Aus einem zerbombten Land in die Idylle

Schulanfangsjahr in Frutillar in den 1950er Jahren
Schulanfangsjahr in Frutillar in den 1950er Jahren

 

In den Jahren 1949/1950 besuchte ich die Deutsche Schule Frutillar. Zwei Monate vor meinem Eintreffen dort war ich mit zwölf Jahren aus Deutschland an den Lago Todos los Santos gekommen, aus einem zerbombten Land, wo wir zu fünft in zwei Zimmern wohnten, die uns ein altes Ehepaar zwangsweise in ihrer Wohnung überlassen musste. Wir kamen aus den Ruinen in ein Paradies.

Von Fritz Meinardus

Aber Schule musste auch in Chile sein, und so landete ich im Internat der DS Frutillar, ohne Spanischkenntnisse und fern der Familie.

Da war der Schulhof mit zwei alten Eichen und einigen Pfützen, wenn es viel geregnet hatte, in denen wir kleine selbstgeschnitzte Boote schwimmen ließen. An einer der Eichen hing die Schulglocke. Der Hof wurde von den Gebäuden der Schule, des Internats und dem Rohbau eines künftigen neuen Internats umgrenzt. Zur Straße hin ein langer Zaun, dahinter der See und die Vulkane.

Wie oft hing ich an diesem Zaun und schaute sehnsuchtsvoll auf Osorno, Tronador und Puntiagudo. Da hinten lag der Todos los Santos! Jede Woche kam einmal die «Santa Rosa» auf ihrer Rundfahrt um den See vorbei. Sonst sah man nie Schiffe oder Boote auf dem Wasser.

Die Schule hatte einen Pferdestall. Zwei Schüler kamen hoch zu Ross an. Hinter dem Neubau des Internats gab es einen Gemüsegarten, von dem wir Internatskinder mit dem, was dort gedieh, beköstigt wurden. Einmal geriet er mitten im Winter nach anhaltendem Regen und hohem Seespiegel unter Wasser. Wir wurden beauftragt dort Kohl und anderes Gemüse zu ernten, stiegen dafür barfuß ins kalte Wasser. Das im Internat gebackene, frische noch warme Weißbrot ging zum Nachmittagskaffee nur so weg, so dass die Internatsleiterin, Frau Berner, manchmal ärgerlich wurde. Die Verpflegung war gut. Nur die Butter war stets ranzig.

Kindergarten an der Deutschen Schule Frutillar im Jahr 1968
Kindergarten an der Deutschen Schule Frutillar im Jahr 1968

 

Schwäche für den Alten Fritz

Die Schlafzimmer der Jungen befanden sich im Obergeschoss des Schulgebäudes. Da wohnte auch der Direktor Robert Dick mit seiner Familie und Fräulein Gesche, unsere Deutsch- und Geschichtslehrerin. Im Internatsgebäude waren die Mädchen untergebracht, die Küche und der Speisesaal. Wir waren etwa 30 Kinder im Internat.

Die Schule war klein, ging bis zur siebten Klasse. Es wurden jeweils zwei Jahrgänge gemeinsam in einem Raum unterrichtet.

Es wurde sehr viel Wert auf die deutsche Sprache gelegt. Fräulein Gesche hatte wohl eine Schwäche für den Alten Fritz. Jedenfalls nahmen wir den Siebenjährigen Krieg in allen Einzelheiten durch, machten eine Zeichnung im Geschichtsheft mit den Orten der verschiedenen Schlachten und Jahreszahlen. Auch gab es eine Lesestunde mit ihr, bei der sie uns Geschichten vorlas.

Bei Robert Dick hatten wir Musik und Gedichte. «Gedichte sind gemalte Fensterscheiben» – Im Goethejahr lernten wir dieses und andere. Für Gedichte gab es eine vom normalen Deutschunterricht getrennte Stunde. Musik war hoch angeschrieben. Wir sangen mehrstimmig deutsche und chilenische Volkslieder. Einmal wurde ein Schüler, der nicht aufgepasst hatte, aufgefordert alleine vorzusingen. Er sang zweistimmig.

 

Aussicht vom Vulkan Osorno

Der Jahresausflug der gesamten Schule ging in den Schnee am Osorno. In einem offenen Lastwagen fuhren wir um den See und hinauf zur Hütte der Picada. Wir tollten im Schnee herum, und einige stiegen weit hinauf, bis da wo es Gletscherspalten gab und man eine wunderbare Aussicht hat. Der Hüttenwart, Herr Schmidtle, servierte uns eine sehr gute Suppe und Tee.

Ich lernte Spanisch bei Herrn Dick. Fräulein Gesche sprach kein spanisch, obwohl sie schon viele Jahre in Chile lebte. Sie frug mich so lange meine Vokabeln ab, bis ich sie konnte. Herr Romero, Direktor des Liceo de Hombres von Puerto Montt und Inspektor des Erziehungsministeriums, besuchte gelegentlich die Schule. Er war ein sehr dunkler Typ, hatte daher den Spitznamen Schneewittchen (blancanieves). Es traf sich, dass er einmal gleichzeitig mit mir den Zug nahm, als ich in Ferien fuhr. Er hatte eine Fahrkarte erster Klasse, ich eine der dritten. Er setzte sich zu mir in die dritte Klasse, eine wahrlich schöne Geste. 

Die Freizeit vertrieben wir uns mit Ball-, Kreisel- oder Murmelspielen. Die Mädchen spielten «luche», «buenos días su señoría» oder «arroz con leche». Auch Fußball spielten wir einige Male gegen barfüßige Jungen von der staatlichen Schule. Sie besaßen keine Schuhe, waren trotzdem besser als wir. Der Fußball bestand aus einem mit Lumpen gefüllten Seidenstrumpf.

 

Gegrillter Fisch

An den Wochenenden wurden die meisten Kinder des Internats abgeholt. Ich blieb dann oft alleine oder mit Edgar, der aus Tegualda kam. Nur bei längeren Ferien konnte ich zum Todos los Santos reisen, denn um dort hinzugelangen, musste ich nachmittags mit dem Zug nach Puerto Varas fahren, übernachtete im Hotel Bellavista, um am nächsten Morgen die góndola (Bus) nach Petrohué zu nehmen. Nach dem Mittagessen ging es weiter mit der «Esmeralda». Auf halber Strecke stieg ich um in ein Boot des Fundos, das mich ans Ziel brachte.

Mit Edgar bekamen wir Erlaubnis das Schulgelände an den Wochenenden zu verlassen. Wir machten lange Wanderungen auf der Straße in Richtung Punta Larga oder Quilanto. Jeder führte dabei einen Reifen mittels eines Stockes mit einem Haken vor sich her. An einem Strand entdeckten wir einmal ein Netz, das im See ausgelegt war. Ein kleiner Pejerrey-Fisch steckte darin, den wir rausholten. Wir machten Feuer und brieten ihn. Der etwas verkohlte Fisch war kein rechter Genuss, doch wir hatten unseren Spaß dabei.

Pastor Schünemann nahm mich einige Male mit, wenn er andernorts Gottesdienst abhielt. Sein alter Ford war eine Klapperkiste. Einen Zündschlüssel gab es nicht. Er wurde durch eine chaucha (20-Centavo-Münze) ersetzt. Nach dem Gottessdienst wurden wir zum Mittagessen oder Kaffee eingeladen. Mit Edgar hatten wir den Auftrag am Sonnabendnachmittag und Sonntagmorgen die Glocken der Kirche zu läuten, die am anderen Ende des Ortes liegt.

 

Mondän und mit Stau

Und Frutillar heute? Einiges ist geblieben von der damaligen Idylle, vieles auch verloren gegangen. So die Gerberei Winkler mit den Dutzenden auf dem Dach hockenden Jotes (Aasgeiern). Das Bild des Ortes hat sich verändert, doch kein Hochhaus, Supermarkt oder Mall stört es. Nur der etwas außerhalb liegende, neue Ferienkomplex passt nicht in die Landschaft. Aus dem etwas verträumten Ort ist ein fast mondänes Touristenziel geworden. Man kann sich nach Bayern oder Österreich versetzt fühlen.

Das Teatro del Lago ist ein Kulturzentrum, das Frutillar über die Grenzen des Landes bekannt machte. Zu bedauern ist, dass selbst in dem kleinen Ort zu Spitzenzeiten Staus entstehen können, die denen in Santiago Konkurrenz machen. Überhaupt ist auf den Straßen um den See herum heutzutage oftmals mehr Verkehr als erträglich. Für die 47 Kilometer zwischen Ensenada und Puerto Varas muss man unter Umständen an einem Sonntagnachmittag im Februar fünf Stunden rechnen.

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6 Comments

  1. Sergio Opitz Hoenicke

    Schöne erinerungen habe ich mit diese reportage. Ich war auch schüler in der DS Frutillar ca vom jahre 60 auf. Herrn Robert Dick habe ich auch kenengelernt und mal hat er mir die Ohren gezogen …jajajaja. Erinere ihn mit seinem alten schwrzen Fahrat und seine grosse füsse…..Grüsse von Concepción wo ich jetzt wohne…..

  2. Carlos F.Hollstein Dann

    ICH BIN GEBOREN IN FRUTILLAR JAHR 1950 ,,
    UN SO SCHAUTT MAN UNSERE DEUTSCHE SCHULE DAHMALLS
    danke,,

  3. Carlos F.Hollstein Dann

    Sehr schoene bide von Frutillar,,
    danke,,,

  4. Anneliese Horst

    Eine wunderbare Erzählung, bringt für mich Erinnerungen am meine Schulzeit in Valdivia auf.
    Pastor Schünemann war mir sehr bekannt, er fuhr damals mit dem ersten Singkreis nach Deutchland and dem ich auch teilnahm.

  5. Fritz Meinardus

    Korrektur: Der unaufmerksame Schüler konnte natürlich nicht zweistimmig singen. Er hat ja nur eine Stimme. Er frug den Lehrer ob er zweistmmig singen solle, was ja unmöglich ist. Er meinte sicherlich ob er die zweite Stimme vorsingen solle.

  6. Marlene Klocker Scheel

    Unvergessliche Zeiten.Viel Ruhe und gute Kameradschaft. Lehrer mit
    grosser Hingabe und Opfer.Es war nicht alles Gold was für sie glänzte.
    Danke Frl Prange Du hast mir das Lesen und Schreiben beigebracht.Danke auch
    an unseren Direktor Robert Dick der mir die Liebe zur Deutschen Sprache gegeben hat,
    welche mir in meinem Leben sehr nützlich war. Auch Pastor Schünemann in dessen Haus
    ich als Pensionistin im 1. Schuljahr leben konnte.Wie schön u.friedlich war alles!

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