Aufhören, wenn´s am schönsten ist

Nach sechs Jahren als Rektor der DS Santiago kehrt Gerhard Pschorn zurück nach Deutschland. Der Cóndor sprach mit ihm über unpolitische Schüler, die chilenische Bildungsreform und wie gefährlich E-Mails und Handys sein können.

Cóndor: Herr Pschorn, die Koffer schon gepackt?
Gerhard Pschorn: Alle unsere Möbel sind bereits verpackt in einem Seecontainer unterwegs nach Deutschland. Am 21. Januar ist mein offizielles Dienstende, danach fahren meine Frau Christel und ich noch zum Urlaub auf die Juan-Fernández-Inseln, bevor es zurück geht.

4121_p16_1

Bedauern Sie Ihren Abschied von Chile?
Das ist keine einfache Frage. Gestern (17. Dezember) war die Schlusskonferenz der Schule, das hat mich schon sehr berührt, es ging emotional zu. Allerdings finde ich den Zeitpunkt meines Abschieds richtig. Die Schule steht gut da, das wird auch von allen anderen so gesehen. Und bekanntlich soll man aufhören, wenn´s am schönsten ist.

Sie ziehen eine positive Bilanz?
Die Schülerzahl an der Deutschen Schule Santiago konnte von 1.780 im März 2009 auf nunmehr 2070 erhöht werden. Dass diese Zahl so stark gewachsen ist, zeugt von einer spürbaren Akzeptanz der Einrichtung. Auch die 320 Bewerbungen auf die 140 Plätze im Kindergarten der Deutschen Schule Santiago in diesem Jahr sind ein Indikator, dass die Elternschaft uns positiv bewertet.
Wir haben gewaltig in die Infrastruktur investiert und die Schule damit attraktiver gemacht. So gibt es neue Sportanlagen in der Abteilung Vitacura, neue PC-Räume sowie einen neuen Kindergarten und ein Zentrum für das pädagogische Direktorium.
Der deutsche Abiturgang hat sich etabliert und ist nunmehr durchgängig zweizügig; die ersten drei Abiturjahrgänge haben ihre Prüfung hervorragend abgeschlossen. Die akademischen Leistungen sind sowohl beim deutschen Sprachdiplom und der englischen Cambridge-Prüfung als auch bei der Simce und der PSU gestiegen – obwohl wir immer betonen, dass die chilenische PSU nicht der Nabel der Welt ist.

Kritiker werfen der PSU-Prüfung vor, sie frage nur schematisch Wissen ab. Was sollten Schüler heutzutage vermittelt bekommen?
In erster Linie sollten junge Menschen Kompetenzen erwerben, die es ihnen ermöglichen, mit den Herausforderungen der Welt klar zu kommen. Ein solcher Ansatz ist nicht kompatibel mit der PSU. Mir ist natürlich bewusst, dass die Eltern jedes Jahr auf das PSU-Ranking der Schulen gucken. Aber wenn die Zahlen veröffentlich werden und wir in der Rangliste etwas weiter oben liegen, dann freue ich mich; und wenn wir leicht unter dem Vorjahresergebnis liegen, wird mich das auch nicht erschüttern.

Sie sind Lehrer für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde. Haben Sie als Schulleiter eigentlich noch Unterricht gegeben?
Ja, natürlich, vier Wochenstunden in zwei Klassen, das ist Vorschrift. Und es hat mir Spaß gemacht, am Pulsschlag der Jugend dabei zu sein.

Und wie ist die Jugend heutzutage im Vergleich zu Ihrer eigenen Zeit?
Viel braver und unpolitischer als meine Generation. Was heute häufiger als früher attestiert wird, das sind sogenannte Defizite, was ich allerdings für fragwürdig halte, denn Kinder sind nun einmal lebhafter und nicht immer ausgeglichen. Ich meine, dass die Gesellschaft heutzutage komplizierter geworden ist, und die Kinder sind es dementsprechend auch. Und dann werden sehr schnell nicht normgerechte Verhaltensweisen in die medizinische Mühle geworfen.
Allerdings muss man auch sehen, dass viel Fernsehen, Computer und das chilenische Nana-System dazu geführt haben, dass die Kinder heute zappeliger und unruhiger sind. Es fehlt zudem die sogenannte Anleitungswärme der Eltern, zum Beispiel das gemeinsame Hausaufgaben machen.

Teilen Sie die Ansicht von Manfred Spitzer, der kürzlich auch in Chile war und davor warnt, wie sehr PC- und Handy-Konsum den Kindern schaden kann?
Ich erliege nicht der Illusion, dass wir den Einsatz von Handy und Facebook eindämmen könnten, selbst wenn wir das wollten. Der Ansatz von Spitzer ist daher zwar in Ordnung, allerdings militant. Was Schule und Eltern den Kindern und Jugendlichen klar machen sollten, ist, wie viel Gefahr in diesen Anwendungen steckt – und das gilt auch für die Eltern selbst. Jedes Jahr im März verschicken wir eine Rundmail an alle Erziehungsberechtigten und warnen davor, unbedacht Nachrichten an viele Empfänger zu versenden. Gerüchte und Halbwahrheiten sorglos zu verbreiten, können eine Menge Schaden anrichten.

Während Ihrer Zeit hier in Chile gab es heftige Studentenproteste. Wie stehen Sie als Schulleiter der Bildungsreform unter Staatspräsidentin Michelle Bachelet gegenüber?
Das neue Erziehungsgesetz könnte sich negativ für uns und auch andere bilinguale Privatschulen auswirken. Ich hoffe aber, dass wir genügend Lobbyarbeit geleistet haben und bin optimistisch, dass die Regierung ein Interesse daran hat, dass der geringe Prozentsatz an reinen Privatschulen weiterhin gut funktioniert und nicht beeinträchtigt wird.
Die bisherige Bildungsreform ist nicht sehr gut gelaufen; es handelt sich eher um Kosmetik anstatt das Problem bei den Wurzeln anzupacken. Man müsste anfangen, in die Lehrerausbildung ausreichend Geld zu investieren und deren Bezahlung so zu gestalten, dass qualitativ eine Verbesserung eintritt. Das ist ein Prozess über 20 Jahre, wie ihn zum Beispiel Finnland nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hat. Hier will man dagegen Erfolge innerhalb von nur vier Jahren haben.
Die Studentenproteste waren und sind berechtigt, ich selbst bin Ende der 68er-Zeit groß geworden und vertrete daher die Meinung, dass es zum «Vorrecht» der Jugend gehört, zu protestieren und auch mal unsinnige Dinge zu tun. Das war in Deutschland so, das war in Frankreich so. Allerdings stellt sich die Frage, wie man Proteste ausführt. Gewalt ist nicht das richtige Mittel.

Sie werden ab den 1. Februar das staatliche Landschulheim Marquartstein in Bayern leiten. Wieso nicht eine weitere deutsche Schule in Mexiko oder Peru, wo Sie doch schon mehrere Jahre in Costa Rica, dann in Argentinien und nun in Chile tätig waren?
Das geht nicht, weil erstens nach einem Vertragsende im Ausland grundsätzlich ein Heimatstandort vorgeschrieben ist, und zwar mindestens für drei Jahre, um nicht den Kontakt zum jeweiligen Bundesland zu verlieren. Zweitens ist eine vierte Vermittlung ins Ausland nicht vorgesehen. Und drittens bin ich schon ein «alter Herr», der noch zwei Jahre in Bayern abzuleisten hat, bevor er in Pension geht.
Marquartstein ist mir nicht unbekannt, ich war dort von 1981 bis 1986 als Studienrat tätig. Gebürtig komme ich zwar aus dem bayerischen Cham, doch Marquartstein war für uns für eine gewisse Zeit der Lebensmittelpunkt, auch weil unsere beiden Kinder dort aufwuchsen.
Und im Übrigen bin ich Anhänger der These, dass man höchstens sechs bis acht Jahre Leiter einer Schule sein sollte. In Deutschland ist das anders, dort können es 20 Jahre und mehr sein. Doch das tut keiner Schule gut, denn man wird nach einer längeren Zeit bequem und bringt keine neuen Ideen und Innovationen hervor.

Herr Pschorn, zum Abschluss Hand aufs Herz: Was hat Ihnen an Chile gefallen und was nicht?
Die sechs Jahre an der Deutschen Schule waren schön, abwechslungsreich und spannend. Bei einer Schulgemeinschaft, die immerhin 5.000 Menschen umfasst, die täglich miteinander agieren, passieren viele Sachen, es gibt auch Konflikte. Ich habe hier viele tolle Menschen kennen gelernt und wertvolle Gespräche geführt. Die Zusammenarbeit mit Kollegen, dem Schulvorstand und den Schülern war super. Ich gehe gesund an Leib und Seele hier weg.
Das Land Chile und seine Menschen haben mich fasziniert. Mich hat eigentlich nur ein chilenischer Wesenszug gestört: Nämlich nicht eigene Fehler zugeben zu wollen. Ich selbst kann mich gut entschuldigen und sagen: Es tut mir Leid, ich habe einen Fehler gemacht. Würden das auch ein paar andere Menschen tun, könnte sich das Leben nachhaltig verbessern.

Herr Pschorn, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Arne Dettmann.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*