehemaligen Deutschen Krankenhauses, dem aktuellen Standort des Immobilienprojektes Parque Magnolio der Firma Desco im Cerro Alegre, ein. Der kürzlich eröffnete Saal nahm an der «Route der Immigranten» teil, die von der Regionaldirektion des nationalen Denkmalamts zum zweiten Mal in diesem Rahmen initiiert wurde.

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Als Höhepunkt des Tages wurde zum Vortrag „Das Deutsche Krankenhaus von Valparaíso – ein öffentliches Krankenhaus von privater Hand gegründet“ eingeladen, den die bekannte Kinderärztin Dr. Bettina von Dessauer hielt. Unter den Anwesenden befand sich der Honorarkonsul Deutschlands der V. Region, Dr. Jan Karlsruher, und Dr. Germán Hörnig, ehemaliger Direktor des Krankenhauses, das seine Türen definitiv im Jahr 2010 geschlossen hat.

Der Vortrag gab einen umfangreichen Einblick in das deutsche Erbe im chilenischen Gesundheitsbereich und thematisierte zugleich die akute Problematik zwischen dem öffentlichen und privaten System im nationalen Zusammenhang. Bettina von Dessauer, Urenkelin des ersten Direktoren des Krankenhauses, Heinrich von Dessauer, Medizinischer Direktor von 1875 bis zu seinem Tod im Jahr 1879, verwies an diesem Sonntag des Kulturerbes auf die großen Erfolge, die das Krankenhaus im Laufe seiner Geschichte schrieb, durch die es sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts in eines der führenden und angesehensten Zentren medizinischer Forschung in Amerika und dem Rest der Welt verwandelte.

Die in Santiago tätige Kinderärztin betonte nachdrücklich, dass «die innere Chirurgie, also die Veranschaulichung der inneren Organe, zum Zeitpunkt der Gründung des Deutschen Krankenhauses im Jahr 1875, dem zweiten in Südamerika nach Buenos Aires, noch nicht ausgereift war. Genau dieser Umstand stellte eine der Stärken dieser Einrichtung dar und positionierte das Krankenhaus in der Geschichte der chilenischen Medizin».

Unter den großen Errungenschaften nannte von Dessauer die erste Bluttransfusion Südamerikas, die von ihrem Urgroßvater im Jahr 1875 durchgeführt wurde, die Behandlung der Verwundeten der Politischen Revolution von Placilla 1891 und die erste Blinddarmoperation Chiles, die von Dr. Olof Page drei Jahre später in Angriff genommen wurde. Bereits im frühen 20. Jahrhundert wandte das Krankenhaus die fortschrittlichste Behandlung gegen Tuberkulose an, war ein aktiver Akteur in der Eindämmung der Pockenepidemie von 1906 und behandelte Persönlichkeiten wie den Präsidenten Pedro Montt, dessen Leibarzt der langjährige Krankenhausdirektor, Dr. Guillermo Münnich, war.

Nach dem Vortrag nutzten die Besucher der Veranstaltung die Gelegenheit, den vor Kurzem eröffneten Ausstellungssaal kennenzulernen. Als Teil ihres Planes zur Eingliederung in das soziale Umfeld von Valparaíso steht die Immobilienfirma Desco voll und ganz hinter dem Projekt zur historischen Konservierung des Originalbestandes des ehemaligen Krankenhauses. Im Ausstellungsraum werden medizinische Artefakte, historische Dokumente, Fotografien und eine Sammlung von Behältern und Laborutensilien aus der Apotheke Botica Unión präsentiert, die im Jahr 1885 am Plaza Anibal Pinto gegründet und zur Jahrtausendwende ihren Türen endgültig schloss.

An der Veranstaltung nahmen sowohl bekannte Mitglieder der deutsch-chilenischen Gemeinschaft teil, als auch Besucher, die der «Route der Immigranten» folgten. Bei einer Kaffepause konnten Erfahrungen und Erinnerungen in Bezug auf das ehemalige Krankenhaus und seine Transformation ausgetauscht werden. Bedeutende Institutionen, wie die Bibliothek Santiago Severin, der Deutsche Verein Valparaíso, das Naturkundemuseum und die Italienische Schule beteiligten sich unter anderem an der Route.

Für diejenigen, die es nicht an diesem Sonntag in die Straße Guillermo Munnich 203 oberhalb der Plazuela San Luis geschafft haben, können dies jeden Tag von Montag bis Sonntag zwischen 10:30 und 14 Uhr sowie nachmittags zwischen 15:30 und 19 Uhr nachholen.

 

Julia Koppetsch, Museologin

Lesen Sie auf der nächsten Seite Hintergründe zur Ausstellung.

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