Auf Güßfeldts Spuren: DAV-Aufstieg zum Vulkan Maipo

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Im Jahr 1883 bestieg Paul Güßfeldt als Erster den Vulkan Maipo. Mehr als 130 Jahre später begab sich eine Gruppe vom Deutschen Andenverein (DAV) Santiago auf seine Spuren.

Von Arne Dettmann

Der Name Maipo ist kein unbekannter: Ein ganzes Tal bei Santiago de Chile trägt diese Bezeichnung, der zentrale Ort dort heißt San José de Maipo und der Maipo-Fluss schlängelt sich auf einer Strecke von 250 Kilometern bis zur Küste, wo er in den Pazifischen Ozean mündet. Die bedeutendste Wasserquelle der Metropolregion wird durch die Zuflüsse des Mapocho, Yeso, Colorado und Volcán sowie Olivares gespeist. Doch der Hauptursprung liegt tief in den Anden versteckt beim mächtigen Vulkan Maipo.

Das alles sind gute Gründe, das Gebirgsmassiv einmal selbst in Augenschein zu nehmen. Doch wir, eine dreiköpfige Gruppe des Deutschen Andenvereins (DAV) Santiago, bestehend aus Felipe Haase, Daniel Ibáñez und dem Autor dieser Zeilen, waren natürlich längst nicht die Ersten. Bereits vor mehr als 130 Jahren hatte sich ein Deutscher für den Vulkan interessiert und war nach Chile gekommen, um die Gegend zu erforschen.

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Paul Güßfeldt (1840-1920)

Richard Paul Wilhelm Güßfeldt, geboren 1840 in Berlin, hatte Naturwissenschaften und Mathematik in Heidelberg, Berlin, Gießen und Bonn studiert, dann seine Habilitation abgelegt und als Privatdozent gearbeitet. Nach seiner Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 folgte eine Forschungsexpedition auf dem Territorium der heutigen Republik Kongo sowie eine Reise nach Ägypten und in die Arabische Wüste. Im September 1882 machte sich der umtriebige Geograph und Alpinist auf den Weg nach Südamerika. Sein Ziel war das zentrale Andengebiet.

Über Valparaíso ging es nach Santiago und von dort aus in die Bergwelt, wo Paul Güßfeldt im Valle de Los Cipreses bei Rancagua ein großes Gletschergebiet entdeckte. Im Anschluss wanderte der Deutsche durch den Cajón del Maipo und schritt einem Seitental folgend in südöstlicher Richtung voran, bis er schließlich den Vulkan erblickte, auf dessen Mitte die Grenze zum Nachbarland Argentinien verläuft.

Auch wir wären dieser Reiseroute gerne gefolgt. Doch das chilenische Unternehmen Gasco, Besitzer und Wächter der dort verlaufenden, still gelegten Gaspipelines, verweigerte uns den Zutritt. Besser gesagt: Wir erhielten nicht einmal eine Antwort auf unsere Anfragen. Von anderen Bergsteigern wussten wir, dass diese Verweigerung kein Einzelfall darstellt. Somit blieb nichts anderes übrig, als über Los Andes die Grenze nach Argentinien zu passieren, an Mendoza vorbei wieder Richtung Süden zu fahren und sich schließlich von Osten her dem Vulkan anzunähern. Insgesamt legten wir für Hin- und Rückfahrt mehr als 1.000 Kilometer zurück, während der Maipo von Santiago aus nur etwa 110 Kilometer entfernt liegt. Verrückt, aber leider wahr.

Dafür war die positive Überraschung beim transandinen Nachbarn umso größer. Der Eintritt zum staatlichen betriebenen Naturpark rund um den Berg kostet zwar umgerechnet satte 50.000 chilenische Pesos, doch im Gegenzug fährt der Besucher auf gut ausgebauten Schotterpisten, erhält eine Menge an Informationen auf Schautafeln, kann sich ausgiebig mit den freundlichen Parkwächtern unterhalten, darf ein solide errichtetes und sauberes Toilettenhaus benutzen und folgt stets einer gut sichtbaren Ausschilderung auf Straßen und Pfaden. Auch die argentinische Gendarmerie zeigte sich offen und hilfsbereit.

Auf chilenischer Seite dagegen – nichts. Daher unsere Anregung: Vielleicht sollte sich die staatliche Tourismusagentur Sernatur einmal überlegen, den Zutritt von Gasco zu verlangen, den Weg zum Maipo auszubauen und ebenfalls eine minimale Infrastruktur dort anzulegen. Es würde sich wohl lohnen, denn am Wochenende füllte sich der argentinische Park mit Campern, Fahrradfahrern und Wanderfreunden, die diese Gegend genießen wollten.

Die Schönheit der Landschaft versetzte auch Paul Güßfeldt ins Staunen. Seinen damaligen ersten Eindruck hielt er in dem Buch «Reise in den Andes» fest, das 1888 in Berlin publiziert wurde:

«Wir traten bei 3.400 m aus unserer Enge in einen weiten Bergkessel, über dessen schwarzen Lavagrund der Sturm ungehemmt dahintobte, und ich starrte bewundernd auf eine andine Landschaft, über deren Großartigkeit alles physische Ungemach vergessen wurde. Gegensätze von Formen und Farben zeigten sich hier in ein Ganzes verschmolzen, und dieses Ganze trug den Stempel des Erhabenen.

Ein leuchtender Streifen grünblauen durchsichtigen Wassers ist in die schwarze Hochfläche eingelassen: die Laguna del Diamante. Dahinter steigt einfach und majestätisch der erloschene Vulkan Maipo (5.400 m) auf, mit seinem höchsten Kraterzacken den bläulichen Wasserspiegel noch um mehr als 2.000 m überragend. Ganz isoliert liegt der Berg da; nicht aus einer Kette, sondern aus einer Hochebene steigt er auf, anfänglich in sehr sanfter Steigung die 16 km breite Basis verlassend, dann steiler werdend, bis die Profillinien des eigentlichen Kegels im Winkel von 25 Grad aufgerichtet sind.

Zu diesem Bilde liefert die unterbrochene Kordillere der hohen Andes den Rahmen und stellt die Zerrissenheit ihrer Felsgebirge einen unbeschreiblichen wirkungsvollen Gegensatz zu der sanft geschwungenen Linie des Vulkans dar.»

Blick vom Vulkan Maipo aus auf das Tal mit der Laguna del Diamante
Blick vom Vulkan Maipo aus auf das Tal mit der Laguna Diamante

Auch wir sind vom Landschaftsbild überwältigt. Mitten in den Zentralanden eine gigantische Ebene, auf denen Dutzende von Guanako-Herden grasen. Es entsteht unweigerlich der Eindruck, man befände sich in der nordchilenischen Atacama-Wüste. Für diese außergewöhnliche Erscheinung gibt es eine geologische Erklärung.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass vor fünf bis zwei Millionen Jahren an gleicher Stelle mehrere Vulkane aktiv waren. Vor 500.000 Jahren kam es dann zu einer gewaltigen Eruption – wahrscheinlich die drittstärkste in der Geschichte –, bei der 500 Kubikkilometer an geschmolzenem Gestein aus dem Erdinnern herausgeschleudert wurden. Bis zu 30 Meter dicke Ablagerungen dieser Explosion in Form von Bimsgestein sind in Chile in der Gegend beim Flughafen von Santiago, ja sogar bis zur Pazifikküste zu sehen. Nicht umsonst bedeutet Maipo oder Maipú in der Mapuche-Sprache «bearbeitete Erde».

Die entleerten Magmakammern brachen schließlich bis zu einer Tiefe von fünf Kilometern zusammen, es entstand die Caldera de Diamante, ein riesiger Kessel von 20 mal 16 Kilometer Durchmesser. In der Mitte begann sich wahrscheinlich vor 100.000 Jahren, ebenfalls durch vulkanische Aktivität ausgelöst, der Maipo zu erheben. Die Laguna Diamante, die aufgrund ihrer Größe fast schon als See zu bezeichnen ist, entstand durch Gletschereinwirkung vor 14.000 Jahren.

Der Maipo gilt als ein aktiver Vulkan, auch wenn Paul Güßfeldt dem Gebirge eine «vornehme Ruhe» bescheinigte. Jüngere Ausbrüche datieren auf die Jahre 1826, 1829, 1905 und 1912. Doch der wissbegierige und nach Taten strebende Deutsche ließ sich nicht abschrecken: «Von dem Augenblick an, wo ich den Maipo zuerst sah, hatte ich ihn auf die Erreichbarkeit seines Gipfels geprüft, und an jenem kalten Morgen des 18. Januar 1883 stand der Entschluss fest, die Besteigung auszuführen.»

Kein Spaziergang: Die DAV-Mitglieder Felipe Haase, Daniel Ibáñez und Arne Dettmann
Die DAV-Mitglieder Felipe Haase, Daniel Ibáñez und Arne Dettmann

Und auch wir machen uns auf den Weg. Mir schwerem Rucksack geht es von der Lagune aus zehn Kilometer bis zum Zeltlager auf 4.000 Meter Höhe. Während der fünf Stunden durchwandern wir flache Täler, schwarze Geröll- und Schuttablagerungen und kommen an einer Art Minivulkan namens Nicanor vorbei, der wahrscheinlich vor 28.000 Jahren entstand.

Um fünf Uhr am nächsten Morgen brechen wir auf. Doch wir haben Pech: In der Dunkelheit verfehlen wir den Weg und vergeuden fast zwei Stunden am Rande eines Büßerschneefeldes (penitentes). Doch auch auf dem eigentlichen Pfad erwartet uns kein einfacher «Spaziergang», wie Paul Güßfeldt in seinem Buch bereits warnt. Halden aus Steinen so groß wie Kühlschränke und so klein wie Golfbälle machen aus dem Aufstieg eine mühsame Rutschpartie. Um 12 Uhr mittags zeigt der Höhenmesser zwar 4.860 Meter, doch damit sind wir immer noch weit vom Ziel entfernt. Nur Daniel Ibáñez, der einfach besser trainiert ist, gelingt es, weiter hoch zu marschieren und einen Blick auf den Krater zu werfen. Dann drängt die fortgeschrittene Stunde zum Abstieg.

Auch Paul Güßfeldt brauchte seine Zeit. Laut Bericht brach er am 19. Januar um 1 Uhr morgens in Begleitung mit zwei Arrieros auf, die schließlich beim Aufstieg zurückblieben. Und um 13.15 Uhr setzte er seinen Fuß auf den Gipfel, dessen Höhe in Chile offiziell mit 5.264 Metern und in Argentinien mit 5.323 Metern angegeben wird. Der deutsche Wissenschaftler selbst schleppte einen Kochapparat mit nach oben und bestimmte mit einem Thermometer den Siedepunkt, der mit wachsender Höhe abnimmt. Daraus lässt sich indirekt der Luftdruck und schließlich die Höhe ableiten: 82,6 Grad Celsius, also 5.400 Meter, so Güßfeldt.

«Nach fast einstündigem Aufenthalte auf dem Gipfel schickte ich mich zur Rückkehr an. Zuvor riss ich ein Blatt Papier aus dem Notizbuch, schrieb darauf „Dr. Paul Güßfeldt, Berlin, 1883 Jan. 19, 1 Uhr 15 Min. allein“, steckte es in eine Blechbüchse und deponierte dieses Zeichen menschlicher Anwesenheit auf den großen roten Schlacken des Gipfels und bedeckte es mit den schweren schwarzen Lavasteinen.»

Wir selbst sind kurz nach 20 Uhr wieder bei der Lagune und wirklich fix und fertig. Unser Fazit: Wir haben den Maipo unterschätzt. Der Vulkan ist zwar nicht so hoch wie andere 5.000er und 6.000er, die wir erklommen haben. Aber in der Besteigung entpuppte er sich doch wesentlich länger und anstrengender.

Paul Güßfeldt: «Bedrückt und erschöpft suchte ich das Lager auf, als der Frost bereits eingesetzt hatte. Europäische Reminiszenzen zauberten mir ein warmes Bad, ein windstilles Zimmer, blendende Betttücher und ein weiches Nachtgewand vor; stattdessen lag ich da zwischen den wollenen Friesdecken, in derselben Vermummung, mit der ich auf dem Maipo gestanden hatte, während die Nacht kalt und kälter wurde und der Wind über den Boden hinblies. Ein elend und erbärmlich Leben! – Das war der Gedanke, mit dem ich entschlief.»

Übrigens: Nur einen Monat später erreichte Paul Güßfeldt damals beim Aconcagua eine Rekordhöhe von 6.400 Metern und erforschte im April und Mai das Hochland von Bolivien. Doch das sind andere Geschichten von dem emsigen Forschungsreisenden, nach dem in den Alpen mit dem «Point Güßfeldt» und «Güßfeldsattel» zwei Stellen benannt wurden und der zudem die Nordlandfahrten für Wilhelm II. organisierte, auf denen er den Kaiser begleitete.

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